"Type" und "Pinocchio": SPD-Chef Gabriel und Generalsekretärin Nahles vergreifen sich bei ihren Attacken auf Bundespräsident Wulff im Ton. Der ist weder ein rülpsender Rummelplatz-Rowdy noch ein liebenswürdiger Lügner. Die Sozialdemokraten werden der Affäre um das Staatsoberhaupt so nicht gerecht und schaden nur sich selbst und der Politik.
Wenn es um die Affäre von Bundespräsident Christian Wulff geht, finden Sozialdemokraten selten den richtigen Ton. Ursprünglich wollte sich kein SPD-Mensch zu den ungewöhnlichen Vorteilen äußern, die Wulff in Anspruch nahm, geschweige denn einen Rücktritt fordern. Das war sonderbar, denn in Fragen politischen Anstands sind die Sozialdemokraten gemeinhin gesprächig, zumindest wenn es um die politische Konkurrenz geht.
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Zwischenzeitlich nannte man Wulff eine Belastung für das Amt und das Land, was weitgehend zutreffend und mithin nicht zu beanstanden ist. Nun aber befleißigen sich namhafte Sozialdemokraten in dieser Causa einer befremdlichen Sprache.
Der Vorsitzende Sigmar Gabriel nennt ihn "die Type im Bundespräsidialamt", Generalsekretärin Andrea Nahles bezeichnet ihn als "Pinocchio". Der Märchenfigur wuchs bekanntlich bei jeder Unwahrhaftigkeit die Nase, der Name ist ein Synonym für notorische, wenngleich liebenswürdige Lügner.
Mit solchen Ausdrücken wird man dem Fall Wulff nicht gerecht. Wenn ein Politiker einen anderen abfällig eine "Type" nennt, schadet er weniger dem Objekt seiner Kritik als dem Ansehen seines gesamten Berufsstandes.
Unter einer "Type" stellt man sich einen Rummelplatz-Rowdy vor, der womöglich noch in seine Bierflasche rülpst. Damit will man Wulff beschreiben? Andererseits ist er auch kein infantiler Flunkerer, dessen Eskapaden Kinderherzen rühren.
Er ist der Erste Mann im Staat, der inzwischen vor allem öffentliches Unbehagen auslöst. Das ist ein hochpolitisches Problem. Und eine Partei, die gern wieder regieren möchte, müsste dafür doch die richtigen Worte finden.
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(SZ vom 01.02.2012/mane)
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Zwischen Musik und dem Misston liegt ein kleiner Unterschied begraben, man kann beides gut hoeren. Es stimmt schon, berechtigte Kritik auch am Bundespraesidenten ist voellig richtig, nur die SPD haette es nicht noetig sich so im Ton zu vergreifen. Vieicht erinnert sich sich noch an den ehemaligen Ministerpraesidenten Schroeder, auch er ist Rechtsanwalt und hat viele Promis als Klientel. Auch kommen solche Toene in der Oeffentlichkeit nicht gut an, jeder weiss auch, Morgen laeuft ein anderer schwazer Kater durch den Ort. Dann steht darauf geschrieben SPD oder was auch immer.
Als Oppositionsführer im niedersächsischen Landtag warf Wulff im Jahr 1999 dem damaligen Ministerpräsidenten Gerhard Glogowski in einer Sponsoringaffäre vor, „seine Unabhängigkeit und damit seine politische Handlungsfähigkeit“ verloren zu haben, so dass deshalb die Niederlegung des politischen Amts unvermeidlich wurde.
Wulff ging nach dem Rücktritt Glogowskis noch weiter, indem er forderte, dessen Pension, mindestens aber dessen Übergangsgeld zu kürzen.
Und noch ein Schmankerl:
Wulff gehörte in Jahr 2000 wegen der " Düsseldorfer Flugaffäre"zu den schärfsten Kritikern des damals amtierenden Bundespräsidenten Johannes Rau und forderte in der Berliner Zeitung im Januar 2000 dessen Rücktritt: „Es ist tragisch, dass Deutschland in dieser schwierigen Zeit keinen unbefangenen Bundespräsidenten hat, der seine Stimme mit Autorität erheben kann. Es handelt sich in Nordrhein-Westfalen offensichtlich um eine Verfilzung mit schwarzen Reise-Kassen jenseits der parlamentarischen Kontrolle. Dies stellt eine Belastung des Amtes und für Johannes Rau dar.
Nahles versucht sich immer wieder an gewollt burschikosen Formulierungen und fällt damit regelmäßig auf die Nase.
Über selbige gesprochen : Das gilt auch für ihren Pinocchio-Ausspruch.
Wie im Artikel bereits angedeutet ,hat sich P. seine große Beliebtheit dadurch verschafft , dass er ein - eben liebenswerter , mit seinen Fehlern ringender - Lausbub ist.
Will Nahles das wirklich für Wulff gelten lassen ?
Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich weiß sie gar nicht, dass sie eher ein Kompliment ausgesprochen hat.
Da wird er also als liebenswürdig bezeichnet. Das meint wohl seinen leisen Auftritt mit sanften Tönen. Aber doch gibt es einiges, dass einem weniger liebenswürdig vorkommen mag. Da ist zum Beispiel der Eindruck, dass er mit aller Härte dem politischen Gegner schon viel harmlosere Dinge vorgewaorfen hat mit einem Drängen nach Rücktritt, weil da zum Beispiel ein Bundespräsident nicht mehr "unbefangen" gewesen sei. Seinem Amtsvorgänger in Niedersachsen wollte er wegen ebenfalls sehr viel geringerer Verfehlungen als seiner eigenen gar damals die Ruhestandsbbezüge kürzen. Der Eindruck ist da, dass er einen langen Freund und Weggefährten als Sündenbock gebraucht.
Nein. Vorbildlich oder gar liebenswürdig kommt er mir schon lange nicht mehr vor. Und ich sehe in dieser Formulierung eher eine bewusste Verharmlosung des Geschehens.
Im Sinne der kantschen Ethik frage ich mich, ob wir künftig mit ertappten Politikern immer so umgehen sollen. Was ist los, wenn sich das durchsetzt? Da brechen dann ganz neue Zeiten in der Politik an.
Welcher Politik könnte die SPD denn schaden?
Sieht man sich an, was die Ergebnisse der Politik der gegenwärtigen Koalition sind, ist das doch Schaden genug. Und den hat nicht die SPD nicht verschuldet, aber allerdings auch nichts dagegen getan.
Und es ist auch nicht zu erwarten, daß sie die Absicht hat, irgendetwas derartiges zu tun. Wenn es nach der nächsten Wahl nicht für Rot_Grün reicht, schlüpft sie doch wieder mit der CDU ins warme Nest.
Übrigens widerspricht sich die Autorin doch selbst, wenn sie Wulff einen "liebenswürdigen Lügner" nennt. Dann ist doch nichts Schlimmes dabei, wenn Frau Nahles ihn einen "Pinoccio" nennt. Es ist doch quasi eine Liebeserklärung.
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