Angriff auf Gaza "Uns stehen furchtbare Nachrichten bevor"

Die Hamas, ein gefährliches Polit-Vakuum und die Rolle des israelischen Wahlkampfs: Vier Fragen zur Eskalation in Nahost an den SZ-Korrespondenten Thorsten Schmitz.

sueddeutsche.de: Israel hat vor Ablauf des 48-Stunden-Ultimatums den Gaza-Streifen angegriffen, obendrein noch am jüdischen Feiertag, dem Schabat. Warum jetzt?

Thorsten Schmitz: So banal es klingen mag: Das hat auch mit dem Wetter zu tun. In den letzten drei, vier Tagen gab es einen heftigen Wintereinbruch, die Wolkendecke war geschlossen, es regnete und stürmte. Da die israelischen Kampfflugzeuge bei ihren Attacken recht tief fliegen, konnten sie nicht angreifen. Und weil Israel nicht glaubt, dass sich die Hamas an irgendein Ultimatum hält, hat die Armee jetzt schon zugeschlagen. Überraschend ist es nicht, dass die israelischen Streitkräfte an einem Schabbat Militäreinsätze durchführt - das haben sie in der Vergangenheit auch getan. Was dennoch etwas verwundert: Obwohl sich das Sicherheitskabinett für einen Militärschlag entschieden hatte, sollte eigentlich an diesem Sonntag der Rest des Kabinetts dem Einsatz zustimmen. Vermutlich dachte man, das sei eine reine Formalität - und hat jetzt schon zugeschlagen.

sueddeutsche.de: Israel wählt Anfang Februar ein neues Parlament und damit auch eine neue Regierung. Welche Rolle spielt der Konflikt mit der Hamas im Wahlkampf?

Schmitz: Im israelischen Wahlkampf, der immer relativ platt geführt wird, ist das Thema sehr wichtig. Man glaubt, Stimmen gewinnen zu können, indem man sich als starker Anführer für Israel gibt. Auch Tzipi Livni, die Außenministerin, geht mit diesem Kniff hausieren, aber vor allen Dingen könnte dieser Einsatz dem Verteidigungsminister Ehud Barak zugute kommen. Der Chef der Arbeitspartei, der bei den Wahlen zum zweiten Mal Premierminister werden möchte, will mit der Militäraktion zeigen, dass er bereit wäre, in den Gazastreifen einzumarschieren - um damit den Raketenregen auf Südisrael einzudämmen. Eine falsche Einschätzung. Der Glaube, man könne Gewalt mit Gegengewalt effektiv eindämmen, ist kurzsichtige Politik, die in Israel schon seit Jahrzehnten betrieben wird.

sueddeutsche.de: Wie wird die radikalislamische Hamas auf die israelischen Attacken reagieren?

Schmitz: Ebenfalls mit Gewalt, die Rache-Drohungen sind ausgesprochen und die ersten Raketen fliegen wieder. Mir tun die israelischen Anrainer im Gazastreifen leid, die in der kommenden Zeit ständigem Beschuss ausgesetzt sein dürften. Das ist leider der traurige Kreislauf im Nahost-Konflikt: Beide Seiten - palästinensische Extremisten, aber auch das vom Militär stark geprägte Polit-Establishment in Israel - glauben, sich mit Gewalt durchsetzen zu können. Man kommt leider nicht auf die Idee, eine andere Strategie auszuprobieren. Es ist nicht sehr "in", im Wahlkampf von einem Dialog zu sprechen, aber: Es wäre einen Versuch wert, die Hamas einzubinden. So hat man das ja auch mit den Al-Aksa-Brigaden gemacht. Der militärische Flügel der Fatah war ja auch für Terrorattacken und Selbstmordanschläge verantwortlich. Israel versuchte, deren Mitglieder zu liquidieren, aus der Luft anzugreifen - es half alles nichts. Diese Brigaden gibt es heute nicht mehr. Sie haben Ihre Waffen niedergelegt, nachdem man ihnen Amnestie versprochen hat, sie wurden in die Polizei des Westjordanlandes integriert. Das ist eigentlich der Beweis, dass es auch anders geht.

sueddeutsche.de: Die israelischen Streitkräfte erklärten nach den Luftschlägen, das sei erst der Anfang gewesen. Wer kann den Konflikt nun entschärfen?

Schmitz: Derzeit gibt es ein politisches Vakuum, das ist sehr gefährlich. Israels Regierungschef Ehud Olmert ist bald ohnehin nicht mehr in seinem Amt, in diesen Wochen ist er nur noch eine "lahme Ente". Eine ähnliche Situation gibt es in den USA: Bis die Regierung des künftigen US-Präsidenten Barack Obama einsatzbereit ist, vergehen auch noch etliche Wochen. Eigentlich kann nur die Europäische Union intervenieren. Ich befürchte, dass die Situation weiter eskaliert. Was auch in weite Ferne rückt, oder gar unmöglich wird, ist die Freilassung des von der Hamas entführten israelischen Soldaten Gilat Schalit. Ich hoffe nicht, dass die Geiselnehmer ihm nun etwas antun oder gar öffentlich exekutieren. Uns stehen furchtbare Nachrichten bevor, mit vielen Toten und Verletzten, auf beiden Seiten.

Thorsten Schmitz ist Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Tel Aviv. Die Fragen stellte Oliver Das Gupta.