Ein Kommentar von Heribert Prantl

Mit Machtworten allein kann man nicht regieren. Aber eine eigene Handschrift braucht man schon. Zum Führungsstil von Kanzlerin Merkel.

An der Spitze der Bundesregierung steht nicht Alexander der Große, der jeden Tag einen Knoten durchhaut, sondern Angela Merkel, die jede Woche einmal daran zupft. Sie ruft dabei nicht "hau ruck". Aber diejenigen, die das einst Gerhard Schröder angekreidet haben, sehnen das jetzt herbei. Das spiegelt ein etwas autoritäres Politikverständnis wider.

Angela Merkel Bundeskanzlerin CDU Führungsstil ddp

Regiert die CDU anders als Kohl ohne Empathie, ohne Wärme, ohne ansteckende Begeisterung: Bundeskanzlerin Angela Merkel (© Foto: ddp)

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In der CDU heißt es, Merkel möge doch endlich die Ärmel aufkrempeln, sie möge die abwischbare Politik beenden, die Allgemeinplätze verlassen, sie müsse viel stärker zeigen, dass sie nicht nur Kanzlerin, sondern auch Parteivorsitzende ist.

Es sind vor allem die Konservativen in der Partei, die so reden, und sie werden von der konservativen Presse befruchtet. Aber das Pech der Konservativen in der Partei beginnt schon damit, dass es keinen prominenten Konservativen in der Partei mehr gibt - die Zeit der Dreggers, Lummers und Kanthers ist vorbei, und Roland Koch lässt sich konservativ nicht vereinnahmen.

Merkel ist, das macht sie für so manche in ihrer Partei suspekt, die Personifikation des Wechselwählers - und ist deshalb für diese so anziehend. In ihrer Person verkörpert sie, wohldosiert, ganz Unterschiedliches.

Wer das Konservative in seiner Reinform liebt und es in der Bundesrepublik der sechziger und siebziger Jahre zu finden meint, dem ist eine Parteichefin suspekt, die von sich sagt, dass sie mal dies sei und mal jenes.

Verzwergung der Politik

Indes: die deutsche Gesellschaft ist nun einmal nicht mehr so ideologisch geprägt wie damals. Es wäre also absurd, wenn eine Partei, die Volkspartei sein will, sich so ideologisch gebärden würde wie damals.

Aber es täte wahrscheinlich der CDU gut, wenn konservative Positionen prominent verkörpert würde - zum Beispiel von Frau Steinbach. Das Lavieren von Angela Merkel in der Steinbach-Debatte tur ihr und der Union nicht gut.

Die Rufe nach einem Machtwort der Kanzlerin Merkel sind koalitions- und wirklichkeitsfremd. Die Suche nach einer eigenen Handschrift der Parteivorsitzenden Merkel nicht.

Man sucht diese Handschrift - und findet an deren Stelle nur drei Kreuze.

Man hat bisweilen schon den Eindruck, Angela Merkel habe sich vorgenommen, die Verzwergung der Politik rhetorisch und intellektuell darzustellen. Über den Afghanistan-Einsatz redet sie so, als handele es sich um den morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich, um irgendeine Facette der Gesundheitsreform.

Regieren ohne Wärme

Ihre Reden nicht nur zu Afghanistan sind unangemessen floskelhaft. Man wünscht sich mehr nachdenkliche Klugheit, man wünscht sich ein bisschen mehr Intellektualität. Es beginnt schon mit dem Koalitionsvertrag: Es handelte sich um die Präsention sehr kleiner, eher zufälliger und oft auch noch höchst unkonkreter Lösungen für große Probleme.

Aber solche Klagen kennt man schon lang. Man kennt sie schon aus den Jahren, in denen Helmut Kohl noch Kanzler war. Die Kritik an Merkel erinnert an die Kritik an Kohl. Der hat immerhin sechzehn Jahre regiert.

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Merkel regiert ihre Partei, anders als Kohl - und das ist ihr großes Manko - ohne Empathie, ohne Wärme, ohne ansteckende Begeisterung. Sie ist zu wenig Führerin und zu viel Geschäftsführerin. Sie kann schlagen, aber nicht so gut streicheln.

Sie hat für Wahlerfolge gesorgt, aber sie wärmt die Seele der Partei nicht. Das wird ihr eines nicht siegreichen Tages noch Schwierigkeiten machen.

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(sueddeutsche.de/odg)