Angela Merkel über die Europäische Union "Meine Vision ist die politische Union"

SZ: Was macht diese Machtfülle aus Ihnen? Man nennt Sie Eiserne Kanzlerin, Frau Bismarck. Ist das unheimlich?

Merkel: Ich handele nach bestem Wissen und Gewissen. Ich habe 35 Jahre in einem Land gelebt, das Gott sei Dank wegen ökonomischer und politischer Unfähigkeit letztlich nicht überleben konnte, das weggefegt wurde von dem Freiheitswillen der Menschen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Europa mit seiner Demokratie, seinen Menschenrechten, seinen Freiheitsidealen und seinen Werten den Menschen, die hier leben, und auch der Welt viel zu geben hat.

Wir stellen in Europa noch sieben Prozent der Weltbevölkerung. Wenn wir nicht zusammenhalten, wird man unsere Stimme und unsere Überzeugungen kaum wahrnehmen. In dieser europäischen Friedens-, Werte- und Wohlstandsidee liegt mein Motiv, deswegen möchte ich nicht, dass wir uns nur durch die Krise durchwursteln. Ich möchte kein Europa, das ein Museum ist, für all das, was einmal gut war, sondern ein Europa, in dem erfolgreich Neues geschaffen wird. Ich weiß, das bedeutet für viele eine sehr, sehr große Veränderung, deshalb müssen wir uns gegenseitig unterstützen. Aber wenn wir vor diesen Anstrengungen zurückschrecken, einfach nur nett zueinander sind und alle Reformansätze verwässern, dann leisten wir Europa ganz sicher einen schlechten Dienst.

SZ: In Frankreich gibt es den sehr emotionalen Begriff vom Verlangen nach Europa - le désir de l'Europe. Möglicherweise sind Ihnen derartige Emotionen unheimlich. Dennoch: Können Sie mit Europa ein Gefühl verbinden?

Merkel: Natürlich, alles, was ich tue, tue ich doch aus der festen Überzeugung, dass Europa unser Glück ist - ein Glück, das wir bewahren müssen. Wenn wir Europa nicht hätten, würde vielleicht auch unsere Generation gegeneinander Krieg führen. Ich habe 35 Jahre lang, bis die Mauer fiel, darunter gelitten, dass ich nicht einfach so nach Westeuropa durfte. Das war für mich der Traum. Das ist mein Kontinent. Ein Kontinent, auf dem die Menschen an den gleichen Werten hängen wie ich. Ein Kontinent, mit dem man die Welt mitgestalten kann, mit dem man für all das eintreten kann, was die Zukunft der Menschheit sichert: Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Demonstrationsrecht, nachhaltiges Wirtschaften, Klimaschutz. Aber dieses Gefühl für Europa wird alleine nicht ausreichen, um den Menschen Wohlstand und Arbeit zu geben. Wir müssen jeden Tag etwas dafür tun.

SZ: Wäre es nicht an der Zeit für die große Vision, Ihren Zehn-Punkte-Plan für Europa?

Merkel: Lesen Sie meine Rede zum Jubiläum der Römischen Verträge. Das ist mein Bekenntnis zu Europa. Aber - um noch mal auf Ihre Musikmetapher zurückzukommen: Zurzeit sollten wir nicht darüber reden, wie schön Musik grundsätzlich ist. Sondern wir müssen im Konzert der Weltmärkte mitspielen. Die wollen was Ordentliches hören.

SZ: Gehören zu Ihrer Vision die Vereinigten Staaten von Europa?

Merkel: Meine Vision ist die politische Union, denn Europa muss seinen ganz eigenen Weg gehen. Wir müssen uns Schritt für Schritt annähern, in allen Politikbereichen. Wir merken doch immer mehr, dass uns jedes Thema beim Nachbarn auch wechselseitig etwas angeht. Europa ist Innenpolitik.

SZ: Wie soll sich das institutionell und strukturell spiegeln?

Merkel: Wir werden im Laufe eines langen Prozesses mehr Kompetenzen an die Kommission abgeben, die dann für die europäischen Zuständigkeiten wie eine europäische Regierung funktioniert. Dazu gehört ein starkes Parlament. Die gleichsam zweite Kammer bildet der Rat mit den Regierungschefs. Und schließlich haben wir den Europäischen Gerichtshof als Oberstes Gericht. Das könnte die zukünftige Gestalt der politischen Union Europas sein, in einiger Zukunft, wie gesagt, und nach vielen Zwischenschritten.

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