Interview: Evelyn Roll

Zum 65. Jahrestag des Kriegsendes spricht die Kanzlerin über Israel, Antisemitismus und den Umgang der Deutschen mit der Vergangenheit.

Angela Merkel wurde am 17. Juli 1954 in Hamburg geboren. Wenige Wochen nach ihrer Geburt siedelten die Eltern, ein evangelischer Pfarrer und eine Lehrerin für Englisch und Latein, in die DDR über. Der Vater übernahm dort eine Pfarrei in Quitzow bei Perleberg, von 1957 an dann die Leitung des Pastoralkollegs in Templin. Merkel wurde Doktor der Physik. Nach dem Fall der Mauer ging sie in die Politik und machte dort eine der rasantesten politischen Karrieren in der Geschichte Deutschlands. Sie ist heute Bundeskanzlerin und Vorsitzende der CDU Deutschlands.

Merkel, dpa

"Erst ein tieferes Verständnis, ob und inwieweit Antisemitismus in der Bevölkerung verbreitet ist, bietet die Grundlage wirksamen Eingreifens dagegen", sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel. (© Foto: dpa)

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SZ: Frau Bundeskanzlerin, was bedeutet der 8. Mai 1945 für Sie?

Angela Merkel: Das Ende eines schrecklichen Krieges. Das Ende von millionenfachem Mord, des Holocaust. Damit ist der 8. Mai der Tag der Befreiung Deutschlands und Europas vom Nationalsozialismus.

SZ: Erinnern Sie sich noch, wie alt Sie waren und durch wen oder welches Buch oder welchen Film Sie verstanden haben, dass es außer diesem schrecklichen Krieg auch noch Konzentrationslager gab, in denen viele Millionen Juden ermordet worden sind?

Merkel: Das Konzentrationslager Ravensbrück lag weniger als zwanzig Kilometer von meiner Heimatstadt Templin entfernt. Wir haben die Gedenkstätte jedes Jahr mit der Schule besucht. Und die Klassenlehrerin hat in den ersten vier Schuljahren oft vom Krieg berichtet. Aber: Die Ermordung der Juden kam in ihren Erzählungen und auch bei unseren Besuchen in der KZ-Gedenkstätte eigentlich nicht vor. Es war vor allem die Rede von den Kommunisten, die dort umgebracht wurden, vielleicht noch von den Sozialdemokraten.

SZ: Haben Ihre Eltern Ihnen vom Holocaust erzählt?

Merkel: Ja, ausführlich. Und dann habe ich auch bei den Besuchen im Konzentrationslager gezielt danach gefragt. In den Antworten wurde dann nichts verheimlicht. Aber man musste es sich Schritt für Schritt erarbeiten.

SZ: War die DDR antisemitisch?

Merkel: So weit würde ich nicht gehen. Nur wenige überlebende Juden sind in die DDR zurückgekommen, darunter vor allem Kommunisten. Der Vater von Gregor Gysi zum Beispiel, der Staatssekretär für Kirchenfragen war. Aber wahrnehmbares jüdisches Leben gab es nicht in der DDR. Es gab auch keine Stimme der jüdischen Gemeinden wie den Zentralrat der Juden oder etwa eine jüdische Assoziation unter dem Dach der sogenannten Nationalen Front. Aber ich wusste in meiner Jugendzeit, dass in der Sowjetunion Juden unterdrückt und diskriminiert wurden, was ich sehr schlimm fand. Es gab in der DDR sogar Witze darüber.

SZ: Mögen Sie einen erzählen?

Merkel: Nein, sie waren alle bitter, das möchte ich nicht.

SZ: Stramm antizionistisch wie die Sowjetunion und Teile der westdeutschen Studentenbewegung war die DDR aber auch.

Merkel: Ja, das drückte sich in der fehlenden Anerkennung Israels aus. Es gab ja Israel für die DDR gar nicht. Wir hatten nicht einmal Postverkehr mit Israel. Immer wenn wir Sonderdrucke von Arbeiten über physikalische Chemie aus Israel haben wollten, dann haben wir an Amerikaner geschrieben, die wir kannten, und die haben das nach Israel weitergeleitet. Als dann die DDR zusammenbrach, und die erste frei gewählte Volkskammer zusammentrat, war es eine der ersten Amtshandlungen, dass wir diplomatische Beziehungen zu Israel aufgenommen haben. Das war damals ein ganz wichtiger Schritt.

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