Angela Merkel auf dem Bundesparteitag Die CDU, das bin ich

Und das ist auch gut so: Angela Merkel verkauft sich auf dem Bundesparteitag der CDU als Allheilmittel. Sie stichelt gegen die FDP, vereinnahmt die rot-grüne Agenda 2010 und lässt ihre Parteifreunde weitgehend außer Acht. Die danken es ihr mit dem besten Ergebnis aller Zeiten.

Von Michael König, Hannover

Da steht sie, ganz alleine, und winkt. Geht zu ihrem Platz und setzt sich, steht wieder auf und geht wieder nach vorne. Acht Minuten lang dauert der Applaus. Dann wird es Angela Merkel zu einsam, sie holt David McAllister an ihre Seite. Der Ministerpräsident von Niedersachsen wirkt euphorisiert, legt eine Spur zu überschwänglich seinen Arm um ihre Schulter. Merkel mag so viel Körperlichkeit nicht. McAllister merkt das und lässt sie los. Merkel steht wieder alleine da.

Das Bild hat Symbolcharakter. Nie zuvor ist ein CDU-Parteitag so sehr auf Merkel zugeschnitten gewesen, sagen Vertraute. Und das sei auch gut so. Nach dem Karriereknick der Roland Kochs, Christian Wulffs und Norbert Röttgens dieser Partei gilt nur noch eins: Merkel ist die CDU, die CDU ist Merkel.

Das wird bei ihrer Wiederwahl zur Vorsitzenden deutlich: Fast 98 Prozent stimmen für Merkel. Das ist ihr bestes Ergebnis aller Zeiten. "Ich bin platt und bewegt und danke für das Vertrauen", sagt Merkel. "Jetzt geht's wieder ran an den Speck, wir haben viel vor, nech?"

Deutlich wird Merkel zuvor auch schon in ihrer Rede. Sie lobt kaum jemanden namentlich. Der vermeintliche Erfolg dieser Regierung ist ihrer. Deutschland braucht nur sie und die CDU. Dann wird schon alles gut.

Gleich mehrfach nennt Merkel Schwarz-Gelb die "erfolgreichste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung". Das hat sie zuvor schon im Bundestag getan - und war von Faktenprüfern abgewatscht worden. Ökonomisch gesehen sei diese These "nicht zu halten", urteilten die Dokumentare des Spiegel und vergaben die Schulnote "Fünf".

Merkel ficht das nicht an. Die Kritiker seien bloß irritiert, weil die CDU so selbstbewusst auftrete, sagt Merkel. Sie habe "noch niemanden gehört, der die Fakten anzweifelt".

Merkels engster Machtzirkel

So geht es weiter. Die Reformen der Agenda 2010, erfunden und durchgesetzt von Rot-Grün, widmet Merkel kurzerhand zu ihrem Projekt um. "Ich sage ganz klar: Die Agenda 2010 war richtig", sagt Merkel. "Deshalb haben wir sie damals in der Opposition unterstützt." Die SPD wisse heute gar nicht mehr, was sie damit anfangen solle. "Wir beschäftigen uns nicht mit der Vergangenheit, wir setzen auf die Zukunft."

Mit der FDP verfährt Merkel ähnlich. Deren ehemaliger Vorsitzender Guido Westerwelle hatte sich zuvor ein klares Statement zugunsten von Schwarz-Gelb gewünscht. Merkel zitiert eine "Satiresendung", die ihr aus der Seele gesprochen habe: "Gott hat die FDP vielleicht nur erschaffen, um uns zu prüfen." Viel Gelächter in der Messehalle Hannover.

Sie relativiert: "Die FDP hat das vermutlich auch schon über uns gedacht." Trotzdem, die Ohrfeige sitzt. McAllister, der die Liberalen bei der Landtagswahl am 20. Januar braucht, um seine Macht zu retten, applaudiert leicht verkrampft. Die FDP liegt bei vier Prozent in Niedersachen. Wenn es so bleibt, reicht das hinten und vorn nicht für eine schwarz-gelbe Neuauflage.

Die Streitpunkte im eigenen Programm finden bei Merkel kaum statt. Und wenn, dann gibt sie sich bemerkenswert flexibel. Zur Frauenquote sagt Merkel: "Meine Geduld bei dem Thema geht zu Ende. Ich will jetzt Resultate sehen!" Dabei befürwortet sie die "Flexi-Quote" von Familienministerin Kristina Schröder. Die bringt nicht automatisch Resultate. Sie sieht vor, dass sich Unternehmen freiwillig zur Frauenförderung bekennen. So wie sie das bisher auch schon tun sollen.

Der Rest ist Wachstum, Zusammenhalt, Integration. Merkel hätte genauso gut den Leitantrag des Bundesvorstands vorlesen können. Stattdessen gibt es ein Best-of ihrer Regierungserklärungen, für das es beim Fußball die gelbe Karte gäbe: Zeitspiel.

Es ist die Rede einer Pragmatikerin, die nie die Herzen ihrer Parteifreunde erreicht hat. Herzenswärme ist auch wirklich nicht ihr Ding. Sie ist Physikerin, denkt vom Ende her. Und doch versucht sie es immer mal wieder. Wie jetzt, als sie von einer Inschrift in einem Brunnen in ihrem Wahlkreis spricht. Sie senkt die Stimme und zitiert: "Gottes sind Wogen und Wind, aber Segel und Steuer sind euer."

Andere Redner steigen mit einem Appell aus, mit einem "Und nun los!" oder "Packen wir es an!". Merkel macht mit ihrer Schlusspassage die Entschleunigung perfekt. Und erntet doch langen Applaus. Und später das beste Wahlergebnis aller Zeiten. Und der Slogan für die Wahl 2013, das hat der Bundestags-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder jüngst der SZ verraten, steht auch schon fest: "Auf die Kanzlerin kommt es an".