Andrea Ypsilanti vor der Hessen-Wahl: Alles andere als Roland Koch Vorwärts auf der Achse des Guten

Wenn es um gerecht und ungerecht geht, fühlt sich die hessische SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti in ihrem Element - doch Flügel hat ihr erst der Gegner verliehen.

Eine Reportage von Christoph Hickmann

Andrea Ypsilanti ist Diplomsoziologin, sie hat ihre Abschlussarbeit über "Biographien einflussreicher Frauen" geschrieben. Es geht in dieser Arbeit viel um Vater-Tochter-Beziehungen, um Rollenmuster und Erwartungen, doch vielleicht steckt das Wesentliche schon in der ersten Fußnote. Darin geht es um die Definition von Macht, von der Autorin gleichgesetzt mit "öffentlich sichtbarer Einflussnahme". Eingereicht hat sie die Arbeit am 30. August 1991, und falls die Definition noch gilt, dann ist Andrea Ypsilanti jetzt sehr mächtig.

Ypsilanti, SPD, Getty Images

(Foto: Foto: Getty Images)

Man muss sich vor der hessischen Landtagswahl am Sonntag nur die CDU-Plakate ansehen, die jetzt überall hängen, dort steht "Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen!". Die Vorstellung, man müsse Andrea Ypsilanti stoppen, hätte vor wenigen Monaten noch etwas reichlich Seltsames gehabt. Man kann schlecht etwas stoppen, das noch gar nicht in Fahrt gekommen ist.

Jetzt aber ist sie in Fahrt, zu sehen ist das zum Beispiel an diesem Nachmittag an der Frankfurter Hauptwache. Eine kleine Bühne steht dort, auf der vier frauenbewegte Frauen mit Bass, Gitarre und Trommeln ihren Refrain in die Mikrophone singen, bestehend aus den Zeilen "Sie weiß, was sie will, sie steht niemals still."

Dann kommt Andrea Ypsilanti, 50, der Mantel schwarz, der Schal weiß, das Make-up perfekt, wie es immer perfekt ist. An ihrer Seite geht Tarek Al-Wazir, der Grüne Spitzenmann, es ist ein öffentlicher Schulterschluss, keine 100 Stunden mehr sind es in diesem Moment, bis die Wahllokale schließen.

Nur noch große Stimmung

Gut zehn Minuten spricht Al-Wazir, dann redet Ypsilanti, sie sagt: "Bei dieser Wahl geht es um ein ganz großes Thema. Es geht um Gerechtigkeit wieder in diesem Land." Es wird keine große Rede, aber eine, wie sie vor Monaten kaum möglich gewesen wäre, frei gehalten, teilweise wuchtig, wenn die hessische SPD-Vorsitzende und Spitzenkandidatin über den CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch spricht.

Am Ende stehen sie beide da, Ypsilanti und Al-Wazir, die Daumen nach oben, und in diesem Moment stört nicht, dass die Menge vor ihnen überschaubar ist. Es stört jetzt nichts mehr, es gibt nur noch diese große Stimmung, die sie seit Tagen spüren, gegen Koch und alles Schlechte, was er nun wieder verkörpert, während an der Hauptwache die Achse des Guten steht, in den Händen einen rot-grünen Blumenstrauß.

Gleichauf lagen CDU und SPD in der letzten vor der Wahl veröffentlichten Umfrage, und könnten die Hessen ihren Ministerpräsidenten direkt wählen, sähe es blendend aus für Ypsilanti. Noch im Dezember war der Abstand zwischen beiden Parteien zwischen sechs und neun Prozent gependelt. Dass die Differenz quälend langsam geschrumpft war, um sich dann wieder zu vergrößern, hatte selbst den inneren Kreis an der Spitze des Landesverbands nachdenklich gemacht.

So schön hatten sie sich das ausgedacht, die Linke gegen den Rechten, Wärme gegen Kälte und ein bisschen - auch wenn das nur wenige so politisch unkorrekt aussprachen: die Schöne gegen das Biest. Bloß dass Koch nicht daran dachte, das Biest zu geben. Stattdessen bilanzierte er hier ein wenig, warnte dort vor den Kommunisten und wartete weiter auf sein Thema.

Als dann aber zwei ausländische Jugendliche in München einen Rentner zusammenschlugen und Koch tat, was er meinte tun zu müssen, schuf er sich seine Gegnerin. Nun ging das SPD-Kalkül auf, was nach der einfachen Regel funktionierte, dass etwas um so heller strahlt, je düsterer der Gegenpol wird. Andrea Ypsilanti hatte nichts verändert, sie war einfach nur stehen geblieben, doch es ging jetzt auch um Gute gegen Böse. Es war die ideale Ausgangslage für sie.

Als Kochs Kampagne schon seit mehr als einer Woche lief, da saß Andrea Ypsilanti einmal in ihrem Büro im Landtag, und das Gespräch drehte sich um die Frage, warum sie Ende Dezember nicht sofort auf Koch reagiert hatte, warum sie erst zögerte und damit ihre Partei verunsicherte. Ypsilanti sagte: "Zu meiner politischen Kultur gehört, dass ich auch mal zwei Tage nachdenke, bevor ich rausgehe und was sage."

Es geht weniger darum, ob dies eine ehrliche Antwort ist, oder ob es nicht eher um die Sorge ging, der CDU auf dem Feld der inneren Sicherheit nicht gewachsen zu sein. Entscheidend ist, dass sie auf eine Frage nach der politischen Taktik mit dem Begriff der politischen Kultur antwortet.

Der Ton macht die Politik

Die Politikerin Ypsilanti bewegt sich vorrangig auf dieser Ebene, es geht fast immer um moralisch bewertbare Kategorien, gut und schlecht. Sie redet nicht nur öffentlich so, auch interne Diskussionen führt sie meist weniger nach sachlichen Gesichtspunkten, sondern emotional, aus einer inneren Überzeugung heraus, das Richtige zu tun.

Aus dieser Überzeugung entsteht die Kraft, größten Widerständen standzuhalten. Sie ist gegen die Agendapolitik Gerhard Schröders aufgestanden und stehengeblieben, als die Reformer über sie spotteten - was kaum zu schaffen gewesen wäre, hätte sie es nur auf etwas Aufmerksamkeit abgesehen gehabt. Sie blieb stehen, als sie im Kampf um die Spitzenkandidatur gegen den innerparteilichen Konkurrenten Jürgen Walter scheinbar aussichtslos zurück lag. Und sie bleibt in diesem Januar stehen, nun gestützt durch die Euphorie der Partei und das Wissen, jetzt nur noch gewinnen zu können, selbst wenn sie die Wahl verliert. Mehr als die 29,1 Prozent aus dem Jahr 2003 wird sie holen.

Gleichzeitig aber ist die Quelle dieser Standfestigkeit, der Glaube daran, für das Gute und Richtige zu kämpfen, eine ihrer Schwächen. Man konnte das im vergangenen Jahr gut sehen, es war die Zeit, als ihre Umfragewerte konstant niedrig blieben. Mit zwei Themen zog sie durch das Land, Bildung und Energie.

Es sind noch heute ihre wichtigsten landespolitischen Themen, sie sind nur in den Hintergrund getreten und lassen sich auf je einen Satz reduzieren: Den hessische Atomstrom will sie bis 2013 durch solchen aus erneuerbaren Energien ersetzen. Und Kinder sollen in einer Gemeinschaftsschule bis zur zehnten Klasse zusammen lernen, Sitzenbleiben wird abgeschafft. Zwar sollen sich die Schulen freiwillig für die neue Form entscheiden können, doch es bleibt eine Programmatik ohne viele Zwischentöne, so kompromisslos, dass sich vor allem in der Energiefrage Widerstand in der eigenen Partei regte. Für Kompromisse aber bleibt kaum Platz, wenn jemand davon überzeugt ist, für das Gute einzustehen.

Man kann bei Andrea Ypsilanti ständig hören, wie sehr sie das ist. In Frankfurt-Fechenheim etwa, das Bootshaus ist voll, der SPD-Ortsverein hat zum Seniorenkaffee geladen, die Kandidatin kommt herein. Sie muss vor allem da sein, doch um ein paar Sätze kommt sie nicht herum. Es sind die üblichen, am Ende langt sie beim Mindestlohn an und sie sagt: "Auch die Rentner brauchen wieder mehr Geld in der Tasche."

Eine SPD-Politikerin sollte einen solchen Satz beim SPD-Seniorenkaffee tunlichst nicht vergessen. Bei Andrea Ypsilanti aber wirkt er nicht wie eine Pflichtübung, sondern wie ein kleines Glaubensbekenntnis, was vor allem an diesem Tonfall liegt, einer Mischung aus Trotz gegen die böse Welt und fast verzweifeltem Unverständnis über all jene, die nicht einsehen wollen, dass sie richtig liegt.

Man muss deshalb oft nicht einmal auf den Inhalt ihrer Sätze achten, um zu wissen, worüber sie spricht. Es gibt Themen, da fehlt dieser trotzige, fordernde Tonfall vollkommen, Mittelstandsförderung, Finanzen, diese Dinge. Nun kann man einwenden, dass Pathos zu diesen Themen in etwa so gut passt, wie ein Mietvertrag zum Opernlibretto taugt. Doch es geht auch darum, dass Andrea Ypsilanti sich nie wirklich auf diese Ebene von Politik begeben hat, weil etwas wie Mittelstandsförderung weder gut noch böse, gerecht oder ungerecht ist.

Dazu kommt die Sozialisation dieser Arbeitertochter und ehemaligen Stewardess aus Rüsselsheim, die zwar auf ihre Herkunft gern pocht, diesem Milieu aber vor langer Zeit entstiegen ist. Man macht ihr diesen Widerspruch gerade wieder zum Vorwurf, sie hat ihren Sohn auf ein privates Gymnasium geschickt statt auf eine Gesamtschule. Das ist seit längerem bekannt, ebenso wie ihre schlüssige Argumentation, sie habe eine Ganztagsschule nah am Wohnort gebraucht. Es geht also wieder einmal um den Vorwurf des Salonsozialismus, diesmal im Privaten.

Ganz allgemein aber geht es um die Kluft zwischen den großen Linien, in denen sie gerne denkt, und den vermeintlichen Niederungen der praktischen Politik. Hier hat sie ihre größten Schwächen, was auch beim Fernsehduell mit Koch wieder nicht zu übersehen war. Sie sah dort am schlechtesten aus, wo es nicht um Emotionen, sondern um Fakten ging. Sie hat es Roland Koch zu verdanken, dass diese Schwäche im Wahlkampf ansonsten kaum auffällt - weil sie jetzt vor allem Projektionsfläche für die Hoffnungen all jener ist, die Kochs Kampagne mit Entsetzen verfolgt haben.

Lob von den Rotbäckchen

Dieser Effekt greift auch innerhalb der Partei. Ihre Gegner reden immer weniger über die Schwachstellen der Kandidatin und immer mehr über das große gemeinsame Ziel. Sie sehen jetzt, dass es gehen könnte, sie wollen teilhaben am Erfolg. Hinzu kommt, dass Koch die Partei von außen geeint hat. Wirkten die Flügel vorher wie zwei Kolonnen, die ihre jeweils eigenen Ziele ansteuerten und sich dabei immer wieder in die Quere kamen, hat sich nun eine Art Wagenburg gebildet.

Innerhalb dieser Wagenburg ist etwas Erstaunliches zu beobachten: Nicht Ypsilantis Gegner sind auf sie zugegangen, sondern Ypsilanti ist in die Mitte gerückt.

Niemand weiß, wie lange das halten wird, wie schnell die alten Gräben nach dieser Wahl wieder aufreißen und alle sich auf ihre alten Positionen zurückziehen. Doch auch in Berlin wird wahrgenommen, dass Andrea Ypsilanti inzwischen über Jugendgewalt spricht, wie man es von einer Parteilinken kaum erwartet hätte. Sie spürt das, sie ist stolz, dass alle kommen und ihren Wahlkampf unterstützen, mit denen sie sich so hart auseinandergesetzt hat: Der Agenda-Architekt Frank-Walter Steinmeier, der Wirtschaftsfreund Peer Steinbrück und vor allem Kurt Beck, der ihre Kandidatur so skeptisch gesehen hatte.

Es macht in diesen Tagen den Eindruck, als fühle sie sich endlich akzeptiert von jener Partei, mit der sie so oft gerungen hat. Es dürfte daran liegen, dass sich die Partei in diesem Januar nach außen abgrenzen muss und nicht mehr nach innen.

Das führt zu Abenden wie jenem im Kupferkessel in Heppenheim. An der Decke hängt schon die Faschingsdekoration, der Saal ist voll, und auf der Bühne stehen die Rotbäckchen aus Birkenau, die man sich als sechs ältere Herren in weißen Hemden und schwarzen Westen vorzustellen hat. Ypsilanti hat schon geredet, nun singen sie, es ist eine kleine Hymne auf die Kandidatin, deren Namen sie dreimal wiederholen, um dann zu ergänzen: "...zieht die Wähler mit viel Charme in ihren Bann". Der Saal klatscht rhythmisch, Andrea Ypsilanti steht ein paar Schritte von ihrem Tisch entfernt. Da bewegt sie sich, sie schwingt die Hüften und tänzelt zu ihrem Platz.