Andrea Nahles über die SPD "Wir müssen uns selbst fordern"

Angefangen hat Andrea Nahles als Gründerin eines Ortsvereins - am Sonntag könnte sie zur Parteivorsitzenden gewählt werden.

(Foto: Getty Images)
  • Vieles spricht dafür, dass am Sonntag Andrea Nahles zur ersten Parteivorsitzenden der SPD gewählt wird.
  • Sie hat eine lange Karriere in der SPD hinter sich, und kam in der Vergangenheit auch nach Katastrophen wieder zurück.
  • Als Parteivorsitzende hätte sie gut drei Jahre Zeit, der Partei die Zuversicht auf erfolgreiche Bundestagswahlen zurückzugeben.
Von Nico Fried, Berlin

Es ist genau 30 Jahre her, da gründete die Tochter eines Maurermeisters und einer Finanzangestellten in dem kleinen Ort Weiler in Rheinland-Pfalz einen Ortsverein der SPD. Allzu viele Mitglieder dürfte er nicht gehabt haben; in Weiler leben, Stand heute, etwa 500 Einwohner. Aber ein kleiner Freundeskreis reichte 1988, um eine erste Vorsitzende zu wählen: Andrea Nahles. Acht Jahre lang blieb sie im Amt - nach sozialdemokratischen Maßstäben jüngerer Zeit geradezu eine Ära.

Mit Nahles' Wahl zur Vorsitzenden der Bundes-SPD beginnt an diesem Sonntag - wenn die Mehrheit der Delegierten des Sonderparteitags in Wiesbaden mitspielt - eine neue, ja, was eigentlich? Wirklich neu ist, dass eine Frau die SPD führen wird. Das gilt auch im Falle einer Niederlage von Nahles, 47, weil dann ihre Gegenkandidatin, die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange, 41, Parteivorsitzende werden dürfte. Mehr als 150 Jahre und seit dem Krieg 16 Männer lang hat's gedauert. Die erste Vorsitzende der konservativen CDU, Angela Merkel, führt ihre Partei jetzt schon zehn Jahre länger als Nahles einst den Weiler Ortsverein.

Nahles würdigt Bundeskanzlerin Merkel

Nahles sieht in der Wahl der ersten Frau an die Spitze der Partei ein wichtiges gesellschaftliches Zeichen: "Die Bedeutung liegt in der Ermutigung", sagte sie der Süddeutschen. Jede Frau, die in die SPD eintrete, könne nun sehen, dass es nach oben "kein Limit" gebe. "Darüber kann man 1000 Bücher schreiben - das einzige Argument, das zählt, ist, wenn es eine Frau dann auch wirklich schafft."

Wie Andrea Nahles die SPD verändern will

Eine Frau an der Spitze der SPD wäre ein "großer Schritt", sagt Nahles, die sich am Sonntag beim Parteitag zur Wahl stellt. Für die Zukunft der Sozialdemokraten wünscht sie sich mehr inhaltliche Debatten. Von Nico Fried mehr ...

Nahles würdigte ausdrücklich die Bedeutung der CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die für Frauen in der Politik "einiges leichter gemacht" habe. "Allein schon das geniale Hosen-Blazer-Konzept", sagte sie in Anspielung auf Merkels Art, sich zu kleiden. Frauen bekämen dauernd die Frage nach dem Aussehen gestellt. "Sie hat das ganz pragmatisch gelöst. Mich hat das enorm entspannt und viele andere Frauen auch."

Ansonsten hat das Prädikat "neu" in der SPD an Glanz verloren. Es ist ja gerade erst etwas mehr als ein Jahr her, dass Martin Schulz mit 100 Prozent der Stimmen zum Vorsitzenden gewählt wurde, begleitet von der Hoffnung, nun werde alles anders. Davor hatte Sigmar Gabriel mal diese Erwartung geweckt, davor Kurt Beck, davor Matthias Platzeck. Schulz' Traumergebnis wurde zur Belastung. Auf keine Geschichte passt das Thema von Nahles' Magisterarbeit so gut wie auf die tragisch gescheiterte Romanze zwischen Schulz und der SPD: "Die Funktion von Katastrophen im modernen Trivialroman."

Dankbar für eine zweite Chance

Für manche Katastrophen der Vergangenheit war Nahles freilich auch selbst verantwortlich. Nach der Bundestagswahl 2005 kandidierte sie für das Amt der Generalsekretärin - gegen den erklärten Willen der Parteispitze. Sie gewann, Müntefering trat zurück. "Ich habe mir diesen Fehler lange nicht verziehen", sagte Nahles der SZ.

Sie habe damals das Signal setzen wollen, dass die Partei trotz der ersten großen Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ein eigenständiges Profil wünsche. "Ich hatte nicht erwartet, dass ich gewinne", sagte Nahles, die damals im Parteivorstand überraschend mehr Stimmen erhielt als der von Müntefering favorisierte Kajo Wasserhövel. "Ich habe später versucht, Wiedergutmachung zu leisten", sagte Nahles. "Ich habe mich in unruhigen Zeiten, zu denen ich auch einen Teil beigetragen hatte, darum bemüht, Stabilität reinzubringen." Sie sei der Partei dankbar, "dass ich eine zweite Chance bekommen habe".