Möglicherweise wollen die Terroristen London so lange angreifen, bis die Briten ihre Soldaten aus dem Irak abziehen.
Nach der neuen Londoner Bombenserie stellen sich Sicherheitsexperten zwei Fragen: Steckte hinter diesen Anschlägen dieselbe Gruppe wie hinter den Taten vom 7. Juli? Und wenn ja, warum detonierte dann beim zweiten Mal keine der Bomben richtig?
Bild vergrößern
Dieses Foto wurde von einer Überwachungskamera gemacht (© Foto: AP)
Anzeige
Robert Ayers vom Chatham House Institut in London vertrat in britischen Medien die These, dass am 7. Juli zwar vier der Täter gestorben seien, deren Organisation aber noch intakt sei. Die Hintermänner, die ausbilden, ausrüsten und die unmittelbaren Täter auf ihr Ziel ansetzen, seien "noch da".
Wenn diese tatsächlich auch die Taten in dieser Woche zu verantworten haben, sei unklar, "warum die erste Welle so professionell und tödlich, die zweite dagegen so amateurhaft war".
Jedenfalls ließ sich nicht ausschließen, dass die Hintermänner der Anschläge vom 7. Juli in dieser Woche ein zweites Team losgeschickt hatten. Dass keine der vier Bomben funktionierte, mag an einem gemeinsamen Konstruktionsfehler liegen.
Neue Dimension
Doch immerhin wurden die Zünder ausgelöst, gleichzeitig und an vier verschiedenen Orten in der Stadt, die etwa wie die vier Zeiger eines Kompasses angeordnet waren - wie schon vor zwei Wochen. Nach einhelliger Meinung wäre eine Folgetat der Gruppe vom 7. Juli ein sehr beunruhigendes Signal: Der islamistische Terror wäre erstmals darauf ausgerichtet, eine westliche Metropole gleich mehrmals zu treffen.
Schon nach den Anschlägen vom 7. Juli hatten britische Regierungsmitglieder davor gewarnt, dass dies erst der Beginn einer Kampagne sein könnte. In deutschen Sicherheitskreisen werden Pläne für den Fall entworfen, dass Deutschland von einem Terror nahöstlicher Prägung heimgesucht wird.
Palästinensische Terroristen hatten Israel während der Intifada mit zahllosen Selbstmordattentaten in Stadtzentren überzogen.
Deutsche Experten kooperieren bereits mit israelischen Kollegen, um deren Erfahrungen im Ernstfall nutzen zu können. Das Bundesinnenministerium erklärte auf Anfrage, laufend die Modi Operandi von Anschlägen weltweit zu beobachten und vorsorglich "entsprechende Gegenstrategien" vorzubereiten. Hierzu stehe man "international in einem engen Informationsaustausch".
Bevölkerung ist angespannt
Der Terrorexperte Michael Clarke vom Londoner King's College sagte, die Panik in der U-Bahn-Station Warren Street lasse erkennen, dass die Menschen bereits weniger entspannt reagierten als noch vor zwei Wochen. "Das ist genau, was die Terroristen wollen - ein Gefühl vermitteln, dass es jederzeit und überall passieren kann." Dies hätte nicht nur schwere Folgen für den Londoner Personenverkehr, sondern würde auch die Muslime im Land einer stetig wachsenden Gefahr von Vergeltung aussetzen.
Das Ziel der Islamistenbewegung könnte es sein, London so lange anzugreifen, bis der britische Premier Tony Blair sich gezwungen sieht, seine Truppen aus dem Irak abzuziehen. In einem Schreiben der "Abu Hafs al-Masri Brigaden" zu den jüngsten Anschlägen, dessen Echtheit nicht bezeugt ist, hieß es: "Unser Angriff im Herzen der britischen Hauptstadt ist eine Botschaft, dass wir nicht ruhen werden, bis die ungläubigen Truppen den Irak verlassen werden."
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 23.7.2005)
ICE-Strecke