Von Thorsten Denkler, Berlin

Drei USA-Kenner debattieren am frühen Morgen in Berlin über den Ausgang des Super Tuesday. Sie kommen zu mitunter überraschenden Erkenntnissen.

In den USA ist es weit nach Mitternacht, als sich am frühen Morgen ein paar Dutzend USA-Kenner in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin versammeln. Über einen Bildschirm flimmern die letzten Ergebnisse des Super Tuesday live in den Robert-Bosch-Saal. Das Ergebnis der langen Wahlnacht : Hillary Clinton knapp vor Barack Obama. Bei den Republikanern ist John McCain weit vorne an der Spitze. Aber Zahlen sind nicht so spannend wie Spekulationen und Analysen.

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Zunächst muss die Frage geklärt werden, wer das Rennen für wen macht. Bei den Republikanern scheint die Lage eindeutig. Für Daniel Hamilton von der Johns Hopkins University in Baltimore, ist die Sache klar: "Sie haben sonst keinen Kandidaten. McCain wird es machen."

John C. Hulsman, Oppenheim-Scholar der DGAP, weiß aber auch um die Schwächen McCains: "Über 30 Prozent der Republikaner mögen McCain nicht."

Darum stünden auch die Chancen für den abgeschlagen Mike Huckabee nicht schlecht, noch was zu werden, wenn es mit der eigenen Präsidentschaft nicht klappt. Die Republikaner bräuchten jemanden an McCains-Seite, der unabhängige Wähler und Demokraten für sich gewinnen kann. Das könne Huckabee leisten.

"Obama steht für eine Bewegung"

Bei den Demokraten ist die Analyse-Lage verworrener. Die Vorwahlen gehen ja weiter. Es stehen noch einige große Staaten an, wie Texas oder Ohio. "Die wird Hillary wohl gewinnen", prophezeit Hamilton. Gegen Obama spreche zudem dessen Niederlage in Massachusetts, einem Stammland der Demokraten. Von dort kommen die Kennedys und auch John Kerry, der letzte Präsidentschaftsbewerber der Demokraten.

Andererseits: Obama dürfe nicht unterschätzt werden, sagt Hamilton. Obama vertrete nicht einfach eine bestimmte politische Richtung. "Obama steht für ein Movement, für eine Bewegung", sagt Hamilton. Obama habe zwar keine starke Basis. Dafür zieht er junge Leute, Schwarze und Frauen an.

Auch Hulsman will sich nicht festlegen. Obwohl er sicher ist: Die größeren Probleme wird Hillary Clinton bekommen: "Hillary hat ihr Leben lang nach einem Weg gesucht, Präsidentin zu werden. Und was hat sie gefunden? Barack Obama." Wenn Obama das Rennen mache, werde er nach dem Parteitag der Demokraten im August einfach weiterrennen. Hillary werde es im umgekehrten Fall weitaus schwerer haben.

Karsten Voigt, der für die Bundesregierung die deutsch-amerikanischen Beziehungen koordiniert, ist zu sehr Diplomat, als dass er einem Kandidaten den Vorzug geben würde. Immerhin so viel: "Es ist definitiv leichter, den Deutschen zu erklären, dass wir mit den Amerikanern zusammenarbeiten müssen, wenn es einen demokratischen Präsidenten gibt."

Alle setzen auf einen Demokraten als neuen Präsidenten

Dass am Ende ein Demokrat ins Weiße Haus ziehen wird, daran haben die drei Diskutanten keum Zweifel. Hulsman kann es an Zahlen zeigen: "50 Prozent der Amerikaner sagen, sie seien Demokraten, nur 36 Prozent sagen, sie seien Republikaner." Von solchen Werten konnten Demokraten bisher nur träumen. Hulsman: "Das ist das Ergebnis des Irakkrieges und der ökonomischen Krise."

Hinzu komme der große Enthusiasmus für den Wahlkampf der Demokraten. "In New Hampshire haben beinahe so viele Menschen bei den Vorwahlen mitgemacht, wie New Hampshire Einwohner hat", sagt Hulsman mit einem Zwinkern.

Wenn die Europäer aber glaubten, unter einem demokratischen Präsidenten werde alles einfacher, dann irren sie. Das sagt auch Karsten Voigt. Zwar werden die Amerikaner die Deutschen militärisch nicht in den Irak einbinden wollen. Aber sicher stärker in Afghanistan. "Das bedeutet nicht, dass wir nicht nein sagen können. Aber wir werden uns für ja oder nein entscheiden müssen." Mit allen Konsequenzen.

Hamilton ist überzeugt: "Die Demokraten werden mehr von den Europäern erwarten. Auch im Irak werdet ihr mithelfen müssen. Und zwar in großem Umfang und vor allem mit viel Geld."

Der Druck auf Europa und auch auf Deutschland wird unter demokratischer Präsidentschaft zunehmen. "Man kann ja sagen, die Frontlinie verläuft am Hindukusch. Aber sie kann morgen schon am Frankfurter Flughafen oder in der New Yorker Metro sein", sagt Hamilton. "Darum müssen wir zusammenarbeiten."

Voigt sieht das ähnlich. Er warnt deshalb: "Wir dürfen nicht warten, bis ein neuer US-Präsident uns mit einer neuen Agenda konfrontiert. Nach der Wahl werden wir unsere eigenen Interessen formulieren müssen. Wir brauchen eine deutsch-europäische Agenda."

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version des Textes haben wir Mr. Hulsman versehenllich in den Mund gelegt, er halte Mike Huckabee für den aussichtsreichsten Bewerber der Republikaner um die Präsidentschaftskandidatur. Tatsächlich ging es um dessen Chancen, Vize-Präsident zu werden. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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