Amnesty-Preisträgerin Alice Nkom Mit kalter Wut für die Rechte Homosexueller

Eine SMS, eine Liebeserklärung von Mann zu Mann. Der Staat liest mit und steckt den Absender ins Gefängnis. So geschehen in Kamerun, wo Homosexuelle verfolgt werden - und wo Amnesty-Preisträgerin Alice Nkom für ihre Rechte kämpft.

Von Ronen Steinke

Amnesty International zeichnet Alice Nkom aus Kamerun für ihren Kampf gegen die Verfolgung Homosexueller aus.

(Foto: dpa)

Es ist nicht viel, was Alice Nkom, 69, verlangt. In Europa würde sie damit glatt als Konservative durchgehen. Selbst noch in Russland. Aber sie ist Kamerunerin, und da gilt diese Position bereits als ultraprogressiv, als staatsfeindlich und als gefährlich: Alice Nkom sehnt sich zurück nach der Zeit, als der Staat in Kamerun zumindest eine kalte Toleranz hatte für Schwule und Lesben.

"Solange das die Leute unter sich gemacht haben, nicht in der Öffentlichkeit, hat es niemanden gestört", sagt die Frau, die als Vorkämpferin schlechthin für die Rechte von Schwulen und Lesben in Afrika gilt und dafür am Dienstag in Berlin mit dem Amnesty-Menschenrechtspreis ausgezeichnet werden soll.

Es ist ein Satz, der verdeutlicht: Es liegen Lichtjahre zwischen Wladimir Putins viel kritisiertem Gesetz gegen die Homosexuellen-Propaganda und dem erst recht drakonischen Kurs, den derzeit verschiedene afrikanische Staaten einschlagen. Putins Russland macht aus der Sache nur eine Ordnungswidrigkeit, und bisher gab es nur einen Fall, in dem der Tatbestand wirklich angewendet wurde: In Archangelsk wurden zwei Aktivisten verurteilt, weil sie vor einer Kinderbibliothek ein Plakat hochhielten. In Kamerun hingegen gab es jüngst drei Jahre Gefängnis wegen einer privaten SMS.

"Der Präsident ist sehr katholisch"

Ein junger Mann namens Roger Mbede hatte einem anderen Mann seine Liebe gestanden, die Staatsmacht fing die Mitteilung heimlich ab, Alice Nkom kämpfte als Strafverteidigerin vergeblich an der Seite des Angeklagten. Gerade ist der junge Mann in Haft gestorben, seine Familie hat ihn zuvor verstoßen; die Rechtsanwältin erzählt das mit kalter Wut.

Kameruns Polizei verfolgt Homosexuelle seit Neuestem bis ins Privateste hinein, sie gewährt nirgends einen Rückzugsraum. "Der Präsident ist sehr katholisch", sagt Nkom. Gegen diesen strafrechtlichen Trend, der im südlichen Afrika seit einigen Jahren anschwillt, kämpft sie in der juristischen Arena. Dafür ist sie auch in anderen afrikanischen Ländern unterwegs, oft im Auftrag von Schwulenrechtsorganisationen; eine hat die Mutter von zwei Kindern und Großmutter von acht Enkeln selbst gegründet. Sie will das kamerunische Strafgesetz gegen Schwule vor dem Verfassungsgericht kippen.

Im Jahr 1969 erhielt Alice Nkom als erste schwarze Frau in Kamerun ihre Zulassung als Anwältin. Wie leidenschaftlich sie vor Gericht auftritt, das kann man in dem Dokumentarfilm "Born this way" über die Schwulenszene Kameruns beobachten, der im vergangenen Jahr auf der Berlinale gezeigt wurde.

Im Jahr 2012 musste sie schon damit rechnen, selbst verhaftet zu werden: Es gab entsprechende Ankündigungen vonseiten der Regierung. Nkom, so hieß es, fördere gesetzwidriges Verhalten. Doch sie machte weiter. Wenn sie seither nicht für ihre Arbeit unterwegs ist, frönt sie einer ziemlich konservativen Leidenschaft: Hinter ihrem Haus in Douala kann man sie im Garten finden, beim Trimmen des Hibiskus.