Amnesty-Krisenbeauftragte zu Syrien "Lizenz zum Töten"
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Für UN-Generalsekretär Ban hat der syrische Staatschef Assad jegliche Legitimation verloren. Die Amnesty-International-Krisenbeauftragte Donatella Rovera ist gerade erst aus Syrien zurückgekehrt. Ein Gespräch über die jüngsten Massaker, die Verantwortlichen, das Leid der Bevölkerung und das Versagen der internationalen Gemeinschaft.
Donatella Rovera ist für Amnesty International seit mehr als 20 Jahren in Kriegsgebieten unterwegs. Sie hat in zahlreichen Ländern Menschenrechtsverletzungen in bewaffneten Konflikten dokumentiert - in Libyen, Libanon, Irak, Israel und den Palästinensergebieten sowie in Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste). Als Krisenbeauftragte der Organisation hat sie in den vergangenen Wochen auch Syrien besucht, war dabei jedoch nicht Teil der offiziellen UN-Beobachtermission.
Verletztes Kind nahe Damaskus: "Sie brennen Häuser nieder, töten Männer, Frauen und Kinder"
(Foto: AFP)Süddeutsche.de: Frau Rovera, Sie sind gerade erst aus Syrien zurückgekommen. Was haben Sie dort gesehen?
Donatella Rovera: Erst vergangene Woche war ich in Aleppo, der größten Stadt des Landes. Jeden Tag habe ich dort Menschen sterben sehen, auch Kinder. Sehr oft gibt es Demonstrationen gegen das Regime. Es dauert keine 15 Minuten, dann formieren sich die Sicherheitseinheiten und feuern einfach in die Menge, auf unbewaffnete Demonstranten, die nichts tun, außer ein paar Parolen zu skandieren. Die Verletzten können außerdem nicht in Krankenhäuser gebracht werden, weil ihnen sonst die Festnahme droht. Ärzte und Krankenschwestern riskieren deshalb mitunter ihr Leben, um die Verwundeten von der Straße wegzubringen und sie in Privatwohnungen notdürftig zu behandeln. Auch in Idlib im Nordwesten des Landes war die Situation sehr beängstigend - und das obwohl die UN-Beobachter gerade in der Stadt waren, als ich dort war. Auf den Straßen sah man eine unglaubliche Zahl von Sicherheitskräften und nach 19 Uhr traute sich niemand mehr, sein Haus zu verlassen.
SZ.de: Gerade erreichen uns Meldungen, dass die Armee erneut ein Viertel der Rebellenhochburg Homs mit massiven Einheiten unter Beschuss nimmt.
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Rovera: Das ist das typische Vorgehen der Armee überall in Syrien. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass die Regierung fast alle wichtigen Orte gewissermaßen umstellt hat. Sie gehen mit 50, 60 oder 70 Panzern in die Dörfer und Städte hinein, brennen Häuser nieder, töten Männer, Frauen und Kinder und verlassen dann die Stadt wieder.
SZ.de: Vor zwei Wochen das Massaker von Haula mit mehr als 100 Toten, jetzt gibt es Berichte über eine weitere Massentötung in zwei Dörfern westlich der Stadt Hama. Ist das eine neue Dimension der Gewalt?
Rovera: Ganz eindeutig, ja. Die syrische Regierung hat ihre Brutalität immer mehr gesteigert. Sie hat nicht nur immer mehr Menschen getötet - mittlerweile gehen wir von 9400 Toten aus für die gesamten 14 Monate seit Beginn der Unruhen - sie hat sich auch immer grausamerer Mittel bedient. Zuerst haben die Sicherheitskräfte Demonstranten mit Stöcken und Messern attackiert, dann haben sie mit Gewehren in die Menge geschossen, dann mit Kalaschnikows, und inzwischen marschieren sie mit Panzern und Artillerie in Wohngebiete ein.
SZ.de: Wie erklären Sie sich diese Gewaltexzesse?
Rovera: Die massenhaften Tötungen, das gezielte Erschießen, die brutale Gewalt gegen Zivilisten: Im Grunde kommt das alles nicht überraschend, denn es folgt einem Muster, das wir seit langem kennen. Die syrische Regierung hatte von Anfang an das Gefühl, sie könne einfach weitermachen, weil die anderen Staaten ohnehin nichts tun würden, außer ein paar empörte Statements zu verbreiten und einige Botschafter auszuweisen. Das Versagen der Weltgemeinschaft ist offensichtlich. Es war ein fatales Signal, das gesendet wurde. Fast als hätte man dem Regime in Damaskus eine Lizenz zum Töten gegeben.