Amnesty-Bericht über Katar Hinschauen statt woanders hingehen

Sklavenarbeit in Katar, Zwangsumsiedlungen in Peking, Justizwillkür in der Ukraine: Vor sportlichen Großevents gibt es oft Kritik an den Umständen vor Ort. Auch diesmal fordern einzelne, die WM zu verlegen, doch die meisten Politiker und Funktionäre halten mehr davon, weiter zu mahnen.

Von Lilith Volkert

Franz Beckenbauer weiß gar nicht, wo das Problem liegt. "Ich hab' noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen", sagte die sogenannte "Lichtgestalt" des deutschen Fußballs, als er kürzlich zu der Lage jener Menschen befragt wurde, die in dem Emirat Stadien, Straßen und Hotels für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 bauen.

Andere haben genauer hingesehen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International spricht in dem gerade veröffentlichen Bericht "Die dunkle Seite der Einwanderung" von einem "alarmierenden Ausmaß an Ausbeutung": von Bauarbeitern ohne Helm, Massenunterkünften ohne Strom und Zwölf-Stunden-Schichten ohne genügend Trinkwasser. Auch ein UN-Sonderberichterstatter musste feststellen, dass die Menschenrechte vieler Einwanderer verletzt würden. Im September hatte der britische Guardian auf die miserablen Arbeitsbedingungen von Migranten in Katar aufmerksam gemacht.

Jede Enthüllung, jeder Bericht wird begleitet von internationaler Empörung und der Aufforderung, die Lage der Menschen zu verbessern. Amnesty International fordert die Regierung von Katar, aber auch die Fifa und die WM-Organisatoren, auf, den "Ausbau von Sportstätten und Infrastruktur zum Anlass nehmen, weitere Menschenrechtsverletzungen zu verhindern und zu zeigen, dass sie es mit den Menschenrechten ernst meinen".

Eine Boykottdrohung - neun Jahre vor der Veranstaltung?

Das Muster ist bekannt: Vor den Olympischen Spielen in China 2008 wurden Menschen enteignet und zwangsweise umgesiedelt, vor der Fußball-EM in der Ukraine die Oppositionsführerin Julia Timoschenko ins Gefängnis geworfen. Aus Sotschi, wo im kommenden Jahr die Olympischen Spiele stattfinden werden, kommen Berichte über ausgebeutete Arbeiter und massive Umweltzerstörung.

Jedes Mal berichten Medien, kritisieren Politiker mal mehr, mal weniger deutlich, denken einige laut über Boykott nach, betonen Sportler, man könne Sport und Politik nicht in einen Topf werfen. Letztlich findet die Veranstaltung wie geplant statt, ohne dass sich vor Ort etwas Entscheidendes verändert hat. Gegebenenfalls fehlen einige Staatsoberhäupter auf der Tribüne, wie bei der EM in Polen und der Ukraine.

Hier fand zumindest der Auftakt nahezu ohne Politprominenz aus Europa statt. Aus Solidarität mit der kranken Julia Timoschenko, die nach einem fragwürdigen Prozess wegen Amtsmissbrauchs im Gefängnis saß, hatten fast alle westlichen Staatsoberhäupter ihren Besuch abgesagt. Kanzlerin Merkel hatte zwar versprochen, der deutschen Nationalmannschaft im Finale beizustehen - da diese aber vorher ausschied, blieb ihr der Besuch in Kiew erspart.

Wie also sollen deutsche Politiker und Funktionäre auf die Situation in Katar reagieren? Mit einer Boykottdrohung, fast neun Jahre vor dem Eröffnungsspiel? Michael Sommer, der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, fordert prompt die Maximallösung: Die Fifa solle dem Land die WM wegnehmen, falls sich die Arbeitsbedingungen nicht sofort und umfassend änderten.

"Erschreckte" Reaktionen in Katar

Da reagiert selbst Amnesty gelassener. "Länder, die ein wichtiges Sportevent ausrichten, haben ein großes Interesse daran, sich positiv darzustellen", sagt Ruth Jüttner von der Menschenrechtsorganisation. Ein guter Hebel, um Veränderungen anzuregen, findet sie. Vor allem, wenn - wie im Fall der WM in Katar - noch einige Zeit bis zu dem Ereignis bleibt.

"Von heute auf morgen werden sich die Arbeitsbedingungen sicher nicht ändern", sagt Jüttner. "Aber es gibt die Möglichkeit, langfristig etwas zu bewirken." Sie hofft, dass diese Veränderung in die ganze Region ausstrahlt, nach Saudi Arabien und andere Golfstaaten. Dazu müssen die Regierungen der an der WM beteiligten Länder aber immer wieder auf Katar zugehen und Menschenrechtsstandards anmahnen.

Auf Sklaverei gebaut

Es kursieren furchtbare Geschichten über die Behandlung von Gastarbeitern in den ölsatten Golfstaaten. In Katar leben 225.000 Staatsbürger von der Arbeit von 1,8 Millionen Migranten. Für die Vorbereitungen für die Fußball-WM 2022 werden Hunderttausend weitere kommen. Und sterben, wöchentlich, täglich. Von Sonja Zekri, Kairo mehr ...

Auch Markus Löning, Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung, sieht erfreut, wie "erschreckt" die Regierung in Katar auf die Kritik reagiert und vertraut auf das Prinzip "Steter Tropfen höhlt den Stein": "Wir müssen unsere Erwartungen immer wieder aufs Neue klarmachen. Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht."

Salil Shetty, der Generalsekretär von Amnesty International, hat den Spielern von Bayern München und Schalke 04 übrigens vorgeschlagen, bei ihren Wintertrainingslagern in Doha die Augen offen zu halten: "Warum verbringen sie nicht einige Zeit in den Arbeiterlagern und lernen diese Leute kennen? Das wird auch die Aufmerksamkeit der Katarer auf sich ziehen." Und nicht zuletzt können sie Franz Beckenbauer danach erzählen, wie es auf den Baustellen von Katar wirklich zugeht.