Amnesty-Bericht Tausenden Flüchtlingen in Haiti droht die Zwangsräumung

Ohne fließend Wasser, ohne Zugang zu Toiletten: Auch drei Jahre nach dem Erdbeben in Haiti leben immer noch viele Menschen in provisorischen Flüchtlingslagern. Doch nun droht die Zwangsräumung.

Das Erdbeben hatte eine Stärke von 7,0, Häuser stürzten ein, mehr als 220.000 Menschen starben. Auch drei Jahre später kämpfen die Menschen in Haiti mit den Folgen der Naturkatastrophe, der Wiederaufbau läuft bisher nur schleppend. Nun müssen viele Familien selbst um ihr provisorisches Zuhause bangen: Einem Viertel der 320.000 Flüchtlinge droht einem Bericht von Amnesty International zufolge die Zwangsräumung. Allein im ersten Quartal 2013 waren rund 1000 Familien gezwungen worden, ihre Zelt-Notlager zu verlassen.

Noch dazu soll die Polizei bei ihren Räumungsaktionen Gewalt anwenden und protestierende Bewohner mit Schlägen gefügig machen, berichtet Amnesty. Die Polizisten tauchten demnach ohne Vorwarnung auf und schüchterten die Flüchtlinge mit Macheten ein. "Die Männer schubsten uns herum und die Polizei schwenkte ihre Waffen", sagte ein Bewohner eines Flüchtlingcamps in der Hauptstadt.

Ein Mann soll an den Folgen der Schläge durch Polizisten sogar gestorben sein. Zudem sollen Polizeibeamte die wenigen Habseligkeiten, die die Flüchtlinge in ihren provisorischen Lagern noch besitzen, zerstört haben: "Sie warfen einen Topf mit Kaffee um, den ich verkaufen wollte. Das war mein Lebensunterhalt. Nun brauche ich Geld, um von neuem zu beginnen", sagte eine Frau aus Port-au-Prince zu Amnesty.

Die Hilfsorganisation macht die Regierung für diese Zustände verantwortlich: "Haitis Regierung hat nicht nur nichts gegen die Zwangsvertreibungen unternommen, sondern sogar erlaubt, dass sie seit Jahresbeginn zunehmen", sagt Amnesty-Experte Javier Zúñiga.

Die Verhältnisse in den Flüchtlingslagern sind verheerend, fast niemand in den Camps hat Zugang zu fließendem Wasser, in mehr als der Hälfte aller Läger gibt es keine Toiletten. Dies begünstigt die Verbreitung der Cholera, die das Land seit dem Erdbeben vor drei Jahren heimsucht. Bisher hat die Seuche mehr als 8000 Todesopfer gefordert, mehr als 300.000 Erkrankte befinden sich in Behandlung.

Verbesserung bei Bildung und Gesundheit

Schuld an dem Ausbruch sollen damals die Blauhelmsoldaten der Vereinten Nationen aus Nepal gewesen sein - die sanitären Bedingungen in den UN-Camps wären unzureichend gewesen. Eine Klage des "Institute for Justice and Democracy in Haiti" (IJDH) gegen die UN auf Schadensersatz für die Opfer führte jedoch zu keinem Erfolg. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon teilte dem haitianischen Präsidenten Michel Martelly im Februar dieses Jahres mit, dass er nicht willens sei, die Opfer zu entschädigen.

Trotz der immer noch desolaten Lage auf der Karibikinsel sahen Hilfsorganisationen wie das Kinderhilfswerk Unicef und die Hilfsorganisation Medico International zum Anfang des Jahres eine Stabilisierung der Lage. Die Gesundheitssituation und die Bildungsangebote hätten sich nach Einschätzung der Organisation Deutschland hilft verbessert. Doch da Haiti auch schon vor dem Erdbeben 2010 zu den ärmsten Ländern der Welt gehörte, sind die strukturellen Probleme des Inselstaates nur schwer zu bewältigen. Die EU half bisher mit 440 Millionen Euro - nach Angaben der EU-Kommission kam die Hilfe somit jedem zweiten Bürger zugute.