Amina Hassan "Ich fühle mich mit meinem Niqab frei"

"Ich stelle doch keine Gefahr dar": Die 31-Jährige ist überzeugt vom Niqab.

(Foto: oh)

Auch weil sie nicht nach ihrem Aussehen beurteilt werden möchte, verschleiert sich eine junge Deutsch-Irakerin.

Interview von Dunja Ramadan

Eine Minute braucht Amina Hassan (Name von der Redaktion geändert), um in ihren islamischen Ganzkörperschleier zu schlüpfen. Nicht alle sind schwarz, etwa zwanzig der Kleidungsstücke hängen in Beige-, Braun- und Rosatönen im Schrank der 31 Jahre alten Mutter. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern wohnt die Deutsch-Irakerin in München. Ihre Eltern arbeiten als Mediziner in München. Amina Hassan trägt den Ganzkörperschleier, seitdem sie 26 Jahre alt ist; sie selbst bezeichnet sich als "Niqabi". Ein "Niqab" besteht aus einem schwarzen Gewand ("Abaya"), dem Kopftuch ("Hidschab"), das - falls es über die Schultern reicht - "Chimar" genannt wird, sowie einem Gesichtsschleier. Dieses Outfit nennt der Volksmund fälschlicherweise "Burka". Eine Burka bedeckt das gesamte Gesicht der Frau, ist vor allem in Afghanistan üblich und fällt durch die blaue Farbe auf.

SZ: Wie empfanden Sie die Bilder aus Nizza, als Polizisten eine muslimische Frau dazu brachten, ihren Burkini auszuziehen?

Amina Hassan: Das ist total demütigend. Ich hätte niemals mein Oberteil ausgezogen und wäre gar nicht erst dorthin gegangen. Wenn doch, dann hätte ich den Platz sofort verlassen.

Haben Sie einen Burkini im Schrank?

Nein, wenn ich schwimmen gehe, dann nur unter Frauen.

Warum?

Na ja, ich trage immer weite Sachen, und der Burkini ist ja nicht wirklich weit, sondern liegt meistens eng am Körper an.

Sie halten den Burkini also für nicht wirklich islamisch?

Also eine Niqabi würde keinen Burkini tragen, Hijabis (Kopftuch-Trägerinnen) schon. Ich möchte damit aber nicht alle Frauen mit Kopftuch kritisieren. Ich will nur sagen, ich würde keinen Burkini am Strand tragen.

Was bedeutet für Sie denn die Vollverschleierung?

Ich habe die Freiheit zu bestimmen, wer was von meinem Körper wann sieht. Frauen werden immer nach ihrem Aussehen bewertet. Heute ziehe ich mich neutral an.

Sie bezeichnen den Niqab als neutral?

Ja, der Niqab ist meine zweite Haut. Ständig wird von Freiheit gesprochen, aber wenn man uns zwingt, ihn auszuziehen - wo bleibt dann die Freiheit?

Die Politik möchte den Niqab in öffentlichen Bereichen wie in der Schule oder vor Gericht verbieten. Was halten Sie davon?

Man sollte fair bleiben und den Niqabis eine Chance geben. Viele von uns streben nach Wissen, und ein Verbot würde dazu führen, dass wir zu Hause bleiben müssen. In der Schule sollte man mal über andere Kleidervorschriften nachdenken (lacht).

Wie meinen Sie das?

Wir hatten in der Schule eine junge Lehrerin, die immer einen weiten Ausschnitt getragen hat. Das hat die Jungs in der Klasse sehr abgelenkt. Ein Mädchen trug immer eine tiefsitzende Hose, und die Jungs haben immer ihren Tanga bewundert.

Abgesehen von der Kleidung: Warum verschleiern Sie das Gesicht?

Weil die Frauen des Propheten den Gesichtsschleier getragen haben und sie meine Vorbilder sind. Ich weiß, dass es das Beste für mich ist - sogar im 21. Jahrhundert.

Wie ist das zu verstehen?

Ich fühle mich mit meinem Niqab frei. Heute muss ich nicht mehr mit der Masse mitschwimmen und beweisen, dass ich die schönsten Schuhe, das schönste Kleid habe. Und niemand soll mir vorschreiben, was ich zu tragen habe.

Viele Menschen fühlen sich verunsichert, wenn selbst die Mimik des Gegenübers nicht mehr erkennbar ist. Wie denken Sie über eine Vollverschleierung vor Gericht?

Wenn es um die Überprüfung meiner Identität geht, dann zeige ich auch mein Gesicht. Ich bevorzuge dann eine Frau, die das prüft, aber wenn es nicht anders geht, dann geht's eben nicht anders.

Können Sie verstehen, dass Menschen ein Sicherheitsproblem in der Vollverschleierung sehen?

Ich halte diese Diskussion für sinnlos. Damit suggeriert man der Gesellschaft lediglich, man müsse Angst vor Frauen wie mir haben. Ich stelle doch keine Gefahr dar.

Was halten Sie von einem Verbot?

Das ist doch lächerlich: Männer aus der Politik wollen mich zwingen, den Niqab auszuziehen, mein Mann hat mich aber nie gezwungen, ihn anzulegen. Es war meine freie Entscheidung. Wer übt hier also Zwang auf wen aus?

Glauben Sie, ein Verbot wird dazu führen, dass weniger Frauen den Niqab tragen?

In Frankreich hat sich seit dem "Burka-Verbot" 2011 auch nicht viel verändert. Die Frauen, die den Niqab aus Überzeugung tragen, werden ihn weiterhin anbehalten.

Haben Sie keine Sorge, dass die Angst vor dem Islam durch das Tragen des Niqabs weiter steigt?

Seit der Flüchtlingskrise kippt die Stimmung im Land sowieso. Wenn ich mit den Kindern rausgehe, habe ich Angst, dass jemand handgreiflich wird. Ich muss es akzeptieren, aber schön ist es nicht.

Was machen Sie, wenn es tatsächlich zu einem Verbot kommen sollte?

Es gibt immer eine Lösung. Ein Sponsor wie in Frankreich, der unsere Bußgelder bezahlt. Oder ich gehe wirklich nicht mehr so oft raus.