Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Der "Krieg gegen den Terror", von Bush erklärt und bis heute nicht beendet, war Amerikas strategisch schlimmster Fehler. Ihn zu korrigieren, bleibt dem nächsten Präsidenten vorbehalten.

Für den 11.September und die Jahre danach sind viele sprachgewaltige Umschreibungen gefunden worden, zu viele. Der Tag der niemals endet, das Zeitalter des Terrors, der Vier-Generationen-Krieg, der Kampf der Kulturen - keine Analogie konnte bombastisch genug sein, um dieses vermeintlich ultimative Menschheits-Drama zu erklären.

George W. Bush

Der Präsident brieft auf seiner Ranch in Texas die Presse. Es geht um den Krieg gegen die Taliban in Afghanistan. (© Foto: Reuters)

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Die Bilder von den rauchenden Türmen, die herzeinschnürenden Telefongespräche aus dem entführten Flugzeug oder aus brennenden Büros, die Erinnerung an fliegende Leiber in gewaltigen Höhen - das Trauma war global und in weniger als zwei Stunden in die Köpfe gepflanzt. Derartiges hatte die Welt noch nie gesehen.

Seitdem sind fünf Jahre vergangen, in denen unzählige Menschen durch Attentate im ideologischen Schatten der Tat starben, in denen zwei große Kriege begonnen und nicht beendet wurden, in denen sich das demokratische Koordinatensystem der westlichen Welt, mit seinen Werten, seinen Freiheiten und seinen Allianzen verschoben hat.

Eine historische, eine weltbewegende Tat also, epochemachend gar, nachdem das Zeitalter der Blöcke schon zehn Jahre zuvor abgelaufen war und die Geschichte nach einer Überschrift für das neue Kapitel suchte.

Fünf Jahre sind keine lange Strecke, weshalb Historiker vielleicht nur eine Fußnote anlegen werden über den amerikanischen Präsidenten etwa, der bisher das politische Zentrum im Terror-Zeitalter besetzt.

Vielleicht werden sie Osama bin Laden nicht ausführlicher würdigen müssen, zumal der geistige Brandstifter hinter den Attentaten seine operative Freiheit bereits eingebüßt hat.

Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht, denn im Kern wird der Ausgang dieses Menschheitsdramas entscheidend davon abhängen, ob noch einmal ein Moment der Reflexion möglich ist, eine Zäsur, ein Strategiewechsel gar.

All die Sprachgewalt, all die Toten, die Kriege und die kulturellen Verwerfungen verstellen nämlich den Blick auf die innere Mechanik des neue Konflikts, auf das simpelste Kalkül, das der terroristischen Tat zugrunde liegt.

Wie aus dem Kern eines Atomreaktors speist sich der Post-9/11-Konflikt aus dem Terror-Grundprinzip: Nicht die Tat selbst richtet die Zerstörung an, sondern die Reaktion auf die Tat. Sie erst verändert, revolutioniert, führt zum Umsturz.

Der islamistische Terror begann in den USA, er wird auch nur durch die USA sein Ende finden. Amerika, vor allem die Regierung Bush, war in ihrer Reaktion auf die Tat ein willfähriger Erfüllungsgehilfe. Osama bin Laden mag kaltgestellt, al-Qaida in seiner ursprünglichen Struktur zerschlagen, wichtige Figuren aus der Spitze der Organisation mögen verhaftet sein.

Aber es war die Idee, die geistige Leistung, die Amerika und die westliche Welt bis heute in die Defensive treibt und das Gefühl wachsender Unfreiheit und Instabilität erzeugt.

Bin Ladens bisweilen verschwurbeltes Ideengebäude basiert auf der Annahme, dass andere für ihn die Arbeit machen, dass durch die Fokussierung auf ein gemeinsames Ziel die Einheit im Islam hergestellt, dass gar ein überstaatliches Gebilde, ein Kalifat entstehen könnte.

Das alles mag belächelt werden. Aber in der Konzentration auf das eine Ziel USA, in der negativen Abgrenzung gegenüber dem Westen und Amerika greift die Idee.

Die Regierung Bush ließ sich aufs Kreuz legen wie ein Sumo-Ringer durch einen Judoka, der sich die Masse des Gegners mit Hilfe geschickter Hebelgriffe zunutze macht.

Terroristen pflanzen Angst und Phantasien in die Köpfe der Menschen, der Kampf gegen Terroristen ist deshalb vor allem ein Kampf um Ideen, um die Köpfe, um die moralische Überlegenheit. Der "Krieg gegen den Terror", von Bush erklärt und bis heute nicht beendet, war deshalb Amerikas strategisch schlimmster Fehler und eine rhetorische Dummheit obendrein.

Dieser Krieg lässt sich nicht führen, geschweige denn gewinnen, aber er verlangt nach Parteinahme, er polarisiert, er fördert Feindbilder auf beiden Seiten. Nicht nur brachte er Amerikas kurzen, imperialen Augenblick schlagartig zu einem Ende, er trug die terroristische Saat auf tatsächliche Schlachtfelder, wo sie - siehe Irak - zu ihrer prachtvollen Entfaltung gelangte.

Amerika reduzierte sich dadurch selbst, büßte seine moralische Überlegenheit ein, kastrierte seinen politischen Einfluss.

Es ist bin Ladens größter Erfolg, dass die Regierung Bush diesen selbstzerstörerischen Mechanismus bis heute nicht erkennt und revidiert. Amerikas Reaktion auf den 11.September war in vielen Punkten richtig und notwendig. Die Taliban mussten vertrieben werden, die Bürger haben Anspruch auf besseren Schutz.

Aber in der zentralen Auseinandersetzung versagt die Regierung Bush: Sie hat die Herzen und die Köpfe der Menschen verloren; sie wird, obwohl Opfer des Terrors, als Täter wahrgenommen, weil sie das Recht beugt und ignoriert, einen Krieg inszenierte und log, weil sie - kurz gefasst - aufgab, was es zu verteidigen galt.

Bush wird das nicht mehr richten. Der Mentalitätswechsel bleibt dem nächsten Präsidenten vorbehalten. Er vollbrächte eine historische Leistung.

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(SZ vom 11.9.2006)