Calais Hauptstadt der Flüchtlingskrise

Flüchtlinge versuchen Nacht für Nacht, den Eurotunnel zu erreichen.

(Foto: REUTERS)
  • Das harte Vorgehen konservativer Politiker gegen Flüchtlinge im nordfranzösischen Calais hat sich als wirkungslos erwiesen.
  • Die Stadt versucht mit Stacheldraht und Millionenbeträgen, die Flüchtlinge von der Weiterreise nach Großbritannien abzuhalten.
  • Die örtlichen Politiker fühlen sich mit der Problematik von Europa alleingelassen.
Von Paul Munzinger, Calais

Am Anfang war Nicolas Sarkozy. 2002 ließ der damalige Innenminister und spätere Präsident Frankreichs, das Flüchtlingslager in Sangatte vor den Toren Calais' dichtmachen. "Wir setzen einem weltweiten Symbol für das Anfachen illegaler Immigration ein Ende", sagte Sarkozy damals. Sarkozy, berüchtigt für sein hartes Vorgehen gegen Einwanderer und das "Gesindel" in den französischen Vorstädten, verfolgte ein wohlbekanntes Kalkül: Wer den Flüchtlingen entgegenkommt, lockt sie an. Wer ihnen das Dach über dem Kopf nimmt, hält sie sich vom Leib.

Ein Irrtum, der 13 Jahre später kaum vorstellbare Ausmaße angenommen hat. 3000 Flüchtlinge leben unter unwürdigen Bedingungen in einer Zeltstadt nahe der nordfranzösischen Stadt. Das Camp nennen alle nur den "Dschungel". Dessen Bewohner kommen aus Eritrea und Äthiopien, aus dem Sudan und aus Nigeria, aus Afghanistan und aus Syrien. Manche haben ihre Heimat erst vor wenigen Wochen verlassen, andere leben seit Jahren hier. Und jeder erzählt seine Version derselben Geschichte: In ihrer Heimat erlebten sie Armut und Gewalt, flohen nach Libyen und im Boot über das Mittelmeer, strandeten schließlich in Calais.

Für viele von ihnen soll Calais der letzte Zwischenhalt auf dem Weg zum Ziel ihrer Odyssee sein: Großbritannien. Jeden Abend bewegen sich Hunderte Bewohner des Dschungels in Richtung Eurotunnel. Drei Stunden dauert der Fußmarsch, ehe ein kilometerlanger Zaun, französische Polizisten und mehrspurige Autobahnen den Flüchtlingen den Weg zum Tunneleingang versperren. Neun Menschen sind nach offiziellen Angaben seit Anfang Juni ums Leben gekommen. Sie wurden von Lkws überfahren oder fielen von einem der Schnellzüge, die im Stundentakt zwischen Paris und London den Tunnel passieren. Hilfsorganisationen sprechen von zwölf Opfern.

Problem verlagert statt gelöst

Das Prinzip der Abschreckung funktioniert nicht in Calais. Das Einzige, was die Flüchtlinge aufhält, ist der vier Meter hohe, von Stacheldrahtschleifen gekrönte Zaun, mit dem die Stadt Calais vor einiger Zeit ihren Hafen in eine Festung verwandelt hat. Den Kanal als blinder Passagier auf einer der Fähren zu überwinden, ist für die Flüchtlinge kaum noch möglich. Stattdessen bringen sie sich im Tunnel in Lebensgefahr. Das Problem ist nicht gelöst, sondern verlagert worden. Das gilt für die Flüchtlinge, das gilt aber auch für Calais.

Richtung Tunnel, jede Nacht

Tausende Flüchtlinge sind im nordfranzösischen Calais gestrandet. Jeden Abend machen sich einige Hundert auf den Weg zum Eurotunnel, in Richtung Zukunft. Nicht alle kommen zurück. Von Paul Munzinger mehr ... Reportage

50 Millionen Euro habe die Flüchtlingskrise die Stadt seit Jahresbeginn gekostet, schätzt Emmanuel Agius, zweiter Bürgermeister von Calais und Mitglied der Republikaner, deren Chef Nicolas Sarkozy heißt. Die Touristen blieben aus, sagt Agius, reiche Engländer kauften sich keine Sommerresidenzen an der französischen Küste mehr, Firmen trauten sich nicht, in Calais zu investieren. "Ich will die Flüchtlinge nicht kriminalisieren", sagt Agius. "Aber Fakt ist: Calais ist heute keine anziehende Stadt mehr. Sie wird jeden Tag weiter nach unten gezogen."

Agius sieht seine Stadt mit einem Problem alleingelassen, das ganz Europa betreffe - und gemeinsam lösen müsse. Calais ist für ihn eine "Märtyrerstadt", die die Zeche der anderen zahle. Vor allem der britische Premier David Cameron verweigere jede Diskussion über das Thema, sagt Agius. Sollten die Briten sich im kommenden Jahr für einen Austritt aus der EU entscheiden, werde Calais beantragen, dass die französisch-britische Grenze nach England verlegt wird. "Das wahre Problem Europas ist nicht Griechenland, es ist die Migration", sagt Agius. "Aber für die Rettung Griechenlands haben wir 80 Milliarden Euro bezahlt. Wir verlangen nur 50 Millionen, damit Calais nicht stirbt."

21 Millionen

Menschen haben im vergangenen Jahr den 1994 eröffneten Tunnel zwischen Calais in Frankreich und dem englischen Folkestone benutzt. 37 000 Fluchtversuche hat der Betreiber Eurotunnel in diesem Jahr auf französischer Seite gezählt. Mehr als 3000 Migranten warten in Calais auf eine Gelegenheit, nach Großbritannien zu gelangen.

Auch Florence Boreil, die für das UN-Flüchtlingshilfswerk in Calais ist, glaubt, dass es nur eine gesamteuropäische Antwort auf die Krise in der Stadt geben könne. Eine flexiblere Auslegung des Dublin-Abkommens könnte Flüchtlingen helfen, legal nach Großbritannien einzureisen, wenn sie dort Familie haben. Und für jene, die sich dort nur bessere Chancen auf Asyl, Arbeit und ein sorgenfreies Leben erhofften, gelte es, die Bedingungen im Rest Europas zu verbessern. Sicherheit und ein Dach über dem Kopf seien der beste Weg, Flüchtlinge von der Flucht abzubringen.

Frühmorgens kehren die Flüchtlinge, die es nicht in den Tunnel geschafft haben, in den Dschungel zurück. Eine Karawane müder, enttäuschter Menschen. Tagsüber schlafen sie. Damit sie es in der nächsten Nacht wieder probieren können.

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