Altmaier besucht Atomendlager Asse Ungemütlicher Ortstermin

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit geht der neue Bundesumweltminister eines der heikelsten Umweltprobleme der Republik an. Er besucht das marode atomare Endlager Asse. Wo seine Vorgänger jahrzehntelang untätig waren, muss Peter Altmaier handeln, bevor das Bergwerk einstürzt.

Von Michael Bauchmüller, Remlingen

Wenn Peter Altmaier wissen will, was so vor ihm liegt, dann ist er hier richtig. In der Wand klafft ein Loch, die Luft ist heiß und trocken. "Hier haben wir", sagt dann Wolfram König, der Chef des Bundesamtes für Strahlenschutz, "diffuse Zutrittsstellen". Zu deutsch: Hier kommt Wasser rein, und keiner weiß woher. "Eine neue Stufe der Herausforderung", sagt König. "Das Wasser kommt von außen."

Erstmals wird eine der Kammern der Asse angebohrt. Das soll überhaupt erst einmal einen Aufschluss geben darüber, wie es um die Fässer im Innern der Kammer bestellt ist - und was es bedeuten wird, sie zu bergen.

(Foto: dpa)

Tag zehn des Umweltministers Altmaier, Ortstermin Nummer eins. In der Asse. Ein Umweltminister kann sich eine Menge solcher Ortstermine aussuchen, er kann sich Biotope anschauen, neue Windräder einweihen, mit Elektromobil herumfahren. Altmaier aber wählt das Endlager Asse, das mit Abstand drängendste Umweltproblem der Republik. Altmaier nennt es eine "offene Wunde". 750 Meter unter der Erdoberfläche.

Vieles ist Zufall an diesem Tag, aber davon soll später noch die Rede sein. Glaubt man Altmaier, dann ist der Besuch ausgerechnet hier jedoch keiner. Der Mann will reden. Schon am Tor erwarten ihn die Bürgerinitiativen, sie haben die üblichen Plakate mitgebracht und einen Verstärker, damit jeder ihre Botschaft hört.

Jeden Tag laufen zehn Kubikmeter Wasser in den Salzstock

Der Müll, so finden die Anwohner, soll heraus aus der Asse. 126.000 Fässer voll radioaktivem Abfall, abgeladen zwischen 1967 und 1978. Verfrachtet in einen Salzstock, in den seit den achtziger Jahren jeden Tag mehr als zehn Kubikmeter Wasser eintreten. "Sie sind der Minister", ruft einer der Bürger. "Setzen Sie ein Ziel für die Rückholung und fragen Sie Ihre Leute, was getan wird, es zu erreichen." Altmaier hört zu, dann lädt er die Bürger in sein neues Ministerium nach Berlin ein. "Ich habe in meinem politischen Leben gelernt, dass man sich einlassen muss auf die Sachargumente, die der andere bringt."

So ähnlich hatte das schon am Vortag geklungen, als Altmaier in Berlin in groben Zügen sein politisches Programm vorgetragen hatte. "Ein Ministerium muss ein offenes Haus sein", hatte er gesagt. Bei den Leuten in Remlingen kommt so viel Offenheit gut an, übrigens auch bei der Opposition. Denn eingeladen hatte Altmaier unter anderem auch SPD-Chef Sigmar Gabriel, der rund um die Asse seinen Wahlkreis hat und selbst einmal Umweltminister war; das Verhältnis der beiden ist offensichtlich gut. "Ein guter Kommunikator", sagt Gabriel. "Und er traut sich Entscheidungen zu, im Unterschied zu seinem Vorgänger."

Norbert Röttgen, der Name fällt hier kaum einmal. Schnell wird klar, dass hier einer einen ganz anderen Stil pflegen will, verbindlicher, gesprächsbereiter. Auch Röttgen war in der Asse, Mitte März erst. Da allerdings war er schon zweieinhalb Jahre im Amt, allein das gab Ärger. Als ihn die Bürger gleich am Tor zur Rede stellten, fehlten ihm erst einmal die Worte. Und unter Tage verblüffte er mit Fragen, die vom Bundesumweltminister in so naiver Form keiner erwartet hätte. Schon zwei Tage später nahm das Schicksal mit Neuwahlen in Nordrhein-Westfalen seinen Lauf.