Die Krankheit von Dieter Althaus wird zu einer Inszenierung, die den Ministerpräsidenten als Opfer eines Schicksalsschlages präsentiert: ein Trauerspiel.
In einer Tragödie ist Mitleid das wichtigste Gefühl. Ist der Fall Althaus eine solche Tragödie? Handelt es sich um einen schicksalhaften Konflikt, der lehren soll, mit dem Unglücklichen zu fühlen? "Wer uns mitleidig macht", so lehrte es vor 250 Jahren der große Aufklärer Lessing, "macht uns besser und tugendhafter".
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Erster Auftritt in der Öffentlichkeit nach seinem Skiunfall: Dieter Althaus beim Verlassen der Kliniken Schmieder in Allensbach am Bodensee. (© Foto: AP)
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Das liest sich in diesen Tagen und Wochen wie eine Eloge auf die Bild-Zeitung, die sich in Wort und Bild bemüht, das Mitgefühl mit dem thüringischen Ministerpräsidenten Althaus zu wecken und zu erhalten. Althaus befindet sich nach einem schweren, von ihm verschuldeten Ski-Unfall, in der Phase der Rekonvaleszenz.
Der Dichter eines Tragödie soll das Publikum, sagt Lessing, "so weit fühlbar machen, dass uns der Unglückliche rühren und für sich einnehmen muß". Wenn das gelingt, und es gelingt der Bild-Zeitung sehr schön, ist das gewiss zu loben. Mitleid ist (es sei denn, man hält es mit Nietzsche, der das Mitleid als Selbstgenuss definiert) eine edle Tugend.
Der Unterschied zwischen dem Fall des unglücklichen Ministerpräsidenten Althaus und einem Trauerspiel ist, dass erst die Bild-Zeitung eines daraus macht: Sie stellt den kranken Ministerpräsidenten auf ihre Bühne und öffnet den Vorhang, wann es ihr passt - und der kranke Ministerpräsident lässt es geschehen, weil er meint, dass ihm das so erzeugte Mitleid hilft.
Das öffentliche Wohlwollen und das öffentliche Mitleid ist die Gegenleistung dafür, dass der Althaus ein paar Journalisten (und nur diesen) exklusiv zur Verfügung steht. Die Krankheit wird zu einer Inszenierung, die den Ministerpräsidenten als Opfer eines Schicksalsschlages präsentiert. Das ist das eigentliche Trauerspiel. Das ist tragisches Dichten, aber nicht im Lessingschen Sinne.
Althaus ist der erste amtierende Ministerpräsident, der sozusagen unter Exklusivvertrag einer Boulevard-Zeitung steht - so wie ihn sonst nur Stars, Sternchen oder unbekannte Unglückliche schließen, die ein Unglück in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit geschleudert hat. Sie wollen auf diese Weise ihr Unglück vergolden. Nicht anders ist es bei Althaus.
Er kriegt die Bühne der Boulevard-Zeitung, er kriegt das Mitleid, das dort wach gehalten wird - aber er kriegt es nur zu den Bedingungen des Theaters, das die Bühne aufstellt. Zu diesen Bedingungen gehört: Du trittst einstweilen nur bei uns auf. Schon seine Teilnahme an der Beerdigung seines Vaters wurde nur von der Bild-Zeitung gezeigt. Jeder Kontakt mit der Öffentlichkeit seitdem geht durch deren Portal.
Das mag für ein Theater so angehen - für eine Demokratie nicht. Ein Ministerpräsident kann und darf sich nicht von seiner Partei und seinem Amt abschotten, sich aber anderweit präsentieren. Er kann und darf sich nicht von seiner Partei in Abwesenheit zum Spitzenkandidaten küren lassen, aber gleichzeitig für Journalisten anwesend sein. Es darf kann nicht sein, dass ein Spitzenpolitiker für eine Boulevardzeitung da ist, die ihn auf die Bühne stellt, aber nicht für seine Partei, die ihn für das höchste Amt seines Landes aufstellt.
Nicht das tödliche Unglück, das Althaus verursacht hat, belastet die Politik; es ist die Art und Weise, wie dieses Unglück inszeniert wird, wie es die Politik in Thüringen beherrscht und den beginnenden Wahlkampf dominiert. Althaus sollte daher die Bühne für die Politik freigeben. Mitleid ist kein Politikersatz.
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(sueddeutsche.de/bosw)
Russland unter Putin
Ansonsten ist das, was BILD über den Gesundheitszustand berichtet hat, gut nachvollziehbar.
So tief kann man gar nicht in den journalistischen Keller steigen, um auf Herrn Diekmann und seinem Verständnis von unabhängiger Berichterstattung neidisch zu sein. Ich sach an dieser Stelle nur "www.bildblog.de". Mehr muss man über das Blatt nicht wissen. Was den Herrn Althaus angeht: Rechtskräftig vorbestraft, also fahrlässig eine Mutter getötet und jetzt mit Herrn Diekmann kuscheln, um Mitleid zu erheischen. Was für eine erbärmliche Posse.
"alle Schuld abstreitet" stimmt ja nicht. Was nützte aber das Bekennen von Schuld ohne Verantwortung? Liegt nicht die Verantwortung weit über der Schuld? Man kann durchaus Schuld eingestehen, und sich um die Verantwortung drücken. Und genau das tut Dieter Althaus nicht.
Neidisch darauf, mit einem charakterlosen Politiker ein Interview zu führen, in dem er zwar heldenhaft eine Verantwortung übernimmt, aber schäbigerweise alle Schuld abstreitet? Ohne seine eigene Meinung zu diesen unsäglichen Aussagen äußern zu dürfen?
Da dürfte kein Journalist neidisch sein.
Sehr geehrter Herr Prantl,
besten Dank für Ihren hervorragenden Artikel.
Es ist ist zutiefst unglaubwürdig, wenn ein Unfallverursacher den Ermittlungsbehörden wegen der Schwere seiner eigenen Unfallfolgen nicht zur Verfügung stehen kann und ein Ministerpräsident wegen der andauernden Unfallfolgenauch seiner eigenen Partei noch nicht einmal ein persönliches Statement zum Parteitag abgeben kann, aber kurz danach "ausgesuchten" Journalisten für ein doch recht umfangreiches Interview und beim Ankommen in Heiligenstadt zur Verfügung steht.
Es ist erschreckend, dass der Herr Ministerpräsident seine medienwirksame Rückkehr nach Thüringen nicht dazu genutzt hat, nur sein tiefstes Bedauern über dieses furchtbare Geschehen und die lebenslangen Folgen für die Angehörigen der gesamten Familie Christandl zum Ausdruck zu bringen. Nur dieses - als solches menschlich zwingend notwendige und überfällige Eingeständnis - wäre mit den medialen Auftritten vertretbar gewesen.
Stattdessen formuliert Herr Althaus nur seine eigenen Bedürfnisse, um wiedergewählt zu werden. Das ist unverzeihlich!
Es grüßt,
Claudia May aus Erfurt.
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