Von Thorsten Denkler

Dieter Althaus findet vier Monate nach seinem Ski-Unfall noch immer keine befriedigende Antwort auf die Schuldfrage. Das macht ihn zur Belastung.

Vielleicht ist es zu viel verlangt von Dieter Althaus, dass er Emotionen zeigen, dass er mit dem Begriff "Schuld" offensiver umgehen soll. Dass er in irgendeiner Form eine menschliche Regung zeigt, die deutlich macht, was mit ihm geschehen ist seit jenem 1. Januar. Damals starb nach einem Skiunfall mit ihm eine Frau auf einer Skipiste in Österreich. Der Politiker, der selbst schwer verletzt wurde, musste sich vor Gericht verantworten.

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Die Schuldfrage wirft einen Schatten auf Dieter Althaus. (© Foto: Reuters)

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An diesem Montag wäre wieder Gelegenheit gewesen, offen über das Geschehene zu reden. Mit einer Pressekonferenz läutete der CDU-Politiker die Wiederaufnahme der Amtsgeschäfte ein. Doch er gibt sich, als wäre nie etwas passiert.

Der Unfall? Er nennt ihn einen "Sachverhalt". Die Schuldfrage? Ergibt sich für ihn allein aus dem Unfall-Gutachten. Das erkenne er an. Wenn Althaus über den Tag spricht, dann klingt das, als würde er Aktenzeichen referieren.

Das ist durchaus nachvollziehbar. Wenn es stimmt, dass der thüringische Ministerpräsident keine Erinnerung an den Unfall hat, dann dürfte er nur schwer in der Lage sein, eine emotionale Haltung zu dem Ereignis zu entwickeln.

Das ist anders als bei Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble, die beide bei vollem Bewusstsein Attentate überlebt haben. Und auch anders als bei Horst Seehofer, der eine schwere Krankheit überstanden hat. Allen drei ist gemein, dass sie persönliche Empfindungen und Erinnerungen als Anknüpfungspunkte haben, sich mit ihren Schicksalsschlägen intensiv auseinanderzusetzen. Althaus hat nur das Gutachten.

Doch das wird als Erklärung nicht reichen. Ein Reporter fragte auf der Pressekonferenz zu Recht, ob die Anerkennung der Schuld allein vom persönlichen Erinnerungsvermögen abhänge. Gerade ein Technokrat wie Althaus müsste in der Lage sein, aus der Aktenlage ein Urteil über die eigene Verantwortlichkeit zu fällen.

Davor aber drückt sich Dieter Althaus.

Der Regierungschef hat den Tod eines Menschen zu verantworten. Es ist gut, dass er daran juristisch nicht zweifeln lässt. Aber die Frage der moralischen Schuld wird ihn begleiten, solange er keine befriedigende Antwort darauf geben kann und will.

Er scheint das anders zu sehen. In der Pressekonferenz will er sich vor allem als genesen präsentieren. Aber Althaus irrt, wenn er glaubt, die Skepsis ihm gegenüber gründe allein auf der Frage, ob er gesundheitlich fit genug für das Amt ist. Die Frage ist vielmehr: Kann jemand, der den Tod eines Menschen zu verantworten hat, weiter Ministerpräsident eines Landes sein?

Dieter Althaus stellt sich diese Frage offenbar nicht. Weil er keine Erinnerung an den Unfall habe, könne er auch den Umfang der eigenen Schuld nicht bewerten. Das ist seine immergleiche Argumentation. Auch ein Form von Verdrängung. Vielleicht aber dämmert Althaus auch einfach nur, wie die Antwort auf die Schuldfrage ausfallen würde und was das für seinen Verbleib im Amt bedeuten müsste.

Wahl- und parteitaktisch geht Althaus den richtigen Weg. Ohne ihn hätte die Thüringen-CDU bei der Landtagswahl im Sommer wohl kaum eine Chance. Menschlich und moralisch aber bleibt sein Verhalten vor allem eines: fragwürdig.

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(sueddeutsche.de/jja/segi)