Man kann die Geheimniskrämerei der Albrechts verstehen, Theo wurde 1971 entführt, sieben Millionen Mark Lösegeld überreichte der Bischof Franz Hengsbach damals nach zwei Wochen auf einem Parkplatz den beiden Kidnappern. Es war die bis dahin teuerste deutsche Entführung. Damals erfuhren die Deutschen überhaupt erst davon, dass die Brüder mit ihren Kartonverwahranstalten so reich geworden waren.

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Die Gangster dachten zunächst, dass sie aus Versehen den Buchhalter erwischt hätten. Der Entführer Paul Krohn, in Düsseldorf als "Diamantenpaule" bekannt, ließ sich Theos Ausweis zeigen, so irritiert war er vom mausgrauen, abgewetzten Outfit des Milliardärs. "Sie sind doch der Herr Albrecht, oder? Der Theo Albrecht?!"

Acht Jahre nach seiner Freilassung strengte Theo dann einen Musterprozess an, weil er die sieben Millionen von der Steuer absetzen wollte. Sein Anwalt argumentierte, das Lösegeld sei betriebsbedingt gezahlt worden, Albrecht sei ja nicht als Privatperson, sondern als Firmeninhaber entführt worden.

1953 hielt Karl auf einem Treffen des Lebensmittelverbandes einen Fachvortrag. Das ist die einzige überlieferte geschäftliche Äußerung der beiden. Damit stellen sie noch den Schriftsteller Thomas Pynchon in den Schatten, der sich 40 Jahre vor Journalisten verstecken konnte, bis ihn CNN 1997 ausfindig machte.

Pynchon lockte den Reportern die Zusage ab, das Material nicht zu zeigen, indem er ihnen dafür ein Interview versprach. Dieses so genannte Interview besteht aus zwei Sätzen, die die Albrechts wahrscheinlich sofort unterschreiben würden: "Das Wort ,Einsiedler' ist doch eine Art Codewort unter euch Journalisten, das bedeutet: mag nicht mit Reportern reden. Lassen Sie mich deutlich sein: Ich mag einfach nicht photographiert werden." Damit war alles gesagt.

Verschwunden im Imperium

Karl Albrecht war in seinem Vortrag 1953 pragmatischer. Aber auch er hat damals alles gesagt: "Unsere ganze Werbung liegt im billigen Preis." Für Werbeagenturen, Unternehmensberater und Marktforschung haben die Brüder in 60 Jahren keinen Pfennig ausgegeben. Stattdessen waren sie einfach billig. Anfangs haben sie Butter unter Selbstkostenpreis verkauft und das Geld woanders eingespart: Es gab bei ihnen keine Kühlregale. Die Angestellten mussten die Butter nach Feierabend in den Keller schleppen und morgens wieder raufholen.

Im Öschberghof gibt es an diesem Sommerabend buttrigen Fisch und Weißwein. Karl hat das Fünfsternehotel 1978 an den Rand von Donaueschingen gebaut, in Sichtweite eines Aldi-Zentrallagers, ein Abschreibungsobjekt, das seine Sterne dem mit 27 Löchern damals größten deutschen Golfplatz zu verdanken hat. Hier reden sie von Karl Albrecht wie von einem leutseligen Onkel.

Der sei ja so nett, sagt ein Mädchen an der Rezeption. Und der Manager kriegt sich gar nicht mehr ein, er habe schon an vielen Häusern gearbeitet, aber "ich hab selten so einen Charismatiker erlebt." Karl Albrecht, ein Charismatiker? "Diese Größe! Wer bin ich in dem Unternehmen? Niemand. Aber Herr Albrecht redet mit mir völlig normal. Der sitzt hier oft im Restaurant, trinkt ein Bier und freut sich. Der hat einen Erfahrungsschatz, da können Sie nur noch zuhören." Und von dem Mann soll es nur ein Foto geben?

Ach ja, von Theo gibt es noch ein Foto, von 1971. Es zeigt ihn nach der Freilassung, auf seinem Balkon. Er sagte damals nur einen Satz: "Ich hoffe, dass der Rummel beendet ist und dass nichts mehr über meine Entführung veröffentlicht wird." Dann verschwand er auf Nimmerwiedersehen in seinem Haus und seinem Imperium.

Hinter dem Öschberghof steht ein kleiner Bungalow, in dem wohnt Karl der Große, wenn er hier vorbeikommt. Klingeling, keiner da. Das einfache Häuschen ist akkurat umzäunt, am Fenster steht ein Kaktus vor Gardine, mehr ist auch hier nicht zu sehen. Auf dem Golfplatz fährt ein älterer Mann herum, der sagt, der Albrecht habe noch im Alter von 70 Jahren ein Handicap von sieben gehabt. Jetzt lebe er übrigens in der Schweiz, und seither komme er ja leider gar nicht mehr vorbei.

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(SZ vom 19.8.2005)