Al-Qaida-Zelle von Düsseldorf Bombenlabor zwischen Zahnpasta und Klopapier

In der Dusche kochten die mutmaßlichen Terroristen Grillanzünder auf, das Rezept stammte aus dem Al-Qaida-Ausbildungslager am Hindukusch. Eine ganz große Bombe sollte es werden - doch dann kamen den Männern eine verpatzte Uni-Klausur, eine Blondierung und die Fahnder von der Bundespolizei dazwischen.

Von Annette Ramelsberger

Sie wollten die ganz große Bombe bauen, doch sie blieben in Düsseldorf stecken, in einer Duschwanne zwischen Zahnpasta und Klopapier. In dieser Dusche in der Düsseldorfer Witzelstraße fand die GSG 9 vor einem Jahr das geheime Bombenlabor der al-Qaida in Deutschland: einen Topf, in dem Dutzende von Grillanzündern aufgekocht wurden, einen Messbecher, einen Trichter und ein Blech, auf dem das Filtrat trocknete.

Die Laboranten aus der Witzelstraße wollten nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft eine Bombe bauen, getreu den Anleitungen aus den Terrorlagern der al-Qaida. Die Amerikaner hatten die Deutschen kurz zuvor vor einer "marokkanischen Zelle" gewarnt, der Innenminister hatte vor Terror gewarnt, die Reichstagskuppel wurde gesperrt. Nun hörten die Fahnder seit Wochen mit, was die Männer besprachen, drei Tage lang sahen sie auch noch ihren Kochkünsten zu. Dann, am 29. April 2011, nahmen sie die Männer fest.

Nun erhebt die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe Anklage beim Oberlandesgericht Düsseldorf gegen die Köche vom Rhein. Sie wirft ihnen Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung al-Qaida vor und ihrem Anführer, dem Marokkaner Abdeladim El-K. zudem die Vorbereitung einer schweren, staatsgefährdenden Gewalttat, weil er sich in einem Terrorlager hat ausbilden lassen. Er soll die anderen drei Angeklagten rekrutiert haben. Die Zelle, so die Karlsruher Ermittler, wollte "einen aufsehenerregenden Terroranschlag in Deutschland" verüben, auch wenn ein konkretes Ziel noch nicht feststand.

Zuletzt hatte im Herbst 2007 die Sauerland-Gruppe versucht, ein Attentat zu begehen. Sie hatte bereits große Mengen an Chemikalien gebunkert. Die "Düsseldorfer Zelle" war noch nicht so weit, aber sie zeigte sich extrem konspirativ, war unauffällig bis zur Unsichtbarkeit. Und sie stand in direktem Kontakt zu höchsten al-Qaida-Kadern und hatte ihren Auftrag zum Attentat direkt von Scheich Atiyatallah al-Libi bekommen, der später durch eine Rakete umkam.

Weil er eine Uni-Prüfung verpasst hatte, musste El-K. das Land verlassen

Als starker Mann der Terrorzelle vom Rhein gilt der 30 Jahre alte Marokkaner Abdeladim El-K.. Er studierte seit 2001 in Krefeld und Bochum Mechatronik. Im Jahr 2009 soll er in ein Ausbildungslager der al-Qaida am Hindukusch gefahren sein. Er bestreitet das, doch die Ermittler glauben, ihm den Aufenthalt nachweisen zu können.

Der Mechatronik-Student schrieb im Lager fleißig mit: In seinem Computer wurden Anleitungen zum Bombenbau gefunden, zudem ein Dokument, in dem er seine Notizen, mal französisch, mal arabisch, gespeichert hatte. Es ging darum, wie man einen Initialsprengstoff herstellt und mit einem Mobiltelefon den Zünder auslöst.

Die Fahnder wissen heute, dass er im April 2011 - während der heißen Phase des Bombenbaus in Düsseldorf - immer wieder darauf zurückgriff. Mit seinem Wissen kam El-K. im Mai 2010 nach Deutschland zurück. Doch weil er seine Prüfungen an der Uni versäumt hatte, musste er das Land verlassen. Es dauerte Monate, bis er über seinen Düsseldorfer Freund Jamil S., einen Elektriker, falsche Papiere besorgt hatte.

El-K. entschuldigte sich in einer Mail ausdrücklich bei seinen Auftraggebern. Es habe Probleme gegeben, aber nun gehe es los. "Oh, unser Scheich, wir halten noch unser Versprechen. Wir werden mit dem Schlachten der Hunde anfangen."

Er wolle in Deutschland Brüder hinterlassen, die die Arbeit zu Ende führen. Er bat noch, den Al-Qaida-Lehrgang über Gifte zugesandt zu bekommen. Dann ging alles sehr schnell. Im März 2011 zieht El-K. zu seinem Freund Jamil S. in die Witzelstraße. Fortan wird kein Fremder mehr in die Wohnung gelassen. Nur noch Jamil, der Deutsch-Iraner Amid C. und der Deutsche Halil S. dürfen zu Besuch kommen. Die Ermittler hören über eine Wanze, wie El-K. den Freunden von al-Qaida vorschwärmt und vom Weg ins Paradies.

Einmal hören sie, wie die Männer über Bienen reden, die angeblich Sprengstoff riechen können. Die deutschen Polizisten glauben an ein Märchen - bis sie erfahren, dass der britische Geheimdienst tatsächlich mit solchen Bienen experimentiert. Und dann begann El-K., sich über die Sicherheitsvorkehrungen öffentlicher Gebäude zu informieren.

Dass die Grillanzünder nur harmloses Paraffin enthielten, erkannten sie nicht

Die Männer aus der Witzelstraße reden leise, dazu läuft in der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung ständig die Waschmaschine und der Fernseher. Sie kaufen im Supermarkt eine Familienpackung Grillanzünder und wollen daraus Hexamin extrahieren. Man hört, wie El-K. sagt: "Du musst noch H2O2 zugeben und Zitronensäure. Dann hast du den Zünder für die Bombe." Dass die Männer einen Grillanzünder gekauft hatten, in dem kein Hexamin steckt, sondern harmloses Paraffin, das erkannten sie nicht.

Auch sonst hatten sie kein rechtes Glück mit ihren chemischen Experimenten. El-K. wollte sich zur Tarnung die Haare blond färben. Das Ergebnis: Er hatte rote Strähnen auf dem Kopf. Daraufhin rasierte er sich eine Glatze und kaufte zwei Perücken - eine schwarz, eine blond.

Die Drei aus Düsseldorf wurden im April festgenommen, ein Vierter im Dezember. Es ist der Deutsche Halil S., den die Fahnder zunächst nur als "Mann im roten Pullover" kannten. Der Student aus Bochum hatte die anderen nur kurz besucht. Doch einen Tag nach der Verhaftung seiner Freunde kaufte sich Halil S. einen Wanzendetektor für seine Wohnung und einen sogenannten Spy-Wecker, der filmt, wenn jemand die Wohnung betritt.

Halil S. machte nach Erkenntnissen der Ankläger eifrig weiter im Sinne von al-Qaida. Er sammelte Geld durch betrügerische Ebay-Geschäfte. Und er wollte sich unbedingt eine Waffe beschaffen. Die Waffenhandschuhe dafür hatte er schon. Doch ein Kumpan trickste ihn dann aus - das war im Plan von al-Qaida nicht vorgesehen.