Al-Qaida-Geisel getötet Mord im Sahel

Grausamer Tod nach einem missglückten Befreiungsversuch: Der entführte Franzose Michel Germaneau ist von einer Al-Qaida-Gruppe getötet worden - durch Enthauptung.

Von Rudolph Chimelli

Der 78-jährige Franzose Michel Germaneau, der am 19. April im Norden des Niger von Terroristen entführt worden war, ist am Sonntag von einer Al-Qaida-Gruppe getötet worden - offenbar durch Enthauptung. Eine Aktion mauretanischer Truppen und französischer Kommandos zu seiner Befreiung war am vergangenen Donnerstag missglückt. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy verurteilte am Montag den "kaltblütigen Mord": Die Täter, denen jede Achtung vor dem Leben fehle, hätten Germaneau, der für eine Hilfsorganisation in der Sahelzone arbeitete, sogar seine Medikamente verweigert.

Die Al-Qaida-Gruppe hatte Michel Germaneaus Tötung in einem Tondokument mitgeteilt, das am Sonntag dem Sender al-Dschasira übermittelt wurde. Darin behaupteten die Terroristen, sie hätten sich "für den Tod von sechs unserer Kameraden gerächt, die bei der feigen Operation Frankreichs ums Leben kamen". Dieser Version wird in Paris kein Glauben geschenkt, denn in früheren Mitteilungen hatte al-Qaida gedroht, Germaneau am Montag "hinzurichten", falls bis dahin nicht einige gefangene Kampfgenossen freigelassen würden. Weder deren Namen noch der Ort ihrer Gefangenschaft wurde aber erwähnt. Auch über andere Kanäle wurden keine konkreten Forderungen erhoben.

Mitte Mai hatte Germaneau, der körperlich bereits stark angeschlagen wirkte, den französischen Präsidenten in einer Videobotschaft um Hilfe gebeten. "Ich leide sehr unter der Hitze", sagte der Herzkranke. Seither gab es von ihm kein Lebenszeichen mehr. Wer ursprünglich seine Entführer waren, ist unsicher. Es scheint, dass die ersten Geiselnehmer ihn an Islamisten weiterverkauften. Zuletzt befand er sich in den Händen einer Al-Qaida-Gruppe unter Befehl des Algeriers Abdelhamid Abu Said. Dieser ist für seine Brutalität bekannt und hat im vergangenen Jahr den Briten Edwin Dyer nach sechs Monaten Gefangenschaft töten lassen. Dagegen konnte der französische Entwicklungshelfer Pierre Camatte Anfang 2010 nach monatelangen Verhandlungen zwischen Paris, Algier und Bamako ausgelöst werden.

Der Versuch zur Befreiung Germaneaus mit einem Flugzeug und mehreren Hubschraubern wurde von dem kleinen Wüstenflugplatz Tassalit aus durch mauretanische und französische Elitesoldaten unternommen. Obwohl das Flugfeld im Nordosten Malis, nahe der Grenze zu Algerien liegt, waren malische Streitkräfte nicht an der Operation beteiligt. Der Grund dafür ist der Verdacht, dass der malische Sicherheitsdienst von al-Qaida unterwandert ist. Gleichwohl hatte Mali sich mit dem Vorstoß einverstanden erklärt, denn erst am 30. Juni sind elf algerische Gendarmen im Grenzgebiet in einen Hinterhalt geraten und von Terroristen erschossen worden. Das Lager der Gruppe von Abu Said befand sich in der Region von Kidal. Es wurde zerstört, sechs Terroristen wurden getötet, doch Germaneau, der dort vermutet wurde, war nicht anwesend. Der Rest der Mannschaft Abu Saids konnte flüchten.

Nach dem französisch-mauretanischen Angriff haben sich die Sorgen um zwei spanische Geiseln verstärkt. Sie sind 35 und 50 Jahre alt und werden seit acht Monaten festgehalten. Sie befinden sich in den Händen der Hauptgruppe der Maghreb-Qaida, die unter dem Kommando von Mochtar Ben Bochtar steht, auch er ein Veteran des algerischen Bürgerkrieges, der vom Amnestie-Angebot Präsident Abdelaziz Bouteflika keinen Gebrauch machte.

Unter den Al-Qaida-Leuten in der Sahelzone befinden sich vorwiegend Algerier, Mauretanier, Libyer und Nigerianer. Sie wechseln in dem unübersichtlichen Gelände dank schneller Fahrzeuge rasch ihre Standorte und finanzieren sich durch Lösegeld und Schutzzölle, die sie den Schmugglerbanden und Rauschgifthändlern der Region abnehmen. In der Bevölkerung und unter den örtlichen Würdenträgern hat al-Qaida viele Helfer. "Kein Zweifel, dass es sich um einen Racheakt handelte", sagte ein solcher Würdenträger, der an allen Verhandlungen zum Freikauf von Geiseln beteiligt ist. "Wir wissen das durch unsere üblichen Kanäle." Michel Germaneau war ehemaliger Elektronik-Ingenieur. Er hatte weder Frau noch Kinder und nutzte seinen Ruhestand, um in der Sahelzone für eine kleine Hilfsorganisation namens Elmilal zu arbeiten. Sie ist auf den Gebieten der Erziehung und der Gesundheitspflege tätig. Im vergangenen Jahr war er in Niger an der Schaffung einer Schule im Dorf In-Abangharet beteiligt.