Al-Qaida gegen IS Streiten sich zwei Terrornetzwerke

IS hat vorgelegt, al-Qaida zieht nach: Das einst von Bin Laden geführte Terrornetzwerk möchte ebenfalls ein "Kalifat" gründen, nämlich in Indien. Zwischen den Dschihadisten ist ein bizarrer Wettstreit ausgebrochen.

Von Michael König
  • Nach dem "Islamischen Staat" in Syrien und Irak ruft jetzt auch al-Qaida ein "Kalifat" aus - es soll in Myanmar, Bangladesch und Teilen von Indien entstehen.
  • Die Terrornetzwerke haben denselben Ursprung, doch IS ist für al-Qaida inzwischen ein Konkurrent im bizarren Wettstreit um mediale Aufmerksamkeit.

Warum al-Qaida jetzt nachzieht

Stellen Sie sich vor: Es ist Terror, und keiner hört hin. Den Terroristen wird die Aufmerksamkeit versagt, sie werden ignoriert, finden keine Beachtung mehr, verschwinden aus den Nachrichten. "Ohne mediale Aufmerksamkeitsverstärkung wäre auch der Terror machtlos", schrieb der Medienwissenschaftler Stephan Ruß-Mohl schon 2010.

So gesehen hat al-Qaida ein Problem. Nicht, weil die Medien den Terror an sich ignorieren würden. Das wäre angesichts der Lage im Nahen Osten verantwortungslos. Sondern weil das einst von Osama bin Laden gegründete Netzwerk aus den Schlagzeilen verdrängt wird - von der Konkurrenz. Zwar sind Al-Qaida-Ableger in Nordafrika und auf der Arabischen Halbinsel aktiv, etwa im Jemen. Doch die Nachrichten dominiert der "Islamische Staat", der andere Zusammenschluss von Dschihadisten, der in Syrien und im Irak wütet und jüngst den amerikanischen Journalisten Steven Sotloff vor laufender Kamera ermordete.

Zwischen den Terroristen beider Gruppen hat sich ein bizarrer Wettstreit entwickelt. Darum, wer der Ober-Bösewicht ist. Nachdem der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi Ende Juni ein "Kalifat" in Syrien und dem Irak ausgerufen hatte, legt nun Al-Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri nach: Sein Netzwerk gründe einen Ableger auf dem indischen Subkontinent, mit dem Ziel eines "Kalifats" in Myanmar, Bangladesch und Teilen von Indien.

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Dein Kalifat, mein Kalifat. Das Gezänk der beiden Terrorgruppen wäre lächerlich, würde IS nicht Tausende Menschen töten und religiöse Minderheiten bedrohen. Und würde al-Qaida dadurch nicht womöglich motiviert, schlagzeilenträchtige Anschläge zu planen.

Experten sehen den Ärger und den Neid der al-Qaida wachsen, mit jeder Erfolgsmeldung der IS-Konkurrenz. Schon die Ausrufung des Kalifats habe al-Qaida als "Kriegserklärung" empfinden müssen, sagte der schwedische Terrorexperte Magnus Ranstorp dem Spiegel. Es sei auch ein Generationenkonflikt: Al-Qaida habe wenig aufzubieten gegen die junge Konkurrenz, die sich nach außen noch brutaler zeige, aber ganz anders operiere, als es Bin Ladens Bewegung getan habe - nicht mit spektakulären Terroranschlägen auf Ausländer, sondern mit klar umrissenen Zielen, militärischen Allianzen und einem definierten Herrschaftsgebiet, dem "Kalifat".

Der in Jordanien ansässige Experte Hassan Abu Hanijeh sagte dem Handelsblatt, nach Meinung von Dschihadisten "gibt es mit der Errichtung eines islamistischen Kalifats keinen Bedarf mehr für al-Qaida". Dagegen sieht Matthew Olsen, Direktor des amerikanischen National Counterterrorism Centers in Virginia, die al-Qaida noch immer als "führend in der globalen Dschihadisten-Bewegung". Jedoch habe IS sie zuletzt "mit einer ausgefeilten Propaganda-Maschine überflügelt".

Pro-IS-Demonstration im Irak.

(Foto: AP)

Der gemeinsame Ursprung und der Bruch

Die IS-Miliz, die vor der Ausrufung des Kalifats unter den Abkürzungen Isis oder Isil (Islamischer Staat in Großsyrien/der Levante) firmierte, hat ihren Ursprung im weit verzweigten Terrornetzwerk von al-Qaida. Der Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi führte deren irakische Untergruppe an, ehe er 2006 von einem US-Kommando getötet wurde. Ihm folgte Abu Bakr al-Baghdadi nach, der den Aktionsbereich auf Syrien ausweitete.

Dort machten al-Baghdadis Männer - unter dem Namen Isis/Isil - der anderen Al-Qaida-Suborganisation, der Al-Nusra-Front, mit besonders brutalen Methoden Konkurrenz. Woraufhin der Al-Qaida-Chef und Bin-Laden-Nachfolger Ayman al-Sawahiri befahl, al-Baghdadi solle sich auf den Irak konzentrieren. Es kam zum Bruch: "Wir haben keine Verbindungen zur Isis", teilte die Al-Qaida-Führung im Februar 2014 mit. "Isis ist keine Filiale von al-Qaida."

Die Al-Nusra-Front erklärte Isis zunächst den Krieg, später soll es zu einer Versöhnung gekommen sein. Al-Nusra habe al-Baghdadi die Treue geschworen, hieß es im Juni - dessen Macht war wohl zu groß geworden. Er verkündete kurz darauf, der "Beherrscher aller Gläubigen" zu sein. "Die Legalität aller Emirate, Staaten, Gruppen und Organisationen" werde "null und nichtig" durch ihn, den Kalifen.

Damit war auch al-Qaida gemeint, das nun ausweicht und kontert. Mit der Gründung eines neuen Ablegers auf dem indischen Subkontinent. Dessen Streben nach einem Kalifat bedeutet freilich vor allem eines: neuen Terror.