Landebahnen, Hochspannungsleitungen oder eine Großbaustelle vor der eigenen Haustür? Keiner wünscht sich das. Meist sind es daher Anlieger, die gegen Großprojekte demonstrieren. Doch wenn überall Wutbürger auf die Barrikaden gehen, dann steht die Gesellschaft am Ende ohne funktionierende Infrastruktur da. Nachträgliche Mediationsverfahren oder staatlicher Zwang helfen hier nicht weiter. Wie zukünftige Großprojekte dennoch funktionieren können.
Soll keiner behaupten, der Bürger werde nicht beteiligt. Der neuen Startbahn am Frankfurter Flughafen ging ein langes Mediationsverfahren voraus, über den Tiefbahnhof Stuttgart 21 debattierten Gegner und Befürworter vor den Augen des Fernsehpublikums, für das umstrittene Endlagerprojekt Gorleben gibt es neuerdings einen eigenen Dialog: Bitte alle mitmachen. Und dann?
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Die Energiewende hat viele Befürworter, doch wenige wollen einen der dafür notwendigen neuen Strommasten auf dem eigenen Grundstück. (© dpa)
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In Frankfurt wurden Bürger von Nachtflügen überrascht, die nicht verabredet waren, in Stuttgart sind die Fronten starr wie eh und je, in Gorleben wird munter erkundet, Dialog hin oder her. Der Bürger, dieses zunehmend renitente Wesen, soll zwar erklärtermaßen in Großprojekte besser eingebunden werden - doch stets nur zum Zwecke ihrer Durchsetzung. So aber läuft Deutschland schnurstracks in die Akzeptanzfalle.
Bürgerinitiativen auf dem Vormarsch
Fronten gibt es genug. Hier ist es die Gütertrasse durchs Rheintal, die mehr Verkehr auf die Schiene holt, aber Anwohner quälen wird, da ist es eine Stromleitung, dort eine dritte Startbahn am Münchner Flughafen. Alle Proteste eint das Auseinanderfallen von Lasten und Nutzen. Anwohner müssen Lärm oder Anblick ertragen, den Nutzen genießen andere, oft die Allgemeinheit. Das allein überzeugt Betroffene aber noch nicht.
Das klassische Verwaltungstrias aus Planung, Planfeststellung und Genehmigung stößt damit immer öfter an die Grenzen des sogenannten Wutbürgers. Dieser konnte zwar schon im Verfahren seine "Einwendungen" vorbringen, heißt das Ergebnis aber deshalb noch lange nicht gut. Und während alte Bindungen an Kirchen, Parteien, Gewerkschaften an Kraft verlieren, organisieren sich Bürger immer stärker entlang ihren Interessen. Viele Bürgerinitiativen überbrücken inzwischen alle politischen Lager. So werden die Gegner umso einflussreicher, umso effektiver. Lernen Verwaltung und Bauherren nicht, damit umzugehen, werden sie an entscheidenden Projekten scheitern.
Auch der Hinweis auf die Doppelbödigkeit mancher Protestbewegung hilft nicht. Mag sein, dass mancher Anwohner heute gegen Fluglärm kämpft, aber morgen schon in Urlaub fliegt. Und klar: Wer gegen neue Stromleitungen opponiert, ist seinerseits dennoch auf welche angewiesen, nur eben woanders. Allzu oft spielt das Sankt-Florians-Prinzip hinein, nach dem die neue Ortsumfahrung von den einen ersehnt, von den anderen erbittert bekämpft wird. Zwangsläufig landet eine Gesellschaft, in der alle zwar eine funktionierende Infrastruktur wollen, nur nicht vor der eigenen Haustür, im Patt. Nur lässt sich dies weder durch Zwang lösen noch per Verwaltungsakt.
Bauherren müssen flexibel bleiben
Ganz offensichtlich müssen sich die Verfahren verändern. Bürgerbeteiligung war zu lange nur notwendiges Übel. In Zukunft muss sie zur Grundlage einer Planung werden, und zwar in Form echter Beteiligung. Die Erfahrung lehrt, dass umstrittene Vorhaben dort, wo Anwohner frühzeitig mitreden durften, viel leichter umzusetzen sind. Das verlangt allerdings auf Seiten der Bauherren eine bisher ungekannte Flexibilität; sie müssen lange offenlassen, wie genau sie ihr Vorhaben realisieren: Welche Trasse etwa eine Güterstrecke nehmen soll, welcher Technologie sie sich bei einer Stromleitung bedienen wollen. Und sie müssen womöglich sogar bereit sein, noch einmal über das Ob zu streiten.
Akzeptanz", das ist bisher Ziel noch jeder Beteiligung. Der Bürger soll überzeugt werden, soll hinnehmen, was andere in seiner Umgebung planen. Schon in dem Wort steckt das Grundmissverständnis, das viele Vorhaben so erschwert: Denn bisher muss diese Akzeptanz nur der Betroffene aufbringen. Wie aber steht es um die Akzeptanz auf Seiten der Investoren und der öffentlichen Hand?
Schwierig werden große Infrastrukturvorhaben immer bleiben, zwangsläufig verlangen sie den Ausgleich der Interessen. Aber sie werden unmöglich, wenn der Bürger erst wütend werden muss, damit er Einfluss bekommt.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 31.10.2011/jak)
Youtube-Hit aus USA
Wie zukünftige Großprojekte funktionieren können, wurde diese Woche auch in Düsseldorf bei einem Kongress des NRW-Wirtschaftsministers diskutiert. Dort wurde eine Studie der Change Centre Stiftung vorgestellt - knapp 100 Experten wurden zu ihren Erfahrungen bei Infrastrukturprojekten befragt.
Der Vortrag steht frei online unter: http://www.change-centre.org/media/2011/11/Change_Centre_Vortrag_02-11-11.pdf
- ein Blick in die Thesen lohnt sich, neben Alternativenprüfung und Transparenz gab es auch innovativere Forderungen.
...wie könnten sie denn , Herr Bauchmüller ? Hätten Sie denn ein Rezept dafür , wie die Bewohner in der Einflugschneise zur Landebahn 3 den Lärmterror gesundheitlich verkraften könnten ? (Lassen wir die Vokabel Lebensqualität mal ganz beiseite.) Interessenausgleich ? Eher eine lächerliche Kategorie hier , keine Lösung .
Oder die Ureinwohner in der engen Rheintrasse , die es 200(?) Mal am Tag und nachts ertragen müssen , dass ihr Porzellan im Schrank klirrt , wenn Züge vorbei donnern ? Müssen die auswandern , wenn sie dem Terror entgehen wollen ?
Die Gesellschaft hat sich weit entfernt von dem netten Grundsatz : " Was du nicht willst , das man dir mute zu , das mute auch keinem anderen zu !" Und das schon "im Kleinen" . In stiller Ohnmacht wünscht man den Typen die Pest an den Hals , die einem mit ihrem Zeitakter auf der Straße oder auf dem Wasser die Atemluft verpesten ....
...und der ist alt, stur und egoistisch. Also renitente Rentner mit zuviel Zeit :o))
Spass beiseite, da hilft nur Transparenz weiter und vorallem das Angebot von Alternativen. Bisher sind auch viele Projekte daran gescheitert, dass die EVU sich nicht in die Karten gucken lassen wollen, das sollte nicht vergessen werden...