Aids in der Ukraine "Es ist egal, woran ich sterbe"

Welt-Aids-Tag: Nirgendwo in Europa ist es so schlimm wie in der Ukraine. Fast eine halbe Million Menschen dort sind HIV-positiv - weil der Staat zu wenig tut, sind NGOs aktiv.

Von Matthias Kolb, Donezk

Es ist ein fast magisches Ritual. Sieben Augenpaare richten sich auf Kolja: Der magere Mann mit der riesigen Brille zerdrückt ein paar Ecstasypillen mit einer Flasche, füllt das Pulver in eine Spritze und mischt es mit Spiritus.

Danach tröpfelt er die Flüssigkeit auf einen Teller, den er vorher mit einem Fetzen geputzt hat, und zündet sie an. Kolja bereitet Vint zu, jene in Osteuropa beliebte billige Droge aus Amphetaminen. Oft benutzen mehrere Süchtige die gleiche Spritze und infizieren sich so mit HIV.

Neun Leute sitzen in der Zweizimmerwohnung und nur Erik achtet nicht auf Kolja. Der stämmige 28-Jahrige kramt stattdessen in seiner schwarzen Plastiktüte und wirft schließlich einen Packen neuer Spritzen auf die Matratze. "Wo habt ihr die alten Spritzen hingelegt? Braucht ihr Alkoholtupfer? Oder Kondome?", fragt er und blickt hinüber zu Ira und Nastja.

Der Sozialarbeiter aus der ostukrainischen Stadt Makejewka kennt seine Kunden - und deren Probleme, denn er war selbst lange drogensüchtig. Die Frauen verdienen das Geld für ihre Sucht als Prostituierte und sind kurz vor ihm aus der Kälte gekommen. Ira beobachtet Kolja, der in der Küche auf dem alten Gasherd das Drogengemisch erhitzt. Ihre Augen sind müde, die Wangen eingefallen und die Arme sind mit Einstichstellen übersät. Sie nickt Erik zu: "Lass welche da! Danke!"

Fast eine halbe Million Menschen infiziert

Erik drückt kurz ihre Hand, legt eine Broschüre über Tuberkulose und einen Flyer der Nichtregierungsorganisation Amikus auf den Tisch. Seit drei Jahren arbeitet er für die Hilfsorganisation und versucht, die Narkomani über Aids aufzuklären und durch Spritzentausch das Infektionsrisiko zu senken. Bisher haben sich Kostja, Ira oder Nastja nicht testen lassen. Kostja, der viel älter wirkt als 32, kommt aus der Küche zurück: "Ich will das nicht. Es ist egal, woran ich sterbe."

Die Ukraine ist das Land mit der höchsten HIV-Infektionsrate in Europa: Ende 2007 waren 122.000 der 47 Millionen Ukrainer als HIV-positiv registriert, doch UNAIDS schätzt die Zahl auf 440.000. Dabei weiß nur etwa jeder Fünfte, dass er infiziert ist. Dadurch verbreitet sich das Virus weiter: In den ersten zehn Monaten dieses Jahres wurden alleine 15.658 Neuinfektionen gemeldet.

Anders als in Westeuropa hat sich die Immunschwächekrankheit in der Ukraine anfangs nicht durch Sexualkontakte verbreitet, sondern durch Drogenkonsum. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) spritzen sich knapp zwei Prozent der Ukrainer Drogen - auf Deutschland übertragen wären dies 1,5 Millionen Menschen.

Die Probleme begannen mit dem Kollaps der Sowjetunion 1991: Damals landeten viele Ukrainer in der Arbeitslosigkeit. In der Region Donezk, in der auch die 380.000-Einwohnerstadt Makejewka liegt, mussten viele Bergwerke und Fabriken schließen, das Gesundheitssystem brach zusammen. Wer einen Job hatte, bekam oft kein Gehalt. Zugleich häuften einige große Vermögen an: Rinat Achmetow, der reichste Ukrainer, stammt aus Donezk, wo man heute mindestens so viele Porsche-Geländewagen und Mercedes-Limousinen wie in München sieht.

In Makejewka packt Erik seine Sachen zusammen und verabschiedet sich. "Ihr könnt mich immer anrufen, wenn ihr neue Spritzen braucht", sagt er und diktiert Ira seine Handynummer. Viele Kunden melden sich per SMS, andere vereinbaren Zeichen. Da wird Licht in Zimmern in einem bestimmten Abstand an- und ausgeschaltet oder Erik klopft mehrmals von außen an die Fensterscheibe, bevor er die Wohnung betritt.

"Viele haben Angst vor der Polizei", berichtet Erik. Immer wieder würden die Süchtigen von den schlechtbezahlten Milizionären verprügelt, vergewaltigt oder verhaftet, wenn gerade das Plansoll erfüllt werden muss. In der Ukraine wird selbst der Besitz kleinster Mengen von Drogen oder einer benutzten Spritze hart bestraft - manchmal stecken die Beamten selbst dem Junkie Stoff zu.

"Natürlich kann man sich freikaufen, aber die meisten geben ihr Geld für Drogen aus", sagt Erik. Hinzu kommt: Süchtige und Huren seien so stigmatisiert, dass die Milizionäre keine Strafen von ihren Vorgesetzten zu befürchten hätten, berichtet Erik auf dem Weg zur nächsten Wohnung.

Dort braucht er keinen Code, um Igor die sterilen Spritzen und Alkoholtupfer zu bringen. Als er gerade die kleine Plastiktüte mit den gebrauchten Spritzen einsteckt, dreht sich ein Schlüssel im Schloss: Es ist die Mutter, die sich einen Weg durch die vollgestellte Wohnung bahnt und Erik freundlich zunickt. Sie reden kurz, wahrend Igor bereits im Zimmer verschwindet.

"Die Mutter versorgt ihn mit Essen, das ist eher selten", sagt Erik - oft verstoße die Familie die Junkies. Zwischen zehn und zwanzig Kunden trifft Erik täglich auf seinem Rundgang. Er ist auch samstags und sonntags unterwegs: "Die Süchtigen kennen ja auch kein Wochenende."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche katastrophalen Auswirkungen die Aidsepidemie für die Ukraine haben könnte.

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