Afrika Von Geschäftemachern und Ausbeutern

Hans Stoisser, Der schwarze Tiger. Was wir von Afrika lernen können. Kösel-Verlag 2015, 207 Seiten, 17,99 Euro. Als E-Book: 13,99 Euro.

(Foto: Verlagsgruppe Random House GmbH)

Hans Stoisser beschreibt die Entwicklung eines Kontinents - leider mit dem Blick und der Haltung eines Europäers.

Von Isabel Pfaff

Die Weisheit ist alles andere als frisch: Afrika ist kein Land, es ist ein Kontinent aus 54 Einzelteilen, ein Erdteil voller Gegensätze. Eine Banalität eigentlich, doch großen Teilen des deutschsprachigen Sachbuchmarkts bleibt sie offenkundig fremd. Weiterhin heißen die Neuerscheinungen "Der Afrika-Boom", "Afrika ist das neue Asien" oder "Gestatten: Afrika - Warum ein zweiter Blick auf unsere Nachbarn lohnt". Auch der Wiener Berater Hans Stoisser schreibt mit an dieser Tradition: "Der schwarze Tiger - Was wir von Afrika lernen können" heißt sein Buch, das sich dem ökonomischen Potenzial der Region widmet und sich, laut Klappentext, aus 30 Jahren Erfahrung als Unternehmer in Afrika speist.

Hier fängt die Übertreibung schon an: Acht Länder - Südafrika, Mosambik, Angola, Kenia, Uganda, Tansania, Äthiopien und Kap Verde - hat Stoisser beruflich aus der Nähe kennengelernt. Eine Menge, keine Frage, noch dazu interessante Fälle. Doch es bleiben acht von 54, die Krisenherde spielen keine Rolle, der Westen und der Norden des Kontinents fehlen fast komplett.

Das heißt nicht, dass Stoisser nichts Interessantes zu sagen hat. Er erweist sich als ein guter Beobachter, findet sprechende Bilder für das, was sich in einigen Ländern des Kontinents gerade verändert. Da gibt es den Hotelbesuch in Mosambik vor 15 Jahren: Blick aufs Meer, niedrige Preise, guter Kaffee. Die Gäste: vor allem weiße Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. Mehr als zehn Jahre später ist Stoisser wieder dort, diesmal nur auf ein Bier. Die Preise wurden ordentlich angehoben, das Publikum ist vor allem mosambikanisch und asiatisch.

Auch wenn die beiden Szenen nicht repräsentativ für den gesamten Kontinent sind, erzählen sie doch viel: In Teilen Afrikas ist eine Mittelschicht herangewachsen, die auf Augenhöhe mit dem Rest der Welt kommunizieren und wirtschaften will. Eine Schlüsselrolle haben dabei China und andere Schwellenländer übernommen, die statt Entwicklungshilfe aufs Geschäft setzen. Sie sichern sich Lizenzen zur Rohstoffausbeutung, erhalten Zugang zu riesigen Absatzmärkten für ihre Produkte - und versorgen die Staaten im Gegenzug mit dringend nötigen Straßen, Stromleitungen und Mobilfunknetzen. Der Autor beschreibt den Wandel insbesondere im urbanen Afrika plastisch und kenntnisreich. Und er kontrastiert diese neuen Realitäten mit der absurden, oft wirkungslosen Hilfsmaschinerie des Westens: einer Branche, deren Arbeit er überzeugend kritisiert.

Sobald sich Stoisser aber von der dichten Beschreibung ab- und den großen Bögen zuwendet, verliert der Text an Schärfe. Die Passagen über Globalisierung, die Rolle des Westens und den islamistischen Terror geraten platt und lassen kritische Distanz vermissen, vor allem was Europa, seine vermeintlichen Werte und Interessen angeht. Überhaupt, so wird im Lauf der Lektüre deutlich, scheint es Stoisser weniger um Afrika als vielmehr um Europa zu gehen. "Was wir von Afrika lernen können" lautet der Untertitel - richtig müsste es heißen: Was Europa von Asien und den anderen Regionen lernen kann, die gerade in Afrika erfolgreich Geschäfte machen.

Und so nimmt der Autor letztlich eine fast schon koloniale Haltung ein: Afrika als Spiegel unserer Rolle in der Welt, Afrika als Raum, den wir nicht den anderen überlassen dürfen. Das ist schade, nicht nur, weil diese Perspektive einige kluge Gedanken Stoissers zum Wirtschaftsraum Afrika überlagert. Sie verstellt vor allem den Blick auf eine spannende, vielfältige Region, die mehr ist als ein Ort, wo Großmächte die nächste Weltordnung ausfechten.