SZ: Die Bevölkerung in Deutschland bewertet den Einsatz schon lange kritisch. Wie lange müssen aus Ihrer Sicht die ausländischen Truppen bleiben?

Anzeige

Karsai: Ich hoffe, dass der Aufbau der afghanischen Truppen und der Institutionen 2015 abgeschlossen sein wird. Aber was den Krieg gegen den Terrorismus betrifft, hoffe ich, dass es schneller geht.

SZ: Sind dafür mehr Soldaten nötig?

Karsai: Mehr Truppen wären anfangs besser gewesen, unsere Verbündeten aber haben das erst spät eingesehen. Jetzt kommen mehr Soldaten, aber sie müssen auch in den Süden gehen, wo der Einfluss der afghanischen Regierung geschwunden ist. Und sie müssen die Grenze zu Pakistan besser schützen, damit die Terroristen sie nicht so leicht überschreiten können.

SZ: Könnten da auch die Deutschen mehr leisten?

Karsai: Die Deutschen haben viel geleistet. Historisch betrachtet sind sie die größten Freunde Afghanistans. Sie haben uns nie im Stich gelassen. Ich werde die Deutschen nicht um mehr bitten, wir sind schon dankbar. Aber wenn Deutschland von sich aus entscheidet, mehr zu tun, sind wir sogar noch dankbarer.

SZ: Die Amerikaner hingegen beginnen, sie im Stich zu lassen. Vizepräsident Joe Biden hat kurz vor Amtsantritt gesagt, Afghanistan sei ein einziges Durcheinander, und Außenministerin Hillary Clinton sprach von einem "Drogen-Staat".

Karsai: Hillary Clinton hat das nicht gesagt, sie ist eine sehr respektvolle Person. Und Biden - ja, er hat recht, es ist ein Durcheinander. Deshalb müssen wir ja gerade miteinander reden. Ich sage: Hört auf mit den zivilen Opfern, hört auf mit den Festnahmen, den Hausdurchsuchungen, sorgt für eine bessere Verteilung der Hilfsgüter. Und wenn Biden sagt: Es gibt Opium und Korruption, dann antworte ich: Gut, dann lasst uns auch da einen Ausweg finden.

SZ: Ihre Verbündeten werfen Ihnen vor, nicht genug gegen die Drogenflut aus Ihrem Land zu unternehmen. Sogar Regierungsmitglieder sollen daran mitverdienen.

Karsai: Das höre ich immer wieder, da ist nichts dran. Ich habe die Amerikaner gebeten, Beweise vorzulegen. Sie haben uns dann eine Liste mit elf Namen geschickt, darauf war kein Mitglied der afghanischen Regierung.

SZ: Im Westen heißt es, selbst Ihr eigener Bruder sei am Opiumhandel beteiligt.

Karsai: Ich werde jetzt nichts dazu sagen, wer ein Interesse daran hat, so ein Spiel der Schuldzuweisung zu spielen. Aber die Vorwürfe gegen meinen Bruder tauchen immer dann in amerikanischen oder britischen Zeitungen auf, wenn ich mich kurz zuvor kritisch über die Verbündeten geäußert habe, etwa nach einem Angriff mit vielen zivilen Opfern. Wir verstehen das als eine Taktik, uns unter Druck zu setzen.

SZ: Wer sollte ein Interesse daran haben?

Karsai: Ein Eindruck in Afghanistan ist, dass unsere Verbündeten unsere Regierung schwach halten wollen. Wenn die Verbündeten unsere Regierung stärken wollen, sollten sie uns mehr Mittel geben, über die wir selbst verfügen. Aber wir sind der internationalen Gemeinschaft dankbar, es könnte nur besser laufen.

SZ: Glauben Sie, die anfängliche Liebesaffäre mit dem Westen ist vorbei?

Karsai: Wir haben sieben Jahre in einer Ehe verbracht und reden immer noch miteinander. Das ist großartig, aber es gibt Tage, an denen man sauer aufeinander ist.

SZ: Haben Sie Angst, dass sich die Amerikaner von Ihnen trennen wollen?

Karsai: Die Führung Afghanistans bestimmen die Afghanen. Das hat der Westen nicht zu entscheiden. Wir sind keine Kolonie, wir sind ein unabhängiges Land. Das ist unser Stolz.

SZ: Auch in der afghanischen Bevölkerung ist die Enttäuschung riesengroß. Wie wollen Sie denn die Menschen davon überzeugen, wieder für Sie zu stimmen bei der Präsidentenwahl im August?

Karsai: Die Afghanen glaubten anfangs, sie würden schon am nächsten Tag einen Rosengarten bekommen. Ich habe das auch geglaubt. Dabei hätte ich damals sagen sollen: Wartet, es wird nicht so schnell gehen. Jetzt bin ich erfahrener und kann den Leuten sagen: Es wird noch dauern, es wird schwierig.

SZ: Sie glauben, das wird reichen?

Karsai: Soll ich den Menschen versprechen, dass wir morgen BMWs herstellen oder dass Afghanistan das wohlhabendste Land der Welt wird? Das geht natürlich nicht. Wir müssen darauf aufbauen, wo wir stehen. Wir sind ein extrem armes, gequältes Land. Ich glaube, die Afghanen sind immer noch auf meiner Seite. Aber wenn es eine Alternative gibt, sollten die Afghanen die Freiheit haben, sie zu wählen.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. "Wir sind keine Kolonie"
  2. Sie lesen jetzt "Wir sind keine Kolonie"
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 10.02.2009/cag)