Von Tobias Matern

Er war der Liebling des Westens: Doch Hamid Karsai hat als Präsident Afghanistans viele Hoffnungen enttäuscht - seine Herausforderer positionieren sich nun für die Präsidentenwahl.

Er war der Liebling des Westens. Die Taliban waren noch nicht aus ihren Hochburgen vertrieben, als für das US-geführte Bündnis bereits feststand, Hamid Karsai solle das Land am Hindukusch nach Jahrzehnten des Blutvergießens stabilisieren.

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Nicht nur die USA lassen den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai fallen, auch in seinem Land hat er zahlreiche Herausforderer. (© Foto: dpa)

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Der zum größten Volksstamm des Landes gehörende Paschtune galt als diplomatisch gewandt, durch seine langen Jahre in den USA dem Westen vermittelbar, integrierend in seiner Heimat. Sieben Jahre später ist die Zuneigung abgekühlt.

Die Taliban sind so stark wie nie zuvor seit ihrem Sturz Ende 2001. Die USA kritisieren Karsai offen, nennen sein Land wegen des massiven Opiumanbaus einen "Narko-Staat", wegen Korruption in der Regierung und der wiedererstarkten Militanten ein "einziges Durcheinander". Karsai spart auch nicht mit Kritik. Afghanistan sei "keine Kolonie", bei US-Angriffen stürben zu viele Zivilisten.

Auch in seinem Land ist der Präsident nicht mehr unumstritten. Tägliche Anschläge und schleppender Wiederaufbau zermürben die Menschen. Sie hatten von einem blühenden Aufstieg geträumt, und Karsai hatte diese Hoffnungen befeuert.

Nun endet seine erste Amtsperiode, er muss sich dieses Jahr der Wiederwahl stellen. Karsai wollte das im April über die Bühne bringen. Er verwies auf die Verfassung. Sie schreibt vor, spätestens 30 Tage vor dem Ende seiner Amtszeit (22. Mai) die Nachfolge zu regeln.

Politisches Vakuum droht

Aber die unabhängige Wahlkommission machte Karsai einen Strich durch die Rechnung. Aus Sicherheitsgründen und wegen organisatorischer Schwierigkeiten könne die Abstimmung erst im August abgehalten werden, stellte das Gremium fest. US-Präsident Barack Obama will bis dahin 17.000 zusätzliche Soldaten an den Hindukusch schicken, sie können helfen, die Wahlen abzusichern.

Afghanistan droht derweil ein politisches Vakuum. Die Opposition fordert, Karsai müsse nach Ablauf seiner Amtszeit im Mai zurücktreten, bis zu den Wahlen solle ein Interimspräsident das Land führen. Am Wochenende gab der Amtsinhaber zu verstehen, dass er mit dem Termin im August leben könne, er aber weiterregieren wolle, "bis es Wahlen gibt".

Möglich sei eine Versammlung von Stammesälteren oder eine Entscheidung des Obersten Gerichts, um dies abzusichern. Egal, wie der Machtpoker ausgeht, Karsais Herausforderer positionieren sich bereits. Bislang sind die meisten Bewerber im Kampf um die Präsidentschaft ehemalige Minister seiner Regierung.

Die USA sehen in Ashraf Ghani, der von 2002 bis 2004 Karsais Finanzminister war, eine hervorragende Alternative. Der an amerikanischen Eliteuniversitäten ausgebildete Paschtune, der früher für die Weltbank arbeitete, weiß, dass ihm zu viel Nähe zu den USA im Kampf um Wählerstimmen schaden kann.

Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung betont er, mit dem Sondergesandten der Region, Richard Holbrooke, privat zwar befreundet zu sein, im Amt werde er aber keinen Konflikt mit ihm scheuen. Ghani besitzt auch einen US-Pass, den er abgeben muss, um Präsident zu werden. So will es die Verfassung.

Karsai habe "total versagt" und die Korruption nicht bekämpft, sagt Ghani. Er fordert vom Westen, die afghanischen Streitkräfte intensiver auszubilden. Der Einsatz eines Nato-Soldaten koste so viel wie die Ausbildung von 70 afghanischen Soldaten.

"Nicht aus dem Bunker heraus"

Auch Ghanis Nachfolger als Finanzminister, Anwar-Ul-Haq Ahadi, legte sein Amt nieder, um sich für den Präsidentenposten bewerben zu können. Der Vorsitzende der größten paschtunischen Partei hat ebenfalls in den USA studiert.

Ahadi wirft Karsai im Umgang mit den Taliban einen Zick-Zack-Kurs vor. Solange die Forderungen der Islamisten moderat seien, wolle er mit ihnen Versöhnungsgespräche führen. Ahadi ist mit einem religiösen Anführer des Landes verwandt, der im besonders von Aufständen betroffenen Süden als einflussreich gilt.

Chancen, als Präsident in den Kabuler Gulkhana-Palast einziehen zu dürfen, werden Ali Ahmad Jalali eingeräumt, obwohl auch er erst seine US-Staatsbürgerschaft aufgeben müsste. Karsais Ex-Innenminister war einer der Anführer des Widerstands gegen die russische Besatzung in den 80er Jahren.

Er zog die Fäden vom pakistanischen Peschawar aus. Danach lebte er in den USA, nach dem Sturz der Taliban kehrte er kurzzeitig in seine Heimat zurück. Jalali unterrichtet an der National Defense University in Washington. Sein Interesse an dem Amt hat er bekundet, sich aber noch nicht entschieden.

Das Gleiche gilt für Gul Agha Sherzai, den einflussreichen Gouverneur einer östlichen Provinz. Er ist entschieden gegen den Drogenanbau vorgegangen und hat die Sicherheitslage verbessert. Der frühere Mudschahed bezichtigt Karsai, nicht "aus seinem Bunker" in Kabul herauszukommen.

Abdullah Abdullah gilt hingegen bisher als Außenseiter, weil die paschtunische Bevölkerungsmehrheit sich schwer tun wird, den Sohn einer Tadschikin zu wählen. Das größte Oppositonsbündnis will Abdullah, der bis 2006 Außenminister war, offenbar trotzdem zu ihrem Kandidaten machen. Der Arzt wirft Karsai vor, alles und jeden für das Chaos in Afghanistan verantwortlich zu machen - außer sich selbst.

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(SZ vom 09.03.2009/gal)