Von Tomas Avenarius

Die Taliban haben eine neue Strategie im Kampf gegen die Nato entwickelt: Sie greifen Transporte aus Pakistan an und gefährden die Versorgung der internationalen Truppen.

Zurück blieben ein Toter und rund 100 ausgebrannte Karosserien, daneben ungezählte verschmorte Container: Mit einem Überfall auf den Halteplatz eines Nato-Nachschubkonvois in Pakistan haben die Taliban bewiesen, dass sie die Versorgung der ausländischen Truppen in Afghanistan gefährden können.

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Peschawar in Pakistan: Ein Arbeiter auf einem Nato-Terminal untersucht das, was nach einem Anschlag von der Ausrüstung der internationalen Truppen übrig ist. (© Foto: dpa)

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Bei dem nächtlichen Angriff auf einen Halteplatz am Rand der Stadt Peshawar nutzten die Aufständischen eine einfache Taktik: Rund 200 Mann überfielen das nur für Militärtransporte genutzte Terminal vor dem Morgengrauen. Sie schossen mit Panzerfäusten und Sturmgewehren um sich, töteten einen der Wächter und steckten die mit Humvee-Jeeps und anderen militärischen Gütern beladenen Lastwagen in Brand.

Die Fahrer hatten über Nacht auf dem Rastplatz haltgemacht, da die pakistanischen Behörden die Fuhrunternehmer angewiesen haben, den rund 18 Kilometer von Peschawar entfernten Khyber-Pass nur tagsüber und nur mit Sicherheitsbegleitung zu überqueren.

Nachschub in Gefahr

Es war nicht der erste Taliban-Angriff auf einen Nato-Transport. Vor wenigen Tagen erst war ein anderer Konvoi attackiert worden. Zwei Wächter starben, zwölf Fahrzeuge wurden zerstört. Nato-Verantwortliche betonten zwar in ersten Reaktionen, dass der Nachschub der Truppen durch den jüngsten Überfall nicht gefährdet sei. Sollten die pakistanischen Aufständischen den Khyber-Pass oder seine Zufahrtsstraßen aber auch nur vorübergehend sperren können, käme es zu erheblichen Versorgungsproblemen für die mehr als 20.000 US-Soldaten.

Betroffen wären aber auch weite Teile der insgesamt mehr als 20.000 Mann starken Truppenkontingente anderer Nato-Staaten in Afghanistan. Rund drei Viertel des Nachschubs für die ausländischen Soldaten kommt über Nordwest-Pakistan oder über eine alternative Transportroute durch das weiter südliche gelegene Quetta ins Land. Die Bundeswehrtruppen in Afghanistan sind von diesem Problem bisher nicht direkt betroffen: Da die deutschen Soldaten in Nord-Afghanistan eingesetzt werden, verlaufen die Nachschubwege von der früheren Sowjetrepublik Usbekistan direkt in den Norden.

Die Versorgung der US-Truppen und der wesentlich kleineren Kontingente der anderen Nato-Staaten in Afghanistan ist ein logistischer Alptraum: Ein Teil des Nachschubs - Waffen, Fahrzeuge, Treibstoff und Lebensmittel - wird im pakistanischen Hafen Karatschi am Arabischen Meer angelandet. Er wird dann vom Süden mit Lastwagen entweder nach Quetta oder aber nach Peshawar gebracht. Von Peshawar geht es über den berühmt-berüchtigten Khyber-Pass nach Afghanistan in Richtung der Stadt Dschalabad und nach Kabul.

Schon Peshawar selbst ist ein Problem. Die Taliban sickern seit Monaten in die Millionenstadt mit ihren riesigen Slums ein: Attacken wie die jüngste auf den Halteplatz des US-Konvois sind nur schwer zu verhindern. Wie wenig Kontrolle die pakistanischen Sicherheitskräfte über die Stadt ausüben, zeigt die klägliche Reaktion des lokalen Polizeichefs auf den erfolgreichen Taliban-Angriff: Man werde bald gegen diese "Missgeburten" vorgehen. "Natürlich haben wir einen Einsatzplan vorbereitet, welche Strategie wir gegen sie einsetzen werden", so Safwat Ghayyur.

Ideales Gebiet für Untergrundkämpfer

Wenn die Transporte Peshawar passiert haben, fangen die eigentlichen Probleme erst an. Der Khyber-Pass beginnt einige Dutzend Kilometer westlich der Stadt und führt durch die pakistanischen Stammesgebiete. Dort sind die Taliban ohnehin stark. Der lang gestreckte Pass steigt zwar relativ flach an und ist meist gut übersehbar. Die pakistanische Arme aber kontrolliert das Gebiet nur begrenzt. Die einheimische Pashtunen-Bevölkerung sympathisiert zumindest in Teilen ohnehin mit den Taliban.

Auf afghanischem Boden führt die Strecke kurz vor Kabul bei Sarobi durch steile Schluchten - es ist das ideale Gebiet für Untergrundkämpfer. Das Problem könnte in Zukunft noch größer werden: Da der neue US-Präsident seine Truppen in Afghanistan um mindestens 20.000 Mann aufstocken will, muss auch wesentlich mehr Nachschub ins Land kommen.

Die Gewalt im Raum von Peshawar ist in jüngster Zeit eskaliert. Am Freitagabend wurden bei der Explosion einer Autobombe 29 Menschen in den Tod gerissen und etwa 100 weitere verletzt. Bei einer Schießerei zwischen Polizisten und Taliban-Kämpfern in der südafghanischen Provinz Kandahar kamen nach Regierungsangaben neun militante Angreifer ums Leben, drei Polizisten wurden schwer verwundet. Bei Minenexplosionen in den Provinzen Kunar und Helmand wurden fünf afghanische Soldaten getötet.

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(SZ vom 08.12.2008/beu)