Der afghanische Präsident als Kritiker der USA: Im SZ-Interview wirft er ihnen vor, am Wiedererstarken der Taliban mit schuld zu sein.
Afghanistans Präsident Hamid Karsai hat heftige Kritik am Vorgehen des Westens am Hindukusch geübt und eine neue Ausrichtung des Militäreinsatzes verlangt. "Wir brauchen eine Strategie, die sich mehr darauf konzentriert, Frieden herbeizuführen", sagte er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung.
"Wir brauchen eine Strategie, die sich mehr darauf konzentriert, Frieden herbeizuführen": Afghanistans Präsident Karsai. (© Foto: ddp)
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Die neue Regierung in Washington, die mehr als sieben Jahre nach Vertreibung der Taliban wegen mangelnder Fortschritte deutlich von Karsai abrückt, forderte er zu mehr Unterstützung auf. "Es gibt den Eindruck, dass unsere Verbündeten die afghanische Regierung schwach halten wollen", klagte er.
Karsai räumte auch eigene Fehler ein, zum Beispiel bei der Bekämpfung der Korruption. Für das Hauptproblem des Landes, die mangelnde Sicherheit und das Wiedererstarken der Taliban, macht er jedoch "eine Kombination von Tatenlosigkeit und Unachtsamkeit" des Westens verantwortlich. Nach dem Sturz der Taliban hätten sich die internationalen Truppen "nicht rechtzeitig um die Rückzugsgebiete jenseits der Grenze gekümmert".
In den pakistanischen Stammesgebieten haben die Taliban sich neu organisiert und von da aus die Rückeroberung von Gebieten in Afghanistan gestartet. Zudem warnte Karsai davor, dass willkürliche Militäraktionen der US-Truppen die Position seiner Regierung schwächen und den "afghanischen Rechtsstaat unterwandern". An Washington appellierte er: "Hört auf mit zivilen Opfern, hört auf mit den Festnahmen und den Hausdurchsuchungen."
Zur Beendigung des Krieges setzt Karsai auch auf Verhandlungen mit den Taliban, die bereits weite Teile im Süden des Landes kontrollieren. "Die Taliban, die nicht zur al-Qaida gehören, müssen eine Erlaubnis bekommen, am politischen Prozess teilzunehmen", sagte er. Er sieht auch kein Problem darin, im Falle einer Einbindung der radikalen Islamisten zum Beispiel Teile der Scharia-Gesetzgebung anzuwenden. Afghanistan sei "eine islamische Republik und der Islam die Grundlage des Rechtssystems". Er hoffe, dass der Westen dies verstehe. Schließlich könne der Krieg nicht ewig weitergehen.
"Das ist nicht gut für den Westen, und es ist nicht gut für Afghanistan", sagte Karsai. "Ihre Soldaten sterben dort, und das ist doch sinnlos."
Zum weiteren Verbleib der internationalen Truppen sagte er, der Aufbau afghanischer Sicherheitskräfte und politischer Institutionen könnte bis 2015 abgeschlossen sein. Der Krieg gegen den Terrorismus müsse aber schneller beendet werden. Er begrüßte die von der US-Regierung angekündigte Entsendung zusätzlicher Truppen.
Präsident Barack Obama hatte von bis zu 30000 neuen Soldaten gesprochen und auch von Europas Nato-Verbündeten mehr Engagement verlangt. Karsai forderte, diese Truppen müssten vor allem im Süden eingesetzt werden und dafür sorgen, dass die Grenze zu Pakistan besser gesichert werde.
Deutschland nannte er "den größten Freund Afghanistans". Er sei dankbar für den Einsatz der Bundeswehr und werde nicht um zusätzliche Soldaten bitten. "Aber wenn Deutschland von sich aus entscheidet, mehr zu tun, sind wir sogar noch dankbarer."
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(SZ vom 10.02.2009/jja)