Bestens ausgerüstet, aber dennoch hilflos: Den Soldaten gelingt es in Afghanistan nicht, ihre Gegner entscheidend zu schwächen. Sie sind zu wenige, um das unwegsame Gelände zu kontrollieren.
Jeden Morgen halten die Offiziere des Führungsstabs im Feldlager Kundus eine "Lage" ab, und da wird dann durchgesprochen, was passiert ist in der Nacht, was ansteht am Tag und was es an neuen Informationen gibt über die Gefährdungslage. In letzter Zeit war meistens von drei bis vier Selbstmordattentätern die Rede, die auf Motorrädern und in Autos unterwegs seien im Raum Kundus. Diskutieren brauchte man diese Mitteilungen nicht, denn jeder weiß, was sie bedeuten: eine tödliche Gefahr, gegen die es keinen Schutz gibt.
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Gut bewaffnet, gut gepanzert und doch verletztlich: Für die deutschen Isaf-Soldaten gibt es auch in Fahrzeugen vom Typ Mungo keinen echten Schutz gegen Selbstmordattentäter. (© Foto: Reuters)
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Wie hilflos bestens ausgerüstete Soldaten gegen so einen Attentäter sind, haben die Deutschen im Norden Afghanistans schon öfter erfahren müssen - am Montag zeigte sich das erneut, als sich in der Nähe der Stadt Kundus neben einer Fußpatrouille ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte. Angeblich war er mit einem Fahrrad unterwegs. Einzelheiten sind noch nicht bekannt geworden, aber wie es heißt, sollen auch zwei weitere deutsche Soldaten verletzt sowie fünf in der Nähe spielende Kinder getötet worden sein.
Mit dem jüngsten Anschlag erhöht sich die Zahl der in diesem Jahr getöteten deutschen Soldaten in Kundus auf drei. Damit steht jetzt schon fest, dass das Jahr 2008 für die Bundeswehr in Afghanistan eines der verlustreichsten überhaupt ist. Außer den Toten hat es eine Vielzahl von Zwischenfällen gegeben, wie sie das bei der Bundeswehr etwas verharmlosend ausdrücken. Gemeint sind Hinterhalte, Raketenangriffe, Sprengfallen und eben Selbstmordattentate. Seit Februar gab es von diesen Vorkommnissen in jedem Monat drei- bis viermal so viele wie im Vorjahr.
Das sagt eine Menge aus über die Kampfkraft der Aufständischen, es sagt aber auch etwas aus über die Schwäche der Deutschen in Kundus. Als im Juni die Bundeswehr in Masar-i-Sharif von den Norwegern die Schnelle Eingreiftruppe übernahm, da mussten die dafür abzustellenden 200 Mann anderswo eingespart werden. So kam es, dass in Kundus die ohnehin kleine Kampftruppe der Fallschirmjäger noch weiter verringert wurde, nämlich von 220 auf 80 Mann. Die Folgen zeigten sich sofort: Die Raketenangriffe auf das Lager der Deutschen, die man schon weitgehend eingedämmt hatte, begannen von neuem. Inzwischen ist wieder ein Zug von vierzig Mann dazugekommen, aber es reiche nicht, sagt Oberst Rainer Buske, der Kommandeur.
Buske hat schon zum zweiten Mal das Kommando in Kundus, und er hat nach seiner Rückkehr die Patrouillen zu einer schärferen Gangart angehalten. Die Parole, die er ausgab, lautete: In den Räumen, in denen wir ständig angegriffen werden, müssen wir die Gegner so entscheidend schwächen, dass wir uns wieder auf den Wiederaufbau konzentrieren können. Denn das ist ja das Ziel des Einsatzes: Sicherheit zu schaffen, damit durch zivile Projekte die Entwicklung der Provinz vorangetrieben und die Bevölkerung gewonnen werden kann. Doch der Wiederaufbau lahmt, weil es keine Sicherheit gibt.
Von der Entscheidung des Bundestags, die Mandatsobergrenze von 3500 auf 4500 Soldaten in Afghanistan anzuheben, wird man gewiss auch in Kundus profitieren, doch ob es reicht, die Lage einigermaßen zu stabilisieren? Kampfhubschrauber würden helfen, doch die hat man nicht. Größere Waffen wie zum Beispiel Mörser würden die Aufständischen vielleicht beeindrucken, würden aber vor allem das Risiko von Kollateralschäden erhöhen - und somit die Zivilbevölkerung gegen die Deutschen aufbringen.
Ein Hauptmann sagt: "Das würde alles kaputt machen, was wir uns hier mühsam aufzubauen versuchen." Es ist eine verzwickte, schwierige Situation, und gegen Selbstmordattentäter gibt es ohnehin kein Mittel.
In Kundus rücken sie nach solchen schrecklichen Ereignissen immer eng zusammen. Es ist die Zeit, in der der Militärpfarrer Stephan Schmuck gefragt ist. Jeden Sonntag predigt er in der "Gottesburg", und dass der nächste Gottesdienst dort ein besonders trauriger sein wird, kann man sich denken. Es ist aber auch die Zeit, in der Major Silke Hielscher, die Psychologin, Überstunden machen wird.
Sie hat eine braune Plüschcouch in ihrem Büro, und sie hat darauf schon harte Männer weinen sehen. "Die Bilder gehen mir nicht mehr aus dem Kopf" - mit solchen Sätzen kommen sie zur ihr, und Frau Hielscher sagt dann, dass sie die Bilder zulassen und darüber reden sollen. Man kann sicher sein, dass solche Bilder auch in den nächsten Tagen zu besprechen und zu bewältigen sein werden.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 21.10.2008)
Stockender Kita-Ausbau
Es wird leider nicht das letzte Mal sein wir werden in Zukunft noch öfter Nachrichten aus Afghanistan hören, worin der Todesort und der Tathergang beschrieben werden. Denn sowohl die afghanische Medien als auch Al-Jazira berichten übereinstimmend über die Fahnenflucht von afghanischen Soldaten und Polizisten zu den Taliban. Das erfolgte auch während der Sowjet-Krieg in Afghanistan und es beschleunigte den Niedergang des Sowjets. Dabei kommt es nicht darauf an, wie viele Soldaten oder Polizisten übergelaufen sind, sondern es kommt um das Misstrauen, das dadurch zwischen den Soldaten und Polizisten ausgesät werden.
Die Politiker von Ländern, deren Soldaten in Afghanistan an den Kämpfen teilnehmen, versuchten und versuchen immer noch, nur von einem Kampf zu sprechen, der gegen den Taliban und al-Qaida einerseits und der Nato und Amerika andererseits den Völker in ihren Ländern zu suggerieren. Sie unternehmen alles, nicht darüber zu sprechen, dass der Krieg schon längst afghanisiert ist. Es war auch eine Taktik der Mujaheddin während der Sowjet-Krieg eigene Kämpfer in der Armee- und Polizeiausbildung einzuschleusen, um sie dort ausbilden zu lassen und danach zu desertieren. Solche Leute sind Goldwert für die Taliban und al-Qaida, weil sie sowohl die Moral als auch die Kriegstrategie der Gegner genau kennen. Der Flächenbrand weitet sich täglich in Afghanistan aus und erfasst immer weitere Schichten der afghanischen Bevölkerung, deren Familienmitglieder entweder direkt durch das Bombardement der Alliierten getötet werden, oder weil die Alliierten Stützpunkte in ihrem unmittelbarer Nähe unterhalten, die von Taliban angegriffen werden und sie dadurch im Kreuzfeuer der Kriegsparteien geraten und getötet werden.