Der Bundeswehr-Oberst Georg Klein hat die gekaperten Tanklaster ohne Rücksprache mit Vorgesetzten bombardieren lassen - der Bundeswehrverband stärkt ihm dennoch den Rücken.
Bundeswehr-Oberst Georg Klein habe die Entscheidung zur Bombardierung zweier von Taliban entführter Tanklaster nahe Kundus allein und ohne Rücksprache mit Vorgesetzten in Kabul oder in Deutschland getroffen. Dies berichteten Bundestagsabgeordnete am Freitag in Berlin nach einer Unterrichtung durch Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU).
Bild vergrößern
Ein Deutscher Soldat der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe auf dem Rückweg zu seiner Einheit. (© Foto: AP)
Anzeige
"Oberst Klein trägt letztendlich die Verantwortung, die mit niemandem geteilt werden kann", sagte SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold der Süddeutschen Zeitung. Andere Teilnehmer bestätigten diese Darstellung, wollten aber nicht genannt werden.
Jung und Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan informierten die Obleute des Verteidigungsausschusses und des Auswärtigen Ausschusses über den Bericht einer ersten Untersuchungskommission (Initial Action Team, IAT), die vorige Woche wenige Stunden nach dem Bombenangriff in der Nähe von Kundus ermittelt hatte. Sie war vom Kommandeur der Afghanistan-Schutztruppe Isaf, US-General Stanley McChrystal, entsandt worden.
Entscheidung im Alleingang
Der Bericht, den Ministeriumssprecher Thomas Raabe nach wie vor als unverbindlichen "Reisebericht" bezeichnet, ist "Nato-Geheim" gestempelt und wurde auch den Abgeordneten nicht vorgelegt.
Ergebnis der Unterrichtung durch die Bundeswehrführung ist nach übereinstimmender Darstellung mehrerer Teilnehmer, dass Klein die alleinige Entscheidung zum Bombenabwurf traf. Dies war im Laufe der Woche schon aus höchsten Nato-Kreisen bekannt geworden, von vielen Militärexperten aber angezweifelt worden.
Sie hatten argumentiert, Piloten amerikanischer Kampfflugzeuge würden sich nie ohne Rücksprache bei ihren nationalen Vorgesetzten von einem deutschen Offizier einen Einsatzbefehl geben lassen. Ministeriumssprecher Raabe bestätigte am Freitag noch einmal ausdrücklich, wenn auch nicht auf den konkreten Fall Kundus bezogen, dass "unter bestimmten Bedingungen" eine solche Befehlsgebung sehr wohl möglich sei.
"Unmittelbare Bedrohung"
Zu diesen Bedingungen gehört, dass Soldaten in Gefechte verwickelt sind oder dass ein Truppenführer eine "unmittelbare Bedrohung" erkennt. Zum Zeitpunkt des Bombenabwurfs gab es solche Gefechte nach allen vorliegenden Informationen aber nicht.
Ob tatsächlich die Gefahr bestand, dass die Tanklaster als rollende Bomben eingesetzt werden könnten, ist umstritten. Ein Teilnehmer der Runde vom Freitag sagte der SZ: "Meine Zweifel an der Berechtigung und der Legitimierbarkeit des Angriffs haben sich verstärkt."
Arnold betonte, dass es ihm nicht darum gehe, Oberst Klein bloßzustellen. Vielmehr müsse man ihm helfen. Es sei aber keine Hilfe, wenn die Öffentlichkeit falsch informiert und damit Vertrauen verspielt werde. Arnold kritisierte das Verhalten der Ministeriumsspitze gegenüber dem Parlament. Der IAT-Bericht habe im Ministerium schon vorgelegen, als Jung am Dienstagmorgen die Obleute des Verteidigungsausschusses unterrichtet habe. Dort sei er aber nur am Rande erwähnt worden.
Rückendeckung vermisst
Entweder habe Jung diese Information den Abgeordneten bewusst vorenthalten, oder er habe sie selbst nicht gehabt, weil seine Spitzenbeamten ihm den Bericht nicht vorgelegt hätten. "Beides zeigt, dass Jung sein Haus nicht im Griff hat", sagte Arnold.
Der Bundeswehrverband stellte sich am Freitag vor Klein. "Wir dürfen Oberst Klein nicht im Regen stehen lassen", sagte der Verbandsvorsitzende Ulrich Kirsch. Er kritisierte Generalinspekteur Schneiderhan, von dem er bisher ein "spürbares Signal" der Rückendeckung für die Truppe vermisst habe. Kirsch beklagte die Rechtsunsicherheit der Soldaten im Einsatz, die wie jetzt auch wieder Oberst Klein bei Vorfällen mit Toten staatsanwaltschaftliche Ermittlungen zu erwarten haben.
Die Justiz sei nicht "einsatzfest", sagte Kirsch. Er forderte für solche Fälle eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft mit entsprechender Expertise sowie ein eigenes Bundesgericht. Auf Dauer müsse ein ganz anderer Rechtsstatus für Soldaten geschaffen werden, die in einem nicht erklärten Krieg gleichwohl in kriegerische Handlungen verwickelt würden.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Luftangriff in Afghanistan Wut statt Antworten 10.09.2009
- Afghanistan Selbstmordanschlag auf Militärflughafen 08.09.2009
- Luftangriff in Afghanistan Nato räumt Tod von Zivilisten ein 08.09.2009
- Regierungserklärung der Kanzlerin Merkel macht Afghanistan zur Chefsache 08.09.2009
- Afghanistan und die Deutschen Krieg und Wahlkampf 07.09.2009
(SZ vom 12.09.2009/ehr)
Stockender Kita-Ausbau
@telefonterror: Ich habe den Link schonmal in einem anderen Thread gepostet, aber wen es interessiert welche Mittel zur Lagebeurteilung der Entscheider hatte, sollte sich das mal anschauen. Ich weiß soviel Fachwissen stört, aber es schadet nicht. ;)
IMINT = Imagery Intelligence
http://www.geopowers.com/Kriege/inn_kon/afg_kon_III/afg_kon_iii.html#IMINTAntworten
Mich wundert auch einiges:
- Dass Herr Jung am nächsten Tag schon ganz genau wusste, dass es keine Toten Zivilisten gegeben habe. Das erinnert irgendwie in der Machart schon an gewisse Präsidenten im mittleren Osten, die einen Tag nach der Wahl genau aufzählen konnten, was in den Urnen gelandet war.
- Dann wundere ich mich über manche im Forum, die sachliche Analysen anscheinend überhaupt nicht vertragen. Es gibt nämlich meist mehrere Schuldige für Dinge, die tötlich enden. Aber viele Zeitgenossen sind leider unipolar erzogen worden - sprich schuld kann immer nur einer sein und auf jeden Fall aber der, der den eigenen Moralvorstellungen nicht entspricht.
Rat: Nie zwischen die Fronten von Ja und Nein begeben, denn da erhälts Du die meisten Backpfeifen.
"Die Justiz sei nicht "einsatzfest", sagte Kirsch. Er forderte für solche Fälle eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft mit entsprechender Expertise sowie ein eigenes Bundesgericht. Auf Dauer müsse ein ganz anderer Rechtsstatus für Soldaten geschaffen werden, die in einem nicht erklärten Krieg gleichwohl in kriegerische Handlungen verwickelt würden."
Und damit in Zukunft das GG besser umgangen werden kann wird flugs eine allein zuständige Staatsanwaltschaft mit vorprogrammierten Filz gefordert.
Also ja es scheint Opfer zu geben, aber mit Wattepäuschen braucht man trotzdem nicht zu werfen. Wenn für so eine Entscheidung erst die ganze Befehlskette durchgegangen wird dauert es zu lange (und keiner der Beteiligten Lamettaträger weis es besser - also eher klappe halten - so bleibt die die entscheidung bei irgendjemand hängen).
Viel interessanter wäre eine Erläuterung wie sich der Lage dem Entscheider, dargestellt hat danach kann man immer noch die messer wetzen und dementsprechend schlachten. Vorher würde ich mich nicht mit dem Finger auf irgendjemanden zeigen wollen, aber dann ist eben der Spass weg, Fach und Detailwissen stöhrt eh meistens .
Ich denke, der Herr Oberst wusste gar nicht dass auch Zivilisten vor Ort waren?
Paging