Ein Kommentar von Peter Münch

Zwei deutsche Geiseln werden in Afghanistan mit dem Tode bedroht. Doch wer jetzt den Truppen-Abzug fordert, handelt fahrlässig.

Afghanistan war immer ein gefährliches Land, derzeit aber ist es hochgefährlich. Das haben in den vergangenen Monaten alle zu spüren bekommen, die dort im Einsatz sind - Soldaten der Bundeswehr, humanitäre Helfer, Diplomaten, Geschäftsleute und auch Journalisten.

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Es hat Tote gegeben durch gezielte Morde und durch Selbstmordanschläge, und es gibt Entführungen so wie nun die von zwei deutschen Ingenieuren. Und immer, wenn Bundesbürger zu Schaden kommen am Hindukusch, steht die Regierung unter Erklärungszwang.

Bislang hat sie stets betont, wie wichtig das deutsche Engagement dort ist. Sie sagt, kurz gefasst: weiter so. Und was sagt das Volk? Die Stimmung sagt: nichts wie weg aus Afghanistan.

In Umfragen haben sich fast zwei Drittel der befragten Bürger für einen Abzug der Bundeswehr ausgesprochen. Es ist schon eine bittere Ironie, dass sich diese deutsche Befindlichkeit genau deckt mit der Forderung der Taliban, die sich nun als Täter im jüngsten Entführungsfall gemeldet haben.

Wenn sie als Preis für die Freilassung der beiden deutschen Geiseln den Rückzug der deutschen Soldaten fordern, können sie jedenfalls sicher sein, damit die Diskussion in Deutschland noch einmal kräftig zu befeuern. Sie rennen also gewissermaßen offene Türen ein, weil sich der Sinn dieser Afghanistan-Mission einer Mehrzahl der Deutschen nicht mehr erschließt.

Die Bundesregierung hat zwei harte Wahrheiten verschwiegen

Dass es so weit gekommen ist, liegt nur zum Teil daran, dass sich die Lage im Land so dramatisch verschlechtert hat. Zum Teil liegt es auch daran, dass die Bundesregierung der deutschen Öffentlichkeit lange Zeit zwei harte Wahrheiten vorenthalten hat:

Erstens, um was es beim Einsatz in Afghanistan wirklich gehen müsste - nämlich nicht nur um den Bau von Häusern und Schulen, sondern zum Beispiel auch um die Entwaffnung der Milizen und die Drogenbekämpfung. Und zweitens, was ein Einsatz in Afghanistan kosten kann - neben viel Geld auch Menschenleben.

Wem jedoch immer nur vermittelt wurde, dass Deutschland am Hindukusch mit ein paar guten Aufbau-Taten relativ leicht das nationale Karma verbessern könnte, der reagiert bei Anschlägen und Entführungen schnell mit dem Rückzugsreflex.

Die deutsche Ohne-Michel-Stimmung können sich dann die großen Vereinfacher vom linken Lafontaine bis zum rechten Gauweiler zunutze machen und mit Abzugsforderungen innenpolitisch punkten. In der Innenpolitik jedoch hat dieses Thema wenig verloren.

Denn wer angesichts des hohen Preises ein Ende des Afghanistan-Einsatzes fordert, der sollte auch den Preis dafür bedenken. Es geht dabei nicht nur darum, dass die Hoffnung von Millionen Afghanen enttäuscht würde. Es geht nicht nur um die Verletzung der deutschen Bündnisverpflichtung.

Es geht auch um die Lehre aus dem 11. September - es geht tatsächlich um die deutsche Sicherheit, die bedroht wäre von einem unkontrollierten Terrornest ganz hinten am Hindukusch.

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(SZ vom 21.07.2007)