Von Daniel Steinmaier, Berlin

In Afghanistan gibt es größere Fortschritte als die Deutschen glauben, behauptet die afghanische Regierungsdelegation in Berlin - und rüffelt die Journalisten.

Zum Abschluss ihrer Deutschlandreise versucht es die afghanische Regierungsdelegation noch einmal: Die Deutschen davon zu überzeugen, dass ihre Hilfe in Afghanistan nicht im Sande verläuft. Trotz aller schlechten Nachrichten. Erst gestern hieß es in deutschen Medien, der afghanische Präsident Hamid Karsai sei tatsächlich eher "Bürgermeister Kabuls". Nach Angaben der CIA kontrolliert seine Regierung nur ein Drittel des Landes.

Bild vergrößern

Mohnanbau in Afghanistan (© Foto: dpa)

Anzeige

Mohammad Ismail Khan legt sich zur Begrüßung die Hand aufs Herz. "Ich gehöre zu den Mujaheddin", stellt sich der afghanische Minister für Wasser und Energie vor. Eine Woche war er mit einer Regierungsdelegation in Deutschland unterwegs. Heute bei einem Pressegespräch der GTZ in Berlin nennt er Zahlen zur Stromversorgung in Afghanistan, die die Erfolge seiner Regierung belegen sollen.

Bisher können zwanzig Prozent der Afghanen Gebrauch von Elektrizität machen, sagt der Mann mit dem Turban und dem weißen Bart. Wenn man mit dem Flugzeug über Afghanistan fliege, sehe man mehr und mehr Lichter. In eineinhalb oder zwei Jahren soll die Hälfte der Bevölkerung Zugang zu Elektrizität haben, verspricht er. Immer wieder übersetzt sein Dolmetscher, alle Bemühungen seien in "vollem Gange".

Wirtschaftsminister Mohammad Jalil Shams braucht keinen Dolmetscher, er spricht fließend Deutsch. "Die Situation in Afghanistan ist viel besser als sie in ihren Medien reflektiert wird", sagt der Delegierte im schwarzen Sakko. Man müsse sehen: "Wir haben bei unter Null angefangen". Nach zwanzig Jahren Krieg habe es "keine Straßen, keine Verwaltung, kein System" gegeben.

Mittlerweile aber habe die Regierung eine Infrastruktur geschaffen, wie es sie in Afghanistans Geschichte noch nie gegeben habe. Nur berichten die Medien seiner Meinung nach ausschließlich negatives. Das helfe den Terroristen. "Ich fordere ja nicht, dass sie Propaganda betreiben", sagt der Wirtschaftsminister zu den Journalisten, "aber stellen sie doch endlich die positiven Dinge dar!"

Aber auch er betont, Afghanistan sei noch immer "im Kriegszustand". Dafür macht er vor allem die Drogenmafia verantwortlich. Der Drogenanbau werde von der Mafia vorfinanziert. Weil es für andere Produkte keine Kreditmöglichkeiten gebe, bliebe den Bauern nichts anderes übrig, als Opium zu pflanzen. Hier müsse man Alternativen bieten. Aber über das "wie" gebe es "Meinungsunterschiede" zwischen der EU und der USA, zwischen der internationalen Gemeinschaft und Afghanistan.

Solche Koordinationsschwierigkeiten erklärt Shams in einem Bild: "Stellen sie sich vor, man sprengt dieses Haus. Wenn dann mehrere in den Trümmern die Struktur des Hauses suchen, ist es normal, dass sie sich dabei auf die Füße treten." Jetzt aber wisse man, was die Struktur Afghanistans sei. "Oder glauben sie, die ganzen Bemühungen der internationalen Gemeinschaft waren umsonst?"

Die Bemühungen sind seiner Meinung nach bisher aber nicht ausreichend. Trotzdem wollen die afghanischen Delegierten nicht die jüngsten Forderungen des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Obama unterstützen, dass sich Europa mehr an der militärischen "Drecksarbeit" in Afghanistan beteiligen müsse.

Statt dessen loben sie den deutschen Einsatz bei der Polizistenausbildung in Afghanistan. "Die Afghanen müssen ihre Sicherheit selber gewährleisten", sagt Shams. Die Geberländer sollten mehr bei der Ausbildung von afghanischen Sicherheitskräften tun. "Dass die internationale Gemeinschaft an vorderster Front kämpft, ist nicht gut. Weder für die Afghanen noch für die internationale Gemeinschaft."

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(sueddeutsche.de/lala)