Nach harter Kritik in Deutschland und im Europaparlament hat sich der Außenminister zu Wort gemeldet: Deutschland für die Leiden von Kurnaz verantwortlich zu machen, sei "erstens falsch und zudem schlicht infam".

"Die lange Leidensgeschichte von Herrn Kurnaz in Guantanamo ist erschütternd", sagte Steinmeier am Rande des EU-Außenministerrates in Brüssel. Allerdings könne daraus nicht der Vorwurf abgeleitet werden, dass die Bundesregierung für das Schicksal des Türken verantwortlich sei.

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Ein Ausschuss des Europaparlaments, der sich mit Aktivitäten der CIA in Europa befasst, hatte zuvor mit großer Mehrheit einen Bericht angenommen, in dem der früheren rot-grünen Bundesregierung vorgeworfen wird, Murat Kurnaz Hilfe verweigert zu haben. "Vertraulichen institutionellen Informationen zufolge" habe "die deutsche Regierung das Angebot der Vereinigten Staaten aus dem Jahre 2002, Murat Kurnaz aus Guantanamo freizulassen, nicht angenommen", heißt es in dem Bericht.

Steinmeier sagte hingegen: "Ich kenne kein solches Angebot." Daher werde man im BND-Untersuchungsausschuss des Bundestages "darüber zu reden haben, welche Bewertungen sich daran anschließen", fügte der SPD-Politiker hinzu.

Steinmeier, der als Kanzleramtsminister unter der rot-grünen Koalition mit dem Fall des in Bremen geborenen Türken befasst war, äußerte sich jedoch nicht zu dem jüngst erhobenen Vorwurf, die Regierung habe noch 2005 aktiv versucht, eine Auslieferung von Kurnaz nach Deutschland zu verhindern.

Aussage vor Untersuchungsausschuss im März

Steinmeier soll zum Fall Kurnaz voraussichtlich im März vor dem BND-Untersuchungsausschuss aussagen. "Ich werde meinen Beitrag dazu leisten, dass im Ausschuss vollständige Aufklärung hergestellt wird", sagte er. Ähnlich wie Steinmeier äußerte sich auch SPD-Fraktionschef Peter Struck. "Nach allem, was ich weiß, hat es ein solches Angebot nicht gegeben", sagte er.

Struck spielte zudem die Bedeutung des EU-Berichtes herunter: Diesen "könne man nicht so ganz ernst nehmen", weil er lediglich auf Presseberichten basiere. Er habe keinen Zweifel daran, dass sich Steinmeier "an Recht und Gesetz gehalten" habe, sagte Struck.

Der Vorsitzende des BND-Untersuchungsausschusses, Siegfried Kauder (CDU), zeigte sich skeptisch gegenüber den Äußerungen der SPD-Seite, es habe kein konkretes Angebot gegeben. "Wenn man sieht, dass einer unschuldig in Guantanamo sitzt, kann man nicht einfach abwarten, bis ein Übernahmeangebot auf einen zukommt.

Da muss man schon selbst auch aktiv werden", sagte Kauder der Süddeutschen Zeitung. Auf die Frage, ob der Ausschuss davon ausgehe, dass die deutschen Behörden trotz der türkischen Staatsangehörigkeit von Kurnaz eine eindeutige Verantwortung für diesen gehabt habe, antwortete Kauder in einem Rundfunk-Interview: "So ist es." Kauder nahm Steinmeier zugleich vor Vorverurteilungen in Schutz: Er finde es richtig, dass sich der Minister erst im Ausschuss äußern wolle.

"Schwerwiegende Vorwürfe"

Der Vorsitzende der Unions-Fraktion, Volker Kauder (CDU), verwies ebenfalls auf die Aufklärungsarbeit des Ausschusses. Allerdings sei der Vorgang schon deswegen beachtlich, "weil jemand so lange in Haft war unter Folterbedingungen". Er könne sich nicht vorstellen, "dass ein verantwortlich handelnder Politiker dafür gesorgt hat, dass jemand in einem solchen Bereich bleiben muss, obwohl er nicht dort bleiben müsste". Der FDP-Obmann im BND-Ausschuss, Max Stadler, forderte Steinmeier auf, "jetzt endlich alle Karten auf den Tisch" zu legen. Das Europäische Parlament habe deutlich gemacht, "wie schwer die Vorwürfe wiegen".

Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth sagte, die widersprüchlichen Aussagen über das Freilassungsangebot der US-Regierung für Murat Kurnaz müssten "endlich geklärt werden". Es sei "nicht hinnehmbar, dass die Regierung es der Opposition so schwer macht, eine umfassende Akteneinsicht zu erlangen", sagte Roth der SZ. "Vor allem Außenminister Steinmeier muss jetzt schnellstens zur Aufklärung beitragen und vor dem Ausschuss aussagen. Eine Hängepartie können wir uns nicht leisten."

In Bremen, dem Wohnort von Kurnaz, wird sich an diesem Mittwoch die Bürgerschaft mit dem Fall Kurnaz befassen. Thematisiert werde die Verantwortung der Bundes- und der Landesregierung für die lange Haftdauer des 24-jährigen Türken aus Bremen, sagte der stellvertretende Grünen-Fraktionschef Matthias Güldner.

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(SZ vom 24.1.2007)