Affäre in Argentinien Agententhriller via Facebook

Geht offenbar schnell in die Offensive, bevor sie weiß, wie die Fakten liegen. Argentiniens Staatschefin Cristina Fernández de Kirchner.

(Foto: AFP)

War es Suizid? Mord? Der mysteriöse Tod des argentinischen Staatsanwalts Alberto Nisman wirft viele Fragen auf. Präsidentin Kirchner teilt auf Facebook ihre Sicht der Dinge mit und trägt damit zur Verwirrung bei. Die Affäre wächst sich zu einer Staatskrise aus.

Von Sebastian Schoepp

Puerto Madero ist ein schicker Stadtteil von Buenos Aires, ein bisschen wie die Hamburger Hafen-City, nur höher. Dort wo früher Docks waren, sind schicke Restaurants und Luxusapartments in die Höhe gewachsen, gut bewacht mit elektronischen Systemen, hier kommt keiner ungebeten rein. Es ist ein Symbol für das neue, aufgeputzte Argentinien, das nach Diktatur und Staatspleite zur modernen Welt aufschließen wollte. Ausgerechnet Puerto Madero ist nun Schauplatz jenes mysteriösen Todesfalls, der ganz Argentinien in Atem hält. Er scheint eher in jene finstere Epoche bipolarer Politik und politischer Morde zurückzuweisen, die man überwunden zu haben glaubte.

In seinem Luxus-Apartment in Puerto Madero starb am Sonntag der Staatsanwalt Alberto Nisman, neben ihm lag eine Pistole. Ein smarter, 51-jähriger Karrierejurist, Symbol des jungen, transparenten Argentinien, das mit sich und seiner Vergangenheit ins Reine zu kommen schien. Nisman war ein mutiger Ermittler, der sich mit einer Präsidentin anlegte, die als herrschsüchtig bekannt ist, die mal staatsfraulich agiert und dann wieder wie ein emotionaler, launischer Teenager. So jedenfalls sieht es die Opposition. Cristina Fernández de Kirchner benutzte Facebook, um innerhalb einer Woche erst zu verkünden, Nisman habe Selbstmord begangen - und dann wenige Tage später zu behaupten, nicht näher benannte Kreise könnten ihn beseitigt haben.

Es war Ex-Präsident Néstor Kirchner, Cristinas im Jahr 2010 verstorbener Ehemann, der Nisman einst beauftragt hatte, ein verheerendes Attentat mit 85 Toten aufzuklären, das 1994 auf das jüdische Kulturzentrum Amia in Buenos Aires verübt worden war. Und es war Cristina Fernández de Kirchner, von der Nisman sich nun ausgebootet fühlen musste. Während er jahrelang akribisch gegen ein vermutetes iranisches Drahtzieher-Komplott ermittelte, kungelte die Präsidentin mit den Iranern, wirtschaftlicher Vorteile wegen. Nisman sah seine Ermittlungen, sein Lebenswerk infrage gestellt. Er beschloss, die Präsidentin anzuklagen, sie decke verdächtige Iraner. Und viele Argentinier fragen sich ernsthaft: Könnte Nisman diesen Affront mit dem Leben bezahlt haben?

Präsidentin Kirchner dementiert die Selbstmordthese

Was am vergangenen Sonntag in Puerto Madero geschah, ist noch immer nicht ganz klar: Ein Staatssekretär, der am Tatort war, teilte mit, die Wohnungstür Nismans sei von innen abgeschlossen gewesen, es müsse Suizid sein. Tatsächlich kam im Laufe der Woche heraus, dass es mehrere Türen gibt. Es sind solche Details, die die Regierung Tage später dazu brachten, eine Kehrtwende zu vollziehen: Auf sehr kirchnerische, ichbezogene Weise verkündete die Präsidentin nun: Nisman sei benutzt worden. Aber von wem? Warum?

Hier im Stadtteil Puerto Madero wohnte Staatsanwalt Nisman, hier wurde er aufgefunden - mit einer Kugel im Kopf.

(Foto: Rodrigo Abd/AP)

Statt Antworten gibt es mysteriöse Andeutungen, die vor allem zweierlei erkennen lassen: dass diese Präsidentin schnell in die Offensive geht, bevor sie recht weiß, wie die Fakten liegen; und dass sie anscheinend wenig Ahnung hat, was ihre Mitarbeiter treiben. Die oppositionelle Abgeordnete Elisa Carrió warf der Präsidentin "Mangel an Seriosität" vor. Sie solle aufhören, die Justiz zu beeinflussen. Die untersuchende Staatsanwältin Viviana Fein geht vorerst weiterhin von Selbstmord aus.

Aber hatte er ein Motiv? Nisman war verheiratet mit einer Richterin, mit der er zwei Töchter hatte, von der er aber getrennt lebte. Er hatte ein Hausmädchen, machte Atemübungen und reiste nach Europa. War er depressiv, weil er sein Lebenswerk gefährdet sah? Seine Mutter sagt: nein. Die nächste logische Frage lautet: Hatte jemand Grund, ihn zu ermorden, ihn zum Selbstmord zu zwingen?

Nismans Recherchen hätten unangenehme Folgen haben können

Am Morgen nach seinem Todestag hätte Nisman im Kongress seine Recherchen gegen die Regierung präsentieren wollen. Das wäre für die Präsidentin ungemütlich geworden, fraglos. Aber deshalb einen Staatsanwalt aus dem Weg schaffen? Und das wegen eines Falls, von dem die argentinische Öffentlichkeit jenseits der jüdischen Gemeinde nur noch peripher Notiz nahm angesichts der sonstigen Probleme - Inflation, Kriminalität und Wirtschaftskrise?

Kann eine Regierung so blöd sein? Seit Wochenmitte ist Nismans Untersuchungsbericht öffentlich. Die Ergebnisse seien nicht sonderlich spektakulär, meldete der sonst sehr kirchnerkritische Buenos Aires Herald. Die Präsidentin wedelte sogleich erleichtert mit dem Blatt. In Nismans Bericht steht, Kirchner und ihr Außenminister hätten alles getan, um die Verdächtigen des Amia-Anschlags aus der Schusslinie zu nehmen. Das ist eine Gruppe Iraner, für die ein Auslieferungsantrag vorliegt. 2013 einigte sich Kirchner mit Teheran auf ein Abkommen über Handelsbeziehungen. Darin ist auch die Rede davon, dass man den Fall Amia gemeinsam aufklären wollte. Für Nisman war das ein "krimineller Plan".

Zweifel an der Täterschaft Irans hat er nie zugelassen.

Nisman stützte sich vor allem auf abgehörte Telefongespräche eines iranischen Agenten. Zentrale Figur bei der Recherche war der argentinische Geheimdienstchef Antonio Jaime Stiuso, der mit Nisman kooperierte. Stiuso aber wurde von der Präsidentin zu Jahresende gefeuert, offenbar, weil im Geheimdienst ein Agentenkrieg tobte. Hatten Agenten den Staatsanwalt danach mit obskuren Fakten gefüttert, um die Präsidentin in Misskredit zu bringen? Liegt im Geheimdienstsumpf die Motivlage für Mord? Das ist der Eindruck, den Kirchner erwecken will. Argentinien wartet auf den nächsten Facebook-Eintrag.