AfD und der Klimawandel Wie Pipi im Baggersee

Der "Alternative für Deutschland" sind die Euro-Themen ausgegangen. Jetzt mischt die Partei auch ein bisschen in Sachen Gesundheit, Bundeswehr und Energie mit und lässt einen Skeptiker der globalen Klimaerwärmung als ihren Energie-Experten auftreten. Bis Parteichef Lucke eingreift.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Damit das mit der Energiewende auch alle verstehen, holt Stephan Boyens aus. Weit aus. Also ganz weit aus. "Die Menschheitsgeschichte", beginnt er, "ist eine Geschichte bitterer Energiearmut." In der Frühzeit habe der Menschen mit nur zwei bis drei Kilowatt Energie auskommen müssen, weiß der Vertreter der "Alternative für Deutschland" (AfD).

Um das mal in Relation zusetzen: "Wie viel Sklavenarbeit nötig war, um allein ein Kilowatt zu erzeugen!" Boyens ringt mit der Fassung. Erst mit der Neuzeit habe sich das geändert. Von der Frühzeit bis zu Neuzeit habe sich die Produktivität gerade mal von einem Dollar auf drei Dollar erhöht. Erst mit der Industrialisierung sei die Produktivität geradezu explodiert. Schöne Vorstellung, ein Frühzeitmensch mit Dollarnote in der Hand.

Das alles erzählt er, um klar zu machen, wie wichtig Energie für die Menschheit ist. "Mehr dazu gerne auf Nachfrage", sagt Boyens. Nur: Mehr will dazu keiner wissen.

Die AfD ist wieder in Berlin. Jene kleine Euroskeptiker-Partei, die noch vor kurzem die Republik aufgescheucht hat, so dass selbst die Kanzlerin sich genötigt sah, zu der neuen Partei ein paar Sätze zu verlieren. Das ist vorbei. In Umfragen rangiert die Partei nur noch zwischen einem und 3,5 Prozent. Die Gefahr scheint aus Sicht von Union und FDP vorerst gebannt.

Weg von der Ein-Themen-Partei

Vielleicht liegt es daran, dass der Euro und seine Krise im Moment von anderen Themen verdrängt werden. Deshalb, so wohl das Kalkül, wäre es gut, wenn die Partei auch mit anderen Themen in Verbindung gebracht werden könnte. Zum Beispiel - und deshalb ist unter anderem Diplom-Kaufmann Boyens anwesend - mit dem großen Thema Energie.

Es sind auch noch zwei weitere - nun, Experten ist vielleicht das falsche Wort - gekommen, die zu den Themen Bundeswehr und Gesundheit etwas sagen. Aber das ist eher unspektakulär. Die Stimmung in der Bundeswehr sei schlecht, über Auslandseinsätze sollte einmal geredet werden. Und zur Gesundheitspolitik: Das deutsche Gesundheitssystem sei das Beste der Welt. Na, dann ist es ja gut.

So richtig sprechfähig im klassischen Sinn ist die AfD nicht. Ein Wahlprogramm gibt es zwar. Aber kein Parteiprogramm. Und so bleibt etwas unklar, was die drei Experten jenseits von Allgemeinplätzen überhaupt hätten von sich geben können.

Boyens aber nutzt seine Chance. Er ist der Sprecher des "Bundesfachausschusses Energie" der AfD. Und wenn er eine maßgeblich Stimme der AfD zu diesem Thema sein soll, dann lässt sich durchaus sagen, dass die Partei ihre Tore für Skeptiker des weltweiten Klimawandels weit geöffnet hat. Das wäre eine neue Facette der AfD, die bislang den Verdacht nicht ausräumen konnte, die Grenze zum Rechtspopulismus nur halbherzig zu ziehen.

"Die Theorien der globalen Erwärmung bröckeln", sagt der Kaufmann. "Googeln sie mal Korrelation CO2 und Temperatur", fordert er die zwei Handvoll Journalisten auf, die von der Pressekonferenz berichten. Der Raum in der Bundespressekonferenz ist zwar voll, doch sind erkennbar mehr AfD-Anhänger als Reporter im Raum.

"Seit 20 Jahren haben wir keine Klimaerwärmung"

Mehr als eine Billionen Euro werde die Energiewende kosten. "Kaufmännische Vorsicht, gesunder Menschenverstand und Lebenserfahrung" sagen dem AfD-Mann, dass das zu teuer ist. "Seit 20 Jahren haben wir keine Klimaerwärmung", Grönland komme von Grünland, die Polkappen seinen nicht in ihrem erdgeschichtlichen Normalzustand. Kohlendioxd sei ja auch nur ein Spurengas in der Luft. "Das ist, als ob meine dreijährige Tochter Pippi in den Baggersee macht. Und dann haben wir Angst, dass der Baggersee kippt."

So leicht hat wohl noch niemand die Klimaerwärmung widerlegt.

"Ich will mich jetzt nicht in Rage reden", erklärt der AfD-Klimaexperte. "Aber wir können doch nicht glauben, dass wir hier die Welt retten!"

Parteichef Bernd Lucke sitzt zwei Plätze weiter und wird in diesem Moment so langsam nervös. Der Professor aus Hamburg ist ja eigentlich eher Ökonom als Klimaforscher. Er greift ein, nimmt sich das Wort. Er wolle nicht, dass das einen "falschen Zungenschlag bekommt". Es sei ja explizit die "persönliche Meinung" des Herrn Boyens abgefragt worden. Die AfD, stellt Lucke klar, "stellt nicht grundsätzliche die Tatsache in Frage, dass es wissenschaftliche Evidenzen gibt, das CO2 ein Klimakiller ist."

"Frohe Botschaft" und gewagte Aussagen

Eine durchaus gewagte Aussage. Denn einen Parteitagsbeschluss gibt es dazu noch nicht. Vielleicht setzt sich ja auch Stephan Boyens durch. Boyens aber ist fortan still. Lucke antwortet auf alle weiteren Klimafragen.

Was er womöglich besser gelassen hätte.

Boyens hatte zuvor erklärt, dass "ein plattes Atomkraft-nein-danke" von der AfD nicht erwartet werden dürfe. Aber schon die Tatsache, dass sich Atomkraftwerke nicht versichern lassen, zeige, dass da etwas nicht stimme. Der Atomausstieg sei für Deutschland irgendwie ganz ok. Aber international müsse Deutschland sein Knowhow in der Kernenergie-Forschung aufrechterhalten. Das sieht Lucke nicht anders.

Er will aber die Einspeisevergütung und Abnahme-Garantie für erneuerbare Energien abschaffen. Das sei ohnehin "grober Unfug". Stattdessen soll man im Zweifel eben stärker auf fossile Energieträger wie Gas und Kohle setzen. Was aber den CO2-Ausstoß erhöhen würde und die Frage aufwirft, was die AfD dagegen zu unternehmen gedenkt. Offenbar eher nichts. Weil die Kosten nicht im Verhältnis zum Ertrag stünden.

Zusammengefasst: Die AfD ist gegen Atomkraft in Deutschland, gegen Förderung der erneuerbaren Energien, für günstige Energiepreise, für fossile Brennstoffe, gegen Preissteigerungen und für weniger CO2 in der Luft. Daraus schlau zu werden, ist eine gewisse Herausforderung.

Die AfD erfüllt nun alle Bedingungen, um zu Bundestagswahl zugelassen zu werden - dies hatte Lucke am Anfang noch als "frohe Botschaft" verkündet. Mal sehen, wie viele Wähler das am 22. September genauso sehen.