AfD-Mitbegründer Bernd Lucke Besserwissender Professor

Auf viele wirkt Bernd Lucke wie ein weltfremder Universitäts-Nerd. Doch der 50-Jährige ist international gefragt, und die Gründung der eurokritischen Partei "Alternative für Deutschland" treibt er entschlossen voran. Anhänger der Union wissen, warum sie ihn nicht unterschätzen dürfen - ihnen ist ein Rededuell mit Edmund Stoiber im Kopf geblieben.

Von Jens Schneider

Der Angriff kam als boshafte Spitze. Es waren vier Wörter, die den Angegriffenen erledigen sollten, ein Paradebeispiel für Populismus, das den vermeintlichen Populisten treffen sollte. "Wieder so ein Professor", lauteten sie. Der frühere CSU-Chef Edmund Stoiber stieß sie aus, und warf noch hinterher, dass "der Schröder da schon recht gehabt" habe - damit alle wissen, was er meinte.

2005 hatte Angela Merkel Professor Paul Kirchhof in ihr Wahlkampfteam geholt. Er sollte ihr Trumpf sein, aber Schröder verspottete ihn erfolgreich als "Professor aus Heidelberg".

So wäre Stoiber Mitte März gern mit dem Hamburger Bernd Lucke verfahren. Der ist mit jeder Faser ein Professor, der es gern besser weiß als andere - und seit Sonntag gewählter Sprecher der eurokritischen Partei "Alternative für Deutschland". Stoiber attackierte ihn beim Talk von Anne Will, man darf sagen, dass dieser Fernseh-Moment in der Partei der Euro-Gegner Kultcharakter hat. Auf Youtube wurde die Episode tausendfach angeklickt. Zu sehen ist, wie der Ökonom die Euro-Rettung kritisiert, Stoiber ihn als Professor verspotten will, Lucke aber ungerührt weiterredet. Die Bosheit verpufft. Die ganze Sendung sollte jenen unter Stoibers Freunden in CSU und CDU eine Lehre sein, die Lucke unterschätzen wollen.

Der 50-jährige Vater von fünf Kindern mag mit seiner jungenhaften Erscheinung zunächst wie ein weltfremder Universitäts-Nerd wirken. Die Gründung der neuen Partei treibt er forsch voran und er scheint zu wissen, welche Fehler anderen das Genick brachen. Lucke kennt die Politik, 33 Jahre war er in der CDU, übernahm aber nie eine prominente Rolle. Die fand er zunächst als Volkswirt, indem er den Unmut vieler Ökonomen über die Euro-Rettung bündelte. Er rief 2010 das "Plenum der Ökonomen" ins Leben, eine Art elektronischer Vollversammlung der Hochschullehrer für Volkswirtschaftslehre. Mehr als 300 schlossen sich an. Das Plenum formulierte heftige Kritik. Dass es von der Politik ignoriert wurde, enttäuschte ihn, nun will er in den Bundestag.

Studium in Bonn und Berkeley

Lucke studierte in Bonn und Berkeley und promovierte in Berlin. Er war wissenschaftlicher Referent beim "Sachverständigenrat zur Einführung der sozialen Marktwirtschaft in der DDR". Kurz arbeitete er 1991 für den Berliner Finanzsenator. Seit 1998 ist er Professor an der Uni Hamburg, sein Sachverstand ist international gefragt.

Er findet es abwegig, ihn als Nationalisten abzutun. Seine Partei sei auch kein Rechtsausleger. Er ist stolz auf die große Professorendichte in ihren Reihen, zeigte sich aber zur Gründung in Berlin auch bereit zu arg schlichten Zuspitzungen. Mit Blick auf Griechenland fragte er da, ob die Zuhörer für ein Land zahlen wollten, "in dem Steuerhinterziehung Volkssport und Korruption Gewohnheit ist?" Das war so wenig akademisch wie diplomatisch - aber für seine begeisterten Anhänger der Beweis, dass der Professor auch Politik kann. Einzelne riefen aus dem Saal: "Nein!" Lucke freilich führte dann weiter aus, dass dies jedoch die falschen Fragen seien. Denn die Griechen kämen ja gar nicht in den Genuss des Geldes, sie könnten höchstens mal daran riechen. Die wirklichen Empfänger seien die Banken.

Hinweis der Redaktion: Leser haben uns darauf hingewiesen, dass in einer früheren Fassung des Artikels durch die verkürzte Wiedergabe der Rede Luckes ein unvollständiger Eindruck entstehen könnte. Wir haben den Artikel entsprechend ergänzt.