AfD im Europawahlkampf Rechts von der Union ist noch Platz

AfD-Chef Bernd Lucke will im Europawahlkampf "Mut zu Deutschland" beweisen. Dem Rechtspopulismus-Experten Häusler zufolge mehren sich die Anzeichen, dass die Euro-Kritiker nach rechts rücken.

Die AfD, ein Sammelbecken erzkonservativer Christen? Unsinn, sagt Parteichef Bernd Lucke. Für den Europawahlkampf will sich seine Partei breiter aufstellen, eine wichtige Rolle dürfte dabei die geschickte Netzwerkerin Beatrix von Storch spielen.

Von Kathrin Haimerl

Bernd Lucke hat im vergangenen Monat eine regelrechte Talkshow-Tournee hingelegt: Bei Plasberg durfte der Parteichef der Alternative für Deutschland nach dem Schweizer Referendum die EU kritisieren, bei Sandra Maischberger konnte er sogar ein AfD-Plakat in die Kamera halten.

Besonders denkwürdig sein Auftritt bei Michel Friedmann: Keine zehn Minuten dauert es, da verlässt Lucke empört das Studio. Friedman hatte die AfD-Spitzenkandidatin Beatrix von Storch mit den Worten zitiert: "Multikulti hat zur Aufgabe, die Völker zu homogenisieren und damit religiös und kulturell auszulöschen." Friedman will wissen, ob Lucke hinter dieser Aussage steht. Er unterbricht, insistiert, spitzt zu, stellt die Frage wieder. Und wieder. Bis Lucke schließlich entnervt das Studio verlässt.

Nun muss man der Fairness halber sagen, dass dieses Zitat nicht von Storch selbst stammt, sondern auf einer Internetseite erschien, die sie mitbetreibt. Was Lucke von dieser Aussage hält, wird nicht so richtig klar. Fest steht: Beatrix von Storch spielt in der Partei eine wichtige Rolle, andernfalls würde sie kaum bei der Europawahl auf Listenplatz 4 kandidieren. Das dürfte für den Einzug ins Europaparlament reichen, die Partei liegt in Umfragen derzeit zwischen fünf und sieben Prozent.

Die Partei steht rechts der Union. Dem dürfte auch Lucke selbst zustimmen, hat er doch seine ursprüngliche Heimat, die CDU, unter anderem deshalb verlassen, weil ihm deren Politik zu sozialdemokratisch wurde. Grob gesagt gibt es drei Strömungen, die um Einfluss kämpfen, das geht von wirtschafsliberal über nationalkonservativ bis hin zu rechtspopulistisch. Wobei die einzelnen Flügel nicht klar gegeneinander abzugrenzen sind: Teilweise finden sich die Positionen in einer Person wieder, sagt der Rechtspopulismus-Experte Alexander Häusler von der Fachhochschule Düsseldorf im Gespräch mit Süddeutsche.de. Als Beispiel nennt er den ehemaligen Präsidenten des BDI und Euro-Kritiker Hans-Olaf Henkel, der als glühender Verfechter von Thilo Sarrazins umstrittenen Thesen gilt. Häusler stellt auch klar, dass es bei der AfD nie einen explizit liberalen Flügel im Sinne einer freiheitlichen Tradition gegeben habe.

Nach außen dominierte bei der Partei bislang die Euro-Kritik. Doch für den Europawahlkampf will man sich breiter aufstellen. Zumindest finden sich in den Programmpunkten zur Europawahl auch Thesen zur Familien- und Bildungspolitik sowie zum Islam. Das Wahlprogramm soll auf einem Parteitag am 22. und 23. März in Erfurt beschlossen werden.

Anzeichen eines Rechtsrucks

Mit der ultrakonservativen Kandidatin Storch gibt sich die Partei ein Image, gegen das sich Lucke bislang zur Wehr setzt. Zwar hat man bei der Nominierung der Kandidaten zur Europawahl darauf geachtet, keine ehemaligen Mitglieder offen islamophober Parteien zu küren. Dennoch macht die Personalie Storch die Partei anschlussfähig an den äußersten rechten Rand des politischen Meinungsspektrums.

Dem Sozialwissenschaftler Häusler zufolge mehren sich die Anzeichen, dass die AfD weiter nach rechts rückt. Lucke hat des öfteren deutlich gemacht, dass er in Sachen Familienpolitik konservative Positionen vertritt. So etwa nach dem Coming-Out des ehemaligen Bundesligaspielers Hitzlsperger, bei dem sich Lucke auch ein klares Bekenntnis zu Ehe und Familie gewünscht hätte.

Häusler will seither in Luckes Vokabular einen deutlichen "Turn nach Rechts" festgestellt zu haben. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt von einer "Christlichen Alternative für Deutschland", die AfD positioniere sich als christlich-konservatives Sammelbecken. Lucke hat diese Einschätzung mittlerweile auf der Parteihomepage zurückgewiesen: "Nichts davon stimmt", heißt es in einer Stellungnahme. "Ich bin alles andere als ein fundamentalistischer Christ."

Auch dass die Partei ein rückwärts orientiertes Frauen- und Familienbild vertrete, lässt er über seinen Sprecher bestreiten. "Unter Familie verstehen wir all diejenigen Partner, die bereit sind über einen längeren Zeitraum Verantwortung füreinander zu übernehmen", teilt dieser auf SZ-Nachfrage mit. Dazu zählten auch homosexuelle Beziehungen. Einen Widerspruch zum Familienbild von Frau Storch sieht der Sprecher darin nicht. Sie teile diese Position, halte aber ein "heterosexuelles Familienbild" für besonders förderungswürdig.