Gefangener ägyptischer Blogger Der Diktator ist weg, es lebe die Diktatur

Er zählt zu den kritischsten Bloggern Ägyptens - und ist seit 42 Tagen im Hungerstreik. Maikel Nabil Sanad protestiert so gegen die dreijährige Haftstrafe, die ihm ein Militärgericht auferlegt hat. Seine Anhänger befürchten, dass er im Gefängnis nicht mehr lange überlebt. Der Fall eines Mannes, mit dem das heutige Ägypten übler umgeht als einst das Mubarak-Regime.

Von Tomas Avenarius, Kairo

Das Gebäude des Militärgerichts in der ägyptischen Hauptstadt Kairo ist ein sperriger Betonriegel, umgeben von einer in weiten Teilen ungekalkten Ziegelsteinmauer, mit Wachtürmen an den Ecken. Eine überlebensgroße Bronze-Justitia auf der Fassadenfront des Berufungsgerichts balanciert ihre Waagschalen, eine Augenbinde schützt sie vor Parteinahme. Im Gerichtsgebäude selbst hat sich die Göttin der Gerechtigkeit an diesem Morgen aber auf vorhersehbare Weise entschieden: für die Armee und gegen den Angeklagten. "Sie haben das Verfahren auf den 11. Oktober vertagt", sagt kopfschüttelnd Rechtsanwalt Nigad al-Burrai. "Ich bezweifle, dass Maikel am 11. Oktober noch lebt."

Der ägyptische Blogger Maikel Nabil Sanad ist im Hungerstreik, seit 42 Tagen. Der 26-Jährige protestiert gegen eine dreijährige Haftstrafe, die ein Militärgericht über ihn verhängt hat, wegen "Verunglimpfung der ägyptischen Armee, Verbreitung von Falschaussagen und Störung der öffentlichen Sicherheit".

Der Blogger hatte aus dem Gefängnis heraus angekündigt, von sofort an auch das Trinken einzustellen und sich damit in kürzester Zeit selbst zu töten, wenn sein Urteil an diesem Dienstag nicht aufgehoben würde. Wie es aussieht, wird er die Tatsache, dass seine Verhandlung aus angeblichen technischen Gründen vertagt wurde, als unausgesprochene Ablehnung seines Antrags begreifen.

Das Urteil der Militärrichter über den Zivilisten war im Frühsommer gefallen, in kürzester Zeit und unter Umgehung der meisten juristischen Verteidigungsinstrumente, die ein Angeklagter auch in Ägypten vor einem Zivilgericht hätte. Das Verfahren gegen den Tierarzt ist kein Einzelfall. Seit der Januar-Revolution sind Tausende Ägypter von Militärgerichten abgeurteilt worden, weit mehr als zu Zeiten des Diktators Hosni Mubarak.

Gefährlicher Präzedenzfall

Dass Sanad sterben könnte, dürften die Militärrichter wissen. Aber offenbar sehen sie ihn nicht nur als Makel für das Ansehen der Streitkräfte, sondern auch als gefährlichen Präzedenzfall. Der Ägypter ist Wehrdienstverweigerer, einer der ersten im Land. Wehrdienst ist in Ägypten zwingend, wird in der Verfassung "heilige Pflicht" genannt.

Vor allem aber hat sich Sanad in seinem Internet-Blog gegen die Darstellung gewandt, wonach die Generäle "Hand in Hand mit dem Volk" Revolution gemacht und die Diktatur gestürzt hätten. Sanad hatte behauptet, dass sich die Armee lange Zeit mit der Polizei verbündet habe beim Versuch, die Anti-Mubarak-Revolte mit Gewalt niederzuschlagen, und dass sie festgenommene Demonstranten gefoltert habe. Sein Resümee: "Die Revolution hat es geschafft, den Diktator loszuwerden, aber nicht die Diktatur."

Maikels Vater Nabil Sanad Ibrahim befürchtet, dass sein Sohn bald stirbt: "Er wog 60 Kilo, jetzt sind es nur noch knapp 40. Er kann nicht mehr stehen." Das Gefängnishospital sei unsauber und habe keine Fachärzte: "Maikel liegt in einem Vier-Mann-Zimmer. Da findet sich nichts außer einem Blutdruck-Messgerät." Der Vater hat Briefe geschrieben, an den Militärstaatsanwalt und an Feldmarschall Mohamed Hossein Tantawi, Chef des obersten Militärrats und derzeit eigentlicher Machthaber Ägyptens. Ohne Ergebnis.

Vor dem Gericht haben sich auch drei Dutzend Sympathisanten versammelt. Einige halten Plakate hoch, rufen nach "Freiheit für Maikel" und dem "Aus für die Militärjustiz über Zivilisten". Andere gehen weiter. Sie nennen Feldmarschall Tantawi einen "Lügner", fordern das Ende der Militärherrschaft.

Sein größter Feind sitzt jetzt auf dem Posten des Präsidenten

Ein Offizier der Militärpolizei stürzt hinzu, schreit: "Ihr dürft eure Meinung sagen, aber keinen beleidigen." Der Uniformierte versucht den Wortführer der Demonstranten auf das Gerichtsgelände zu zerren, nimmt dann nur eine junge Aktivistin mit, die mit dem Mobiltelefon Fotos der Rangeleien gemacht hat: "Keine Fotos, Militäreinrichtungen sind Staatsgeheimnis."

Sanad hatte sich selbst in seinem seit fünf Jahren laufenden Blog so charakterisiert: "Liberal, pro-israelisch, feministisch, atheistisch." Jedes einzelne dieser Attribute ist in Ägypten ein Kainsmal - in den Augen der Regierenden und für weite Teile der Gesellschaft. Alle zusammengenommen machen einen Menschen zum Ziel. Dennoch konnte der Blogger unter dem Autokraten Mubarak solche Dinge äußern.

Jetzt, nach der Revolution und unter der Herrschaft der Generäle, ist das anders. Am 14. Februar, direkt nach dem Sturz Mubaraks und der Machtübernahme durch das Militär, hatte Sanad geschrieben: "Mein größter Feind, der frühere Verteidigungsminister, sitzt nun auf dem Posten des Präsidenten. Ich bin ein toter Mann."