Ägypten: Mohamed ElBaradei Das Gesicht der Revolution

Mohamed ElBaradei verkörpert den demokratischen Widerstand, doch im Volk hat er noch wenig Rückhalt. Die Muslimbrüder wollen dagegen von seinem internationalen Renommee profitieren und unterstützen ihn - zumindest auf Zeit.

Von Paul-Anton Krüger

Mit der Rolle des charismatischen Revolutionärs tut sich Mohamed ElBaradei noch sichtlich schwer. Der distinguierte ehemalige Karrierediplomat, 68 Jahre alt, hatte zwar den dunklen Anzug mit Krawatte gegen eine legere Lederjacke getauscht, als er sich am Freitag unter Missachtung seines Hausarrests unter die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz mischte. Doch seine Worte, gesprochen in ein Megaphon, erreichten eher die internationalen Fernsehteams, die ihn umringten, als die Massen auf dem Platz. Der große Jubel blieb ihm verwehrt.

Nur ein Sprachrohr auf Zeit? Mohamed ElBaradei am Sonntag bei seiner Rede auf dem Tahrir-Platz. Der große Jubel blieb ihm verwehrt.

(Foto: dpa)

Dennoch könnte der Friedensnobelpreisträger von 2005 und frühere Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zumindest für eine Übergangszeit zur Führungsfigur des politischen Wandels in Ägypten werden. Die Muslimbruderschaft, offiziell verboten und doch die einflussreichste Oppositionsgruppe, hat ihn zusammen mit neun anderen regimekritischen Organisationen am Sonntag auf den Schild gehoben und als Verhandlungsführer benannt - auch wenn sie Gespräche über politische Reformen, wie sie Vizepräsident Omar Suleiman in Aussicht gestellt hat, nur beginnen will, wenn zuvor Präsident Hosni Mubarak abgetreten ist.

Es kristallisiert sich ein spezifisch ägyptisches Modell für einen möglichen Übergang heraus, in dem sich Partner mit ganz unterschiedlichen Stärken zu einer schlagkräftigen Allianz ergänzen. ElBaradei fehlt weitgehend eine politische Basis im Land. Er ist mehr von intellektueller Aura denn von Volkstümlichkeit umgeben, hat 30 Jahre in New York und Wien gelebt und ist in seiner Heimat nicht so verwurzelt, dass er allein zur Gefahr für Mubarak hätte werden können.

Genau diese Verwurzelung und auch ein gewisses Maß an Organisationsstrukturen bringen die Muslimbrüder in die Koalition ein. Sie sehen in ElBaradei jene international geachtete Persönlichkeit, die das Ausland, die USA zuvorderst, notgedrungen als Garant für einen geordneten Machtwechsel akzeptieren würde. Sie wissen, wie sehr der Westen eine Machtübernahme islamistischer Kräfte fürchtet und welche Signalwirkung es hätte, würden sie einen ihrer Führer an die Spitze der Proteste stellen. Zugleich würde der säkular gesinnte, praktizierende Muslim ElBaradei dem Regime den Vorwand nehmen, eine Machtergreifung der Bruderschaft verhindern zu müssen - er stützt sich ja auch auf liberale Reformer und andere Kräfte aus dem breiten Spektrum der Opposition.

Offen dagegen ist, wie lange dieses Zweckbündnis zwischen ElBaradei und den Muslimbrüdern halten wird, sobald das gemeinsame Ziel erreicht ist, nämlich Mubarak zu stürzen. Die Islamisten betrachten ihn offenkundig nur als Übergangsfigur. "Wir unterstützen ElBaradei darin, den Wandel anzuführen", sagte Mohamed El Beltagi, ein früherer Parlamentsabgeordneter und Führer der Bruderschaft. "Wir versuchen, eine demokratische Arena zu schaffen, bevor wir beginnen, darin zu spielen", fügte er hinzu.

Auch ElBaradei hat offen gelassen, wie weit seine Ambitionen gehen. In der Vergangenheit hat er seine Rolle oft als "Katalysator des Wandels" beschrieben, der aber von den jungen Ägyptern ausgehen müsse. Das Ziel müsse ein politisches System sein, das auf starken Institutionen fußt - und nicht auf Personenkult. Der Präsident müsse sich als Diener des Volkes sehen, nicht umgekehrt.

Anders als die allermeisten Oppositionellen hat ElBaradei Erfahrung darin, größere Organisationen zu leiten; die IAEA hat immerhin 2300 Mitarbeiter und ein Jahresbudget von 400 Millionen Dollar. Zudem verfügt er über beste internationale Kontakte. Das macht ihn zu einem Anwärter, eine Übergangsregierung zu führen. Eine Kandidatur als Präsident hat er davon abhängig gemacht, dass es freie und demokratische Wahlen unter internationaler Beobachtung gibt - und dass ihn das Volk dazu auffordert.