Ägypten "Fehlgeleitete Wahnsinnige"

Ägyptens Großmufti Schauki Allam spricht im Interview über den moderaten Islam, über den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat und gegen die Radikalisierung junger Menschen.

Interview von Paul-Anton Krüger

SZ: Nach den Angriffen des sogenannten Islamischen Staates (IS) in Bagdad mit mehr als 300 Toten und dem Anschlag in Medina bestreiten viele Menschen in der arabischen Welt, dass es sich bei den Tätern überhaupt um Muslime handle. Wie beurteilen Sie das aus Sicht eines islamischen Theologen und Rechtsgelehrten?

Schauki Allam: Alle diese Angreifer, egal wo sie ihre abscheulichen Verbrechen verübt haben, haben keine Beziehung zum Islam, und solche Verbrechen sind nicht Teil des Islam.

Aber die Täter berufen sich auf den Islam, ist es nicht ein bisschen zu einfach, einen Zusammenhang zu leugnen?

Es ist ein bekannter Fakt, dass solche Attacken nichts mit dem Islam zu tun haben. Wir müssen uns die richtigen Fragen stellen: Wie gehen wir mit solchen Angriffen um? Wie können wir der Radikalisierung von Menschen und dem Terrorismus entgegentreten? Ich habe auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos eine Reihe von korrigierenden und präventiven Maßnahmen vorgeschlagen. Und ich habe diese abscheulichen Verbrechen mit Krebszellen verglichen, die wir herausoperieren müssen, damit sie sich nicht weiter ausbreiten.

Der IS positioniert sich als religiöse Autorität, er gibt Fatwas heraus, zitiert aus dem Koran, um seine Taten zu rechtfertigen.

Sie stellen sich als religiöse Institution dar, und wir haben all ihre fehlgeleiteten Fatwas gesammelt und widerlegt. Sie haben keinerlei religiöse Glaubwürdigkeit oder anerkannte theologische Ausbildung. Alle diese selbst erklärten Aussagen halten keiner wissenschaftlichen Prüfung durch anerkannte Instanzen des Islam stand. Wenn wir religiöse Texte verstehen wollen, müssen wir uns an die Experten halten, die sich die Grundlagen angeeignet haben, um Aussagen über die Bedeutung dieser Texte treffen zu können.

Sind Anhänger des IS fehlgeleitete Muslime? Oder vom Glauben abgefallen?

Diese Leute sind fehlgeleitete Wahnsinnige, die mit allen Mitteln bekämpft werden müssen, militärisch und ideologisch. Muslime sind dabei mehr als alle anderen Opfer, wie nicht erst der jüngste Anschlag in Medina zeigt, das Herz der muslimischen Welt und der Ort der Grabstätte des Propheten Mohammed, Friede sei mit ihm.

Wie muss dieser Kampf aussehen?

Schauki Allam, der 19. Großmufti von Ägypten, steht einer anerkanntesten Institutionen des sunnitischen Islam vor.

(Foto: Khaled Desouki/AFP)

Das ist ein vielfältiger, komplizierter Prozess, der nicht nur religiöse Führer angeht. Aber wir stehen an vorderster Front bei der Bekämpfung der Ideologie von Daesch (IS). Wir haben eine eigene Beobachtungsstelle, die Aussagen von Daesch und andere radikale Fatwas analysiert und widerlegt.

Und das wirkt?

Wir haben den Zerfall dieses angeblichen Islamischen Staates vorausgesagt. Wir können aber nicht auf isolierten Inseln leben. Wir müssen zusammenarbeiten, um die Welt von dieser Bedrohung durch den Terrorismus zu befreien. Ägypten hat die ganze Welt alarmiert. Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat vor der Radikalisierung und dem Terror gewarnt, der daraus folgt. Ägypten hat auch gewarnt, dass diese Bedrohung nicht auf die Region beschränkt sein wird - wir sehen viele Anschläge in der arabischen und muslimischen Welt, aber gleichermaßen in anderen Teilen der Welt. Dies zeigt, dass sie nichts mit dem Glauben zu tun haben, mit religiösen Traditionen.

Sie sprechen vom Zerfall des IS. Er ist militärisch unter Druck. Aber reicht das, um seine Ideologie zu brechen? Nimmt ihm das seine Attraktivität für Menschen, die für radikale Gedanken anfällig sind?

Wir können relativ einfach einen militärischen Sieg gegen den IS erzielen, aber es ist wichtiger, auf dem ideologischen Schlachtfeld zu gewinnen. Wir müssen uns die historische Erfahrung in Erinnerung rufen, die uns lehrt, dass radikale und korrupte Ideen nur von kurzer Lebensdauer sind. Im Koran heißt es sinngemäß, was der gesamten Menschheit dient, wird von Dauer sein. Aber die Verantwortung liegt auf unseren Schultern, diese ideologische Auseinandersetzung zu suchen und die Jugend gegen radikale Ideen zu immunisieren.

Wie machen Sie das?

Wir müssen nicht nur den Irrglauben der radikalen Gruppen widerlegen, sondern auch Alternativen bieten, ein richtiges Verständnis unserer Glaubenstraditionen für junge Menschen. Aus diesem Grund haben wir eine Reihe von Initiativen aufgelegt, die sich an Jugendliche richten. Wir wollen ihnen eine Wegweisung an die Hand geben für ein korrektes, moderates Verständnis des Glaubens und unserer Traditionen . . .

Die Jugend, von der sie reden, kommuniziert über ihre Handys, übers Internet . . .

Wir haben eine Facebook-Seite auf Englisch und Arabisch gestartet, Daesch unter dem Mikroskop, auf der wir die Argumentationen des IS widerlegen. Der IS setzt sehr stark auf die sozialen Medien, kommuniziert in vielen Sprachen. Also müssen auch wir dort präsent sein. Der IS gibt auf Englisch sein Magazin Dabiq heraus. Wir haben ein Online-Magazin namens Insight gegründet, das sich mit den Inhalten von Dabiq auseinandersetzt und sie widerlegt. Und das findet gerade bei jungen Leuten große Beachtung. Unsere Aufgabe als Kleriker ist zweierlei: Präventiv, um zu verhindern, dass die Jugend radikalen Ideen anheimfällt, und korrigierend, indem wir die Aussagen radikaler Kräfte widerlegen, die vorgeben, sich auf den Islam zu berufen.

Das Fatwa-Amt

Shauki Allam, 54, ist der 19. Großmufti von Ägypten. Der an der Azhar-Universität ausgebildete Rechts- und Islamgelehrte leitet seit Februar 2013 das Dar al-Iftaa Misriyyah, das ägyptische Fatwa-Amt. 1895 gegründet ist es eine der anerkanntesten Institutionen des sunnitischen Islam. Im vergangenen Jahr beantwortete es mehr als 600 000 Fragen von Gläubigen mit Rechtsgutachten in verschiedenen Sprachen, die Hauptaufgabe des Amtes. Vor zehn Jahren waren es nur etwa 70 000 Menschen, die dort Rat suchten, mittlerweile können sie ihre Glaubensfragen aber auch über das Internet stellen. Zudem legt das Dar al-Iftaa die für die islamische Zeitrechnung maßgeblichen Mondmonate fest und bildet Studenten aus. Bei der Verhängung von Todesurteilen muss die Justiz in Ägypten ein nicht bindendes Gutachten des Großmuftis einholen. Paul-Anton Krüger

Der moderate Islam, den Sie propagieren: Was sind dessen Säulen? Offenheit gegenüber anderen Religionen? Toleranz für unterschiedliche Lebensmodelle in einer Gesellschaft, ob in Ägypten oder im Westen?

Offenheit ist ein wichtiges Kennzeichen des moderaten Islam, Offenheit gegenüber Partnern, mit denen wir zusammenarbeiten müssen. Die brüderlichen Beziehungen, die wir zu den Menschen christlichen Glaubens in Ägypten pflegen, die wir als gleichwertige Bürger unseres einen Landes betrachten und nicht als Minderheit. Das reine und ursprüngliche Verständnis des Glaubens, das allumfassend ist, und alle Bedürfnisse von Muslimen unabhängig von Zeit und Ort erfüllen kann. Glauben, in diesem Sinne verstanden, beinhaltet eine moderate Sichtweise aller wichtigen Fragen, mit denen wir es in unserer internationalen Gemeinschaft zu tun haben.

Der Großscheich der Azhar hat erklärt, dass Homosexualität in muslimischen Gesellschaften inakzeptabel sei. Aus Hass auf Schwule hat ein Attentäter, der sich zum IS bekannte, in Orlando 49 Menschen ermordet. Wie sind solche Aussagen vereinbar mit einer moderaten Version des Islam?

Ja, es ist religiös nicht erlaubt und keine akzeptierte Praxis im korrekt ausgelegten Islam. Aber das gibt niemandem das Recht, Homosexuelle zu verletzen oder das Recht in die eigenen Hände zu nehmen. Es ist eine religiöse Sünde . . .

. . . eine Sünde, auf die nach Ansicht mancher Rechtsschulen der Tod steht.

Manche Denkschulen haben sich dahin gehend geäußert, ja. Aber wir leben in einem Rechtssystem und haben es zu respektieren. Der Islam ist nicht alleine darin, Homosexualität zu verurteilen. Der Papst der koptischen Kirche in Ägypten hat die Bibel zitiert und Homosexualität verurteilt. Aber auch wenn wir Homosexualität als religiöse Sünde ansehen, gibt das niemandem die Freiheit, einen anderen in irgendeiner Weise zu verletzten, jede Person ist gleichermaßen unantastbar. Was in Orlando geschah, ist völlig inakzeptabel. Wir dürfen das Recht nicht in unsere Hände nehmen.

Nur ein kleiner Teil der Muslime ist für radikale Botschaften zugänglich. Erreichen sie die? Diesen Leuten gilt Ihre Institution als Teil des Regimes, das eine gewählte Regierung der Muslimbrüder gestürzt hat.

Was in Ägypten passiert ist, lässt sich so nicht zutreffend beschreiben. Was wirklich passiert ist, war eine Mobilisierung der Öffentlichkeit gegen das Regime der Muslimbruderschaft, weil die ganz breite Mehrheit unzufrieden war mit dem, was in unserem Land vorging. Auch wenn Dar al-Iftaa eine staatliche Institution ist, genießen wir völlige Unabhängigkeit, was immer wir tun, bei allen Rechtsgutachten, Fatwas. Bei allen Fragen, die wir für das Publikum in Ägypten oder darüber hinaus beantworten, richten wir uns allein nach wissenschaftlichen Kriterien und sind keiner Einmischung anderer Autoritäten unterworfen.