Von Von Constanze von Bullion

Was sind gute Eltern? Das ist wohl die Kernfrage der Debatte, die ins Allerheiligste bundesdeutscher Wertvorstellungen stößt: Familienministerin Schmidt will das Adoptionsrecht lockern.

Der Bundeskanzler war 60, als er Vater eines russischen Mädchens wurde. Der Schlagersänger Patrick Lindner war 37, als es ihm gelang, mit seinem Lebensgefährten einen russischen Jungen zu adoptieren. Der Fernsehmoderator Günther Jauch war 44, als er sich das zweite Kind aus Sibirien ins Haus holte.

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Haben im Sommer ein Mädchen aus Russland adoptiert: Kanzler Gerhard Schröder und Gattin Doris Schröder-Köpf. (© Foto: AP)

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Keiner dieser Männer fühlt sich zu alt oder sonst wie ungeeignet für die Kindererziehung - aber keiner hätte bislang eine Chance, in Deutschland ein Kind zu adoptieren. Bundesfamilienministerin Renate Schmidt würde das gern ändern.

Und stößt mit ihrer Initiative, das Adoptionsrecht zu lockern und auch Älteren zum Kind zu verhelfen, auf dezente Widerstände. Was sind gute Eltern? Das ist wohl die Kernfrage der Debatte, die ins Allerheiligste bundesdeutscher Wertvorstellungen stößt.

Denn als gute Eltern, oder genauer gesagt: als bessere Eltern gelten im deutschen Adoptionsalltag bisher vor allem Paare, die jung, verheiratet und wirtschaftlich abgesichert sind. Wer älter als 40 Jahre ist und ganz locker ohne Trauschein zusammenlebt, sollte sich lieber gleich im Ausland nach einem Kind umsehen.

Regelungen fernab der Wirklichkeit

Mit der Wirklichkeit haben solche strikten Vorgaben immer weniger zu tun, meint die Bundesregierung, die - offenbar beflügelt vom neuen Vaterglück des Kanzlers - eine Überarbeitung der Richtlinien für Adoptionen anstrebt. Nach dem Adoptionsrecht für Lesben und Schwule, das am 1. Januar in Kraft tritt, fordert nun die Familienministerin Diskriminierungsschutz für Ältere.

In einem Land, in dem immer weniger Kinder geboren werden und Paare sich spät - oft zu spät - für Nachwuchs entscheiden, müssten mehr Menschen fremde Kinder annehmen dürfen. Einfach das Gesetz ändern kann die Ministerin jedoch nicht. Denn wer adoptiert und wer nicht, bestimmen in Deutschland die Jugendämter. Und dort hält sich die Begeisterung für die Initiative der Ministerin in Grenzen.

"Aus der Sicht der Jugendämter gibt es keinen Änderungsbedarf", sagt Robert Sauter. Er ist Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter und ein Mann, der von übereilten Vorstößen wenig hält. Auf 20 deutsche Paare, die ein Baby annehmen wollten, komme ein einziges Kind, das zur Adoption freigegeben sei, sagt er.

Wer würde da nicht jüngere Eheleute nehmen statt eines unverheirateten, älteren Paares? Im Übrigen sei das Alter nur eines von vielen Qualifikationskriterien - neben der stabilen Partnerschaft und solider Konfliktfähigkeit.

Aus dem Traum vom Wunschkind nämlich erwachen manche Adoptiveltern unsanft, wenn ihr Kind dann doch etwas "anders" ist - oder fieberhaft nach den leiblichen Eltern sucht. Um Kindern und Eltern so ein Trauma zu ersparen, fordert die Familienministerin mehr "offene Adoptionen" - also solche, wo es Kontakt zur Herkunftsfamilie gibt.

Schnee von gestern, heißt es in der Berliner Adoptionsstelle. Längst werde versucht, solche Kontakte zu vereinbaren. Oft aber stimme "die Chemie" zwischen den Familien nicht.

Doch auch viele Ämter tun sich schwer mit solchen komplexen Konstellationen, kritisiert der Bundesverband für Pflege-und Adoptiveltern. Für offene Adoptionen müsse oft zäh geworben werden. Das erfordere Zeit. Und ein Familienbild, an das sich viele noch gewöhnen müssen.

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(SZ vom 14.12.2004)