Interview: C. Wernicke

Am Ende der Ära Bush zählt er zu den radikalsten Kritikern der US-Außenpolitik: Andrew Bacevich, Professor am Boston College, sieht Amerika in einer tiefen Krise.

Die Supermacht ist auf einem falschen Weg, sagt Andrew Bacevich, Politikprofessor am Boston College. Bushs Kriege im Irak und in Afghanistan hätten die Nation endgültig an "Die Grenzen der Macht" geführt, so der Titel von Bacevichs jüngstem Buch. Der 61-jährige Vietnam-Veteran warnt vor dem Glauben, ein neuer Präsident sei die Garantie für den Wandel.

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"Die Lösung kommt nicht von oben, sie kommt von euch", sagt Barack Obama. Er hat seinen Vorgänger und das schwierige Erbe im Blick. Weil er die Erwartungen kennt, versucht er sie ein wenig zu dämpfen. (© Foto: AP)

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SZ: Professor Bacevich, Sie sagen, Amerika missbrauche seine Freiheit.

Bacevich: Wenn Sie Amerikaner fragen, wofür ihre Nation steht, dann lautet die Antwort: Freiheit. Die Freiheit definiert Amerika, ist unser Ziel und Zweck. Nur, seit den sechziger Jahren verfolgen mehr und mehr Amerikaner eine Art von Freiheit, die nicht mehr an langfristige Werte gebunden ist. Unsere Freiheit ist nur noch eine Konsumfreiheit und ihr fehlt jedes Maß. Amerika lebt total über seine Verhältnisse. Wir müssen immer mehr Öl importieren und finanzieren das alles, indem wir uns bei anderen Ländern Geld borgen.

SZ: Wie könnten die Amerikaner sich denn bescheiden?

Bacevich: Wir müssen mit weniger auskommen - und weniger Energie verbrauchen. Deutschland, ganz Europa, zeigt uns, dass dies möglich ist, ohne wie asketische Mönche leben zu müssen. Wir als Volk, als Bürger, haben diesen Lebensstil gewählt - und unsere Politiker bestärken uns in diesem Irrglauben an eine falsche Freiheit. Jimmy Carter war der einzige Präsident, der es wagte, die Wahrheit zu sagen: In einer Rede während der Ölkrise hat er 1979 vor den Gefahren unseres Lebensstils gewarnt.

SZ: Und Ronald Reagan hat dann 1980 die Wahl gewonnen.

Bacevich: Ja, die Lektion aus Carters Rede lautet: Sage nicht die Wahrheit. Reagans Botschaft hieß: Es gibt keine Energiekrise, weiter so. Seither ist unsere Abhängigkeit vom Öl stetig gestiegen. Das hat Folgen für unsere Außenpolitik.

SZ: Nach dem 11. September 2001 verkündete George W. Bush, das Volk solle die Wirtschaft stärken und kräftig shoppen. Derweil zogen US-Soldaten in die arabische Wüste, um Amerikas verfehlte Energiepolitik zu verteidigen?

Bacevich: Jedenfalls dienen die Außenpolitik und der Einsatz militärischer Gewalt auch dem Zweck, daheim den Tag der Abrechnung zu vermeiden. Wir gestalten die Welt zu unserem Vorteil und können so unseren Lebensstil fortsetzen, trotz aller Probleme unserer Wirtschaft.

SZ: Der Irakkrieg war also doch ein Krieg ums Öl?

Bacevich: Nicht in dem banalen Sinne, wie linke Bush-Kritiker glauben. Unsere Truppen stehen nicht im Irak, weil Bush früher mal ein Öl-Mann war. Aber ohne Öl würde uns der Irak nicht mehr interessieren als Uruguay. Das zentrale Motiv des Irakkriegs war es, die gesamte Region strategisch neu zu ordnen. Mit militärischer Macht sollte der Nahe Osten in die Moderne getrieben werden. Und Irak war als Ziel attraktiv, weil Saddam Hussein überall verhasst und zugleich schwach war. Es schien so einfach. Nur, die Lehre nach fast sechs Jahren im Irak ist: Erstens können wir uns diese Interventionen nicht mehr leisten - und zweitens bringen sie nichts. Die Bush-Strategie hat Amerikas Macht überfordert. Die muslimischen Gesellschaften müssen ihre inneren Krisen unter sich aushandeln. Wir können in diesem Teil der Welt marginal helfen, aber nicht wirklich viel verändern oder gar Demokratien schaffen.

SZ: Welcherlei Wandel erwarten Sie von einem Präsidenten Obama?

Bacevich: Mich interessiert vor allem die Sicherheitspolitik. Und da lautet Obamas Botschaft, er wolle mehr Truppen nach Afghanistan schicken. Dazu passt, dass er Robert Gates als Verteidigungsminister im Amt belässt. Mehr Soldaten am Hindukusch. Ist das der Wandel? Wer ist denn der Feind, wer sind die Terroristen? Die Bush-Regierung verglich al-Qaida mit Nazi-Deutschland, man malte Osama bin Laden als neuen Hitler. So wurde der War on Terror vergleichbar mit einem Weltkrieg des 20.Jahrhunderts. Welch maßlose Übertreibung. Eine präzisere Analyse hätte uns gelehrt: al-Qaida ist schlicht eine internationale kriminelle Verschwörung.

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