Abzug der US-Truppen aus Afghanistan Krieg gewonnen, Krieg verloren

Eine Dekade lang haben sich die USA bemüht, Afghanistan zu ändern. Sie haben große Fehler gemacht und Großes geleistet, haben geholfen und zerstört. Mit seinem Besuch hat Obama nun den Abzug der US-Truppen eingeleitet - und damit einen großen Teil der Verantwortung auf die Afghanen abgewälzt. Darf er das?

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Afghanistan funktioniert wie ein Vexierbild: Je intensiver man das Land betrachtet, desto mehr Perspektiven erschließen sich, desto unübersichtlicher, widersprüchlicher wird der Eindruck. Ja, es stimmt: Der Krieg ist gewonnen, aber er ist auch verloren; dem Land geht es besser, aber möglicherweise auch bald wieder sehr viel schlechter; die Taliban sind geschwächt, aber sie könnten in zwei Jahren wenigstens teilweise an die Macht zurückkehren; Präsident Hamid Karsai ist isoliert und schwach, aber ein besserer Präsident ist derzeit nicht vorstellbar; jeder Dollar mehr für die Regierung fördert die Korruption, aber verhindert auch die Anarchie.

Barack Obama spricht vor seinen truppen in Afghanistan. Die USA haben den Krieg gewonnen, aber sie haben ihn auch verloren.

(Foto: AP)

Die Liste der Widersprüche ließe sich fortsetzen, und so ist es auch ein Zeichen des politischen Realismus, dass der amerikanische Präsident sich nicht länger mit diesem Vexierbild beschäftigen will. Barack Obama hat sich jetzt vorgenommen, eine eigene Realität für Afghanistan zu sehen. Deswegen verspricht er, was sich realistischerweise versprechen lässt, er lobt, was lobenswert ist - und für den großen Rest legt Obama nun die Verantwortung beiseite.

Darf er das? Gilt nicht auch für die USA die alte Porzellanladen-Weisheit: Wer etwas zerbricht, der zahlt und bleibt, bis die Rechnung beglichen ist? Wer heute den Abzug aus Afghanistan rechtfertigt, der muss nur an die Einmarsch-Logik erinnern und die komplexe Geschichte in den seitdem vergangenen zehneinhalb Jahren. Afghanistan war ein von den Taliban beherrschter Unrechtsstaat, der dem Terrornetz al-Qaida Zuflucht bot und von dessen Boden aus Gewalt in die Welt exportiert wurde. Als die UN ein Einmarschmandat ausstellten, war das Porzellan schon zerbrochen.

Eine Dekade lang haben sich die USA bemüht, diesen Zustand zu ändern. Anfangs zu naiv, dann zu desinteressiert, dann übereifrig, dann zielgerichtet. Sie haben große Fehler gemacht und Großes geleistet. Sie haben Verantwortung übergeben wollen und Feindschaften provoziert. Sie haben viel geholfen, aber auch vieles zerstört. Sie haben viel zu lange die afghanischen Gesetzmäßigkeiten unterschätzt, und sie haben dafür mit vielen Menschenleben und viel Geld bezahlt.

Ein eigenes Vexierbild ist da entstanden. Damit ist jetzt Schluss. Und deswegen darf man auch den Abzug vorbereiten. Die Porzellanladen-Rechnung geht für Afghanistan nämlich niemals auf. Im Kreislauf von Zerstörung und Aufbau gibt es zu viele Akteure.

Afghanistans Schicksal ist nicht von außen zu lenken

Mit seinem Besuch im Schutz der Dunkelheit hat Obama nicht nur eine treffliche Metapher geschaffen, sondern auch den langen Abschied von Afghanistan eingeleitet. Zwei Botschaften lässt er zurück: Erstens waren die USA gekommen, um al-Qaida zu zerschlagen - das ist so gut wie gelungen.

Dies wird zu einer Art Rechtfertigungsformel werden, um doch noch irgendwie von einem "Sieg" reden zu können, selbst wenn Obama das heute vermeidet. Und die zweite Botschaft: Das afghanische Schicksal wird man nicht auf Dauer von außen lenken können. Das Land muss selbst lernen zu überleben - oder es wird eben wieder im Chaos versinken.

Das ist eine ernüchternde, aber faire Bilanz nach all den Jahren. Fair ist sie, weil der afghanischen Regierung viele Jahre gegeben waren, in denen sie mehr zu ihrer eigenen Stärke hätte beitragen können. Fair ist sie, weil sie auch die eigene, westliche Begrenztheit akzeptiert: Das politische Kapital für Afghanistan ist aufgebraucht; es ist nicht länger vermittelbar, dass dieser Krieg und der Staatsaufbau mit derart hohem Aufwand betrieben werden.

Furcht vor der Rückkehr des Elends

Doch auch wenn die Schandmeldungen von fehlgesteuerten Bombardements, amoklaufenden Soldaten oder Gräueltaten einen anderen Eindruck vermitteln: Die meisten Afghanen haben von der Präsenz der Ausländer massiv profitiert, sie leben freier, sicherer, sind wohlhabender und haben die Chance, ihre Kinder wieder in die Schule zu schicken. Gemessen an der Vorgeschichte des Landes waren dies friedliche Jahre.

Nun aber wächst die übermächtige Furcht, dass mit dem Abzug der ausländischen Truppen das afghanische Elend von vorne beginnt. Hier kapituliert die Politik der Truppensteller, weil sie trotz der vielen Milliarden an Hilfsgeldern, trotz der hunderttausend Soldaten, trotz der überdimensionierten afghanischen Armee keine Sicherheit und keine Stabilität garantieren kann.

Obamas Auftritt, am Jahrestag der Tötung von Osama bin Laden, folgt den Gesetzen der amerikanischen Innenpolitik. Der Mann beendet einen Krieg und bringt die Truppen nach Hause - diese Botschaft reicht aus für den Wahlkampf. Die Afghanistan-Koalition wartet indes noch immer auf den Präsidenten, der den Einsatz entschlossen zu Ende bringt. Die Sorge ist nicht unbegründet, dass sich das Bündnis der Truppensteller unkoordiniert in alle Himmelsrichtungen zerstreut, gefolgt von den Soldaten der afghanischen Armee, die mangels Disziplin und Finanzierung ihr Schicksal lieber den Taliban anvertrauen.

Auch wenn es Obama aufgegeben hat, das afghanische Vexierbild zu entschlüsseln: Seine unpräzise Vorstellung vom Einsatz in den letzten zwei Jahren trägt nicht weniger zur Ungewissheit bei.