Abtreibung Kreuze contra Ballons

In Berlin treffen etwa 5000 Abtreibungsbefürworter auf etwa 1700 Gegner. Seit Jahren ist das so. Neu ist, dass auch Bischöfe beim "Marsch für das Leben" mitmarschieren. Und der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Reinhard Marx, sendet ein Grußwort.

Von Martin Schneider, Berlin

Vor dem Kanzleramt geht ein älterer Herr im weißen T-Shirt durch die Reihen. Er hat beide Arme nach vorne gestreckt, zwischen seinen Unterarmen hängen weiße Kreuze. Manchmal bietet er Passanten eins an, manchmal nehmen sich Leute einfach eins zwischen seinen Armen heraus. Auf der Bühne redet Katharina Nagel von der Gruppe "Jugend für das Leben". Um die 5000 Menschen, viele davon mit grünen Luftballons in der Hand, applaudieren ihr. "Das Menschenleben ist doch das Schönste und Wertvollste, für das man einstehen kann, ist es nicht so?", fragt sie ins Mikro. Wieder gibt es Applaus.

Ein paar Straßen weiter läuft David Schönmann, 24 Jahre alt. "Ich bin für sexuelle Selbstbestimmung", sagt er. "Eine Frau muss eine Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung selbst treffen können." Um ihn herum halten Menschen lila Luftballons. Die Polizei spricht später von 1700 Leuten, die sich vom Brandenburger Tor auf den Weg gemacht haben. Vor Schönmann hält jemand ein Plakat hoch: "Fundamentalismus raus aus den Köpfen". Auf anderen steht: Mein Körper, meine Entscheidung. Einige skandieren "Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat."

Mit diesen zwei Demonstrationen treffen an diesem Samstag in Berlin zwei Welten aufeinander - auseinandergehalten werden müssen sie von fast 900 Polizisten. Zum "Marsch für das Leben" vor dem Kanzleramt hat der "Bundesverband für Lebensrecht" aufgerufen, zur Gegendemo vor allem das "Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung". Christlich-konservative Abtreibungsgegner auf der einen, Feministinnen, Homosexuelle, Kirchenkritiker auf der andern kämpfen um Aufmerksamkeit. Seit 2008 ist das jedes Jahr so.

Kardinal Marx sendet ein Grußwort. Grünen-Politiker Beck auch

Die Marschierer für das Leben ziehen schweigend mit Plakaten und den weißen Holzkreuzen, die für das getötete Leben stehen sollten, durch die Stadt. Ihr Protest richtet sich gegen Abtreibungen, aber auch gegen Sterbehilfe und Präimplantationsdiagnostik. Viele halten Bilder von Neugeborenen hoch oder Schilder mit der Aufschrift "Willkommenskultur auch für Babys". In der ersten Reihe des Zuges marschierte unter anderem auch Beatrix von Storch, Europaparlamentarierin der AfD.

Für die Gegner des Marsches laufen hier Konservative, militante Fundamentalisten und Rechtsextreme gemeinsam, das macht ihre Empörung aus. Aber auch innerhalb der Kirchen ist die Aktion hoch umstritten. Vor zwei Jahren ließ die evangelische Berliner Domkirchengemeinde die Marschierer nicht ihren Abschlussgottesdienst im Dom feiern - die plakative Aktion sei "höchst problematisch". In diesem Jahr dagegen nehmen die katholischen Weihbischöfe Matthias Heinrich (Berlin), Thomas Maria Renz (Stuttgart) und Andreas Laun (Salzburg) teil; Heinrich überbringt Grüße des neuen Berliner Erzbischofs Heinrich Koch. Auch Kardinal Reinhard Marx, der Bischofskonferenzvorsitzende, hat ein Grußwort geschickt. Ein anderes kommt vom Grünen-Politiker Volker Beck: "Es ist mehr als unsinnig, sich weniger Abtreibungen zu wünschen und gleichzeitig Aufklärungsunterricht aus den Lehrplänen streichen zu wollen", schreibt er. Die Organisatoren des Marsches haben das Zitat auf ihre Homepage gestellt.

Der Marsch muss zweimal stoppen, weil einige wenige Gegendemonstranten Sitzblockaden errichten. Beide werden von der Polizei geräumt. Ansonsten bleibt es friedlich.