Absturz des Fluges MH17 Rauchende Trümmer, schrecklicher Verdacht

Haben die Separatisten Waffen, mit denen sie Jets in zehn Kilometern Höhe abschießen können? Nach dem Absturz der Passagiermaschine wartet die ganze Welt auf Antworten. An der Absturzstelle bietet sich den Helfern ein grauenhaftes Bild.

Von Florian Hassel und Paul-Anton Krüger

Die Nachricht vom Absturz des Fluges Malaysia Airlines MH 17 auf seinem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur war nur ein paar Minuten alt, da drängte sich ein schrecklicher Verdacht auf. Die Passagiermaschine mit 295 Menschen an Bord war in der Nähe der umkämpften ostukrainischen Großstadt Donezk abgestürzt - einer Gegend, die seit Monaten umkämpft ist zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischen Regierungstruppen. Diese Woche waren dort schon mindestens zwei Flugzeuge beschossen worden - und Schuldzuweisungen ließen nicht lange auf sich warten.

Anton Geraschtschenko, ein Berater des Innenministers in Kiew, sagte, die Separatisten hätten die Maschine mit einer Rakete des Luftabwehrsystems Buk-1M abgeschossen. Früher am Tag hatte das Ministerium schon bekanntgegeben, das Waffensystem sei in von Separatisten kontrolliertem Gebiet gesichtet worden. Die Separatisten wiesen jede Schuld von sich und bezichtigten die Armee einer "Provokation". Allerdings hatten sie sich Ende Juni in russischen Staatsmedien gebrüstet, sie hätten einen ukrainischen Militärstützpunkt nahe dem Dorfes Oleksijwka eingenommen, der mit Buk-System ausgerüstet war - sie veröffentlichten sogar Fotos davon auf ihrem Twitter-Account.

Vier angebliche Telefon-Mitschnitte veröffentlicht

Der ukrainische Geheimdienst SBU veröffentlichte vier angebliche Mitschnitte abgehörter Telefonate: Im ersten trägt laut dem SBU einer der Kommandeure der Rebellen, Igor Besler, einem russischen Oberst vor, die Rebellen hätten gerade ein Flugzeug abgeschossen. In den weiteren Gesprächen reden die Männer darüber, welcher Rebellenstützpunkt schuld an dem Abschuss sei und beschreiben die Absturzstelle und die Aufschrift Malaysia Airlines auf einem Wrackteil. Die Echtheit der Telefonate lässt sich nicht verifizieren.

Erst am Morgen hatte die Ukraine Russland vorgeworfen, einen Kampfjet vom Typ Suchoi Su-25 über dem Konfliktgebiet abgeschossen zu haben. Ein russisches Kampfflugzeug habe von russischer Seite am Mittwochabend eine Rakete auf die Maschine abgefeuert, sagte der Sprecher des Nationalen Rates für Sicherheit und Verteidigung, Andrej Lyssenko. Auch hierfür gab es keine Bestätigung. Das Moskauer Verteidigungsministerium äußerte sich nicht. Die Nachrichtenagentur Interfax zitierte jedoch einen hochrangigen Vertreter, die Vorwürfe seien "so absurd, wie alle bisherigen Anschuldigungen Kiews".

Das russische Flugabwehrsystem Buk - hier ein Archivbild einer Buk-2M - kann je nach Version Ziele in einer Höhe bis zu 25 Kilometern zerstören.

(Foto: Maxim Shipenkov/dpa)

Das Verteidigungsministerium in Moskau lässt dementieren: Die Vorwürfe seien absurd

Erst am Montag hatte die Ukraine dem Nachbarland vorgeworfen, einen Militärtransporter vom Typ Antonow An-26 in 6500 Metern Höhe abgeschossen zu haben. Damals teilte Kiew mit, die Rakete sei vermutlich von russischem Territorium abgefeuert worden; die Separatisten verfügten nicht über Waffen, die in eine solche Höhe reichen würden. Diese Einschätzung hatte das Innenministerium in Kiew am Donnerstagmorgen revidiert, Stunden vor dem mutmaßlichen Abschuss.

Während klar ist, dass die Separatisten über schultergestützte Flugabwehrraketen verfügen, die niedrig fliegenden Flugzeugen und Hubschraubern in bis zu 3000 oder 4000 Metern Höhe gefährlich werden können, handelt es sich bei dem Buk-1M um eine ganz andere Waffenklasse. Auf Panzerfahrgestellen montiert und damit sehr mobil, besteht es aus einem Radar- und Kommandofahrzeug sowie weiteren Fahrzeugen, die Abschussvorrichtungen für je vier Raketen tragen.

Die mit eigenem Suchradar ausgestatteten Flugkörper haben je nach Version eine Reichweite von 30 bis 42 Kilometern, sie können Luftziele in Höhen bis zu 14 000 Metern zerstören. Spätere Generationen erreichen sogar Höhen von bis zu 25 000 Meter. Die relativ langsam fliegende, große Boeing 777 wäre in ihrer Flughöhe zwischen 10 000 und 11 000 Metern ein leichtes Ziel gewesen.

Der ukrainische Generalstab teilte mit, die Armee verfüge in dem Gebiet nicht über weitreichende Luftabwehrsysteme. Das Flugzeug sei abgeschossen worden, weil "russische Luftabwehrsysteme" den Separatisten Deckung geboten hätten. Auch für diese Behauptungen gab es keinen Beleg, ebenso wie die Beschuldigung der Separatisten, ein ukrainische Kampfjet habe auf die Maschine gefeuert.

An der Absturzstelle lagen die Trümmer über Kilometer verteilt

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier forderte eine internationale Untersuchung: "Dass Hunderte völlig Unbeteiligte auf diese furchtbare Weise ums Leben kommen, versagt mir die Sprache", sagte er. "Wir erwarten, dass alles getan wird, um den Vorfall schnellstens aufzuklären. Die Separatisten müssen den Rettungs- und Sicherheitskräften Zugang zur Absturzstelle gewähren." Polizisten, Staatsanwälte und Spurensicherer der kiewtreuen Behörden wurden von den das Gebiet beherrschenden Rebellen nicht zur Unglücksstelle gelassen, beklagte zumindest der von Kiew eingesetzte Gouverneur der Region Donezk, Sergej Taruta.

An der Absturzstelle lagen brennende oder rauchende Trümmer über Kilometer verteilt, wie ein Augenzeuge der Süddeutschen Zeitung berichtete. In einem von der Sonne bleich gebrannten Weizenfeld ist das Heck von Flug MH17 zum Liegen gekommen, daneben Teile von Flügeln oder Rumpf - und immer wieder aufgeblätterte Pässe von Bürgern der Niederlande und Malaysias. Reiseführer von Bali verraten noch die Ziele mancher Passagiere.

"Es sind viele Kinder darunter - es ist unbeschreiblich schrecklich"

Hoffnung auf Überlebende gibt es nicht, zwischen bizarr verbogenen Trümmern liegen die Toten. "Das Feld ist übersät mit Leichen. Es sind viele Kinder darunter - es ist unbeschreiblich schrecklich", sagt der Augenzeuge weiter. Manche sind noch angeschnallt an ihren Sitzen, andere sehen aus, als würden sie noch leben. Zwischen dem Horror Szenen hilfloser Hilfsbereitschaft - etwa da, wo ein Feuerwehrmann mit einem rot glänzenden Feuerwehrauto ein bisschen Wasser auf die Trümmer spritzt, um zu retten, wo nichts mehr zu retten ist.

Auswärtiges Amt bestätigt Tod von vier Deutschen

Alle 298 Insassen des in der Ostukraine abgestürzten Flugzeugs sind tot, zahlreiche Opfer wurden bereits geborgen. An Bord waren vier Deutsche, die Mehrheit der Passagiere stammte aus den Niederlanden. Die Behörden haben den Flugraum über der Ukraine gesperrt. mehr ...

Der Absturz - was immer auch die Ursache ist - erscheint umso tragischer, als es noch immer keine Gewissheit gibt über das Schicksal von Malaysia Airlines Flug MH 370. Es war eine Maschine vom gleichen Typ, eine Boeing 777, die am 8. März mit 239 Passagieren an Bord kurz nach dem Start in Kuala Lumpur in Richtung Peking verschwunden ist. Bis heute ist unklar, was mit dem Flugzeug geschehen ist.