Abschuss des Fluges MH17 Wer Flugzeuge in dieser Höhe treffen kann

Die ukrainische Armee hat unlängst Flugabwehrsysteme vom Typ "Buk" in die Nähe der gemeinsamen Grenze verlegt

(Foto: AP)

Prorussische Kämpfer haben bereits vor MH17 Hubschrauber und ein Transportflugzeug mit Raketen abgeschossen. Doch sind sie auch in der Lage, ein komplexes Raketensystem zu bedienen? Und eine Boeing 777 in zehn Kilometer Höhe zu treffen?

Von Markus C. Schulte von Drach

Der mutmaßliche Abschuss des Flugs MH17 ist noch immer rätselhaft. Wer könnte ein Motiv gehabt haben, das Zivilflugzeug zu zerstören? Und wer war überhaupt dazu in der Lage?

Die Aufständischen im Osten der Ukraine haben in der Vergangenheit mehrmals demonstriert, dass sie über Mittel zur Luftabwehr verfügen.

So zerstörten sie mehrere Hubschrauber offenbar mit tragbaren Raketenwerfern. Solche Waffen werden häufig gegen tieffliegende Flugzeuge oder Hubschrauber verwendet. Zu den bekanntesten Abwehrsystemen dieser Art gehört die amerikanische Stinger. Diese Raketen können allerdings lediglich gegen Ziele in wenigen Kilometern Entfernung und Höhe eingesetzt werden.

Am Montag wurde allerdings ein Transportflugzeug der ukrainischen Armee vom Typ Antonov An-26 bei Lugansk abgeschossen. Einem Bericht der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti zufolge haben die Separatisten die Maschine mit einer Rakete zerstört, die von einem "Strela-10"-Luftabwehrsystem abgefeuert wurde. Dabei handelt es sich um ein ursprünglich russisches System, über das auch die ukrainische Armee verfügt. Die Startvorrichtung befindet sich auf einem Kettenfahrzeug. Die Lenkwaffen erreichen Ziele in einer Höhe von bis zu 3,5 Kilometern.

Sollte das Flugzeug der Malaysia Airlines tatsächlich ebenfalls von einer Flugabwehrrakete getroffen worden sein, muss es sich demnach um ein anderes Flugabwehrsystem handeln. Denn die Maschine war in einer Höhe von zehn Kilometern unterwegs.

Eine Reihe von Abwehrsystemen ist in der Lage, solche oder noch größere Höhen zu erreichen. Eines der bekanntesten ist "Iron Dome", mit dem sich Israel gegen die Raketenangriffe der Hamas aus dem Gaza-Streifen schützt. Die Bundeswehr verfügt über amerikanische "Patriots". Solche modernen Systeme bestehen neben dem eigentlichen Startgerät mit mehreren Flugkörpern aus einem Feuerleitstand und mehreren Radaranlagen: Sie verwenden ein Suchradar, um Ziele zu finden sowie ein Feuerleitradar. Mit dessen Hilfe wird ein Mikrowellenstrahl auf das Ziel ausgerichtet, dem die Rakete folgt.

Auch Russland hat mehrere solche Systeme entwickelt. Eines, über das auch die Ukraine verfügt, trägt die Bezeichnung "Buk" (Buche). Wie die Washington Post berichtet, haben beide Länder Flugabwehrsysteme diesen Typs in den vergangenen Monaten in die Nähe ihrer Grenze verlegt.

Die Aufständischen in Donezk hatten darüber hinaus kürzlich behauptet, eines der ukrainischen Systeme erobert zu haben - was sie inzwischen allerdings leugnen. Darüber hinaus gab es gestern einen Facebook-Eintrag der selbst ernannten Volksrepublik Donezk, in der behauptet wurde, die Separatisten hätten erneut ein ukrainisches Militärflugzeug abgeschossen.

Das bedeutet, sämtliche am Konflikt direkt oder indirekt beteiligten Parteien - vielleicht auch die Separatisten - könnten über Waffen verfügen, mit denen Flug MH17 hätte abgeschossen werden können.

Wer es aber war, und vor allem warum, ist noch immer rätselhaft. Die Konfliktparteien beschuldigen sich gegenseitig. Doch was wäre das Motiv - abgesehen von dem sehr unwahrscheinlichen Ziel einer Provokation?

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Eine Verwechslung?

Diskutiert wird deshalb vor allem eine Verwechslung des Flugzeugs der Malaysia Airlines mit einer Militärmaschine. Doch auch das wäre überraschend. Die abgeschossene Boeing 777-200ER war etwa 64 Meter lang und hatte eine Spannweite von 61 Metern. Eine An 26 zum Beispiel, wie sie die Separatisten am Montag abgeschossen haben, ist mit 24 Metern Länge und 30 Metern Spannweite nicht einmal halb so groß. Allerdings befand sich das Zivilflugzeug in einer Höhe von zehn Kilometern, seine Größe dürfte vom Boden aus schlecht einzuschätzen gewesen sein.

Doch Luftabwehrsysteme, die Flugzeuge in dieser Höhe erreichen, sind auf diese Information eigentlich nicht angewiesen. Linienflugzeuge sind mit Transpondern ausgestattet, über die sie Radarantennen ihre Identität mitteilen. Das dient der Flugsicherung. Auch moderne Luftabwehrsysteme sind in der Lage, über diese Transponder-Codes festzustellen, ob ein solches Flugzeug in ihr Visier geraten ist. Darüber hinaus versuchen militärische Radaranlagen eine sogenannte "Freund-Feind-Erkennung" anhand eines von Militärflugzeugen gesendeten IFF-Codes (Identification Friend or Foe).

Zwischen einer Militärmaschine und einem zivilen Flugzeug zu unterscheiden, sei für erfahrenes Radarpersonal einfach, zitiert die Washington Post einen Navy-Piloten.

Hat also möglicherweise eine unerfahrene Mannschaft das Feuerleitradar eines Luftabwehrsystems wie Buk verwendet, um eine Rakete auf ein nicht näher identifiziertes Ziel abzufeuern?

Das spräche dafür, dass prorussische Separatisten ein erobertes oder aus Russland stammendes Abwehrsystem eingesetzt haben in der Hoffnung, erneut eine ukrainische Transportmaschine zu zerstören.

Ein solches Szenario erscheint derzeit jedenfalls wahrscheinlicher, als dass ausgebildete Einheiten der russischen oder ukrainischen Luftabwehr das malaysische Flugzeug gezielt abgeschossen haben.