Abschlussbericht zu Kindesmissbrauch Ein unangenehmer Appell

Sie ist die oberste Kämpferin des Bundes gegen sexuellen Missbrauch: Ein Jahr lang hat sich die frühere Familienministerin Christine Bergmann mit dem Leid der Opfer beschäftigt, nun hat sie ihren Abschlussbericht vorgelegt. Den betroffenen Institutionen, darunter die katholische Kirche, dürften ihre Forderungen nicht gefallen.

Von Kathrin Haimerl

Mehr als ein Jahr lang hat sie Briefe und E-Mails von Menschen gelesen, die sexuell missbraucht wurden. Etwa 15.000 Anrufe und Briefe seien bei der Stelle eingegangen. Es haben sich Betroffene gemeldet, deren Missbrauch bereits Jahrzehnte zurücklieg. Und: Die Mehrheit der Anrufer hat zum ersten Mal über ihr Schicksal gesprochen.

An diesem Dienstag hat Christine Bergmann in Berlin den Abschlussbericht ihrer Arbeit als "Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs" vorgestellt. Dabei wurde auch deutlich, dass die erfahrene Politikerin, die im Kabinett von Gerhard Schröder Bundesfamilienministerin war, selbst überrascht war vom Ausmaß und den Folgen sexuellen Missbrauchs in der Gesellschaft. In einem aktuellen Interview mit der Zeit beschrieb sie in eindringlichen Worten, was sie aus den Schilderungen der Betroffenen mitgenommen hat: "Missbrauch dauert oft ein ganzes Leben, auch wenn die Taten selbst schon längt vorbei sind. Das Gefühl der Ohnmacht, der Hilflosigkeit bekommen die Betroffenen nicht mehr los. Es dringt ein in ihre Beziehungen, in ihre Familien, es raubt ihnen das Urvertrauen in andere Menschen."

Die zentrale Aussage des Berichts, der fast 300 Seiten umfasst: Den Betroffenen geht es um die Anerkennung des widerfahrenen Unrechts. Bergmann stellt denn auch weitreichende Forderungen an die Politik. Eine der wichtigsten davon dürfte eine Entschädigungsregelung sein, die nicht mit Pauschalsummen arbeitet. Betroffene Institutionen wie Kirchen oder Vereine sollen zumindest Kosten für Therapien erstatten, die nicht von anderen Trägern wie Krankenkassen übernommen werden.

Außerdem empfiehlt der Bericht, dass die betroffenen Einrichtungen auch finanzielle Entschädigung zahlen sollen, was auf freiwilliger Basis, aber nach gewissen Standards geschehen solle. Im Bericht ist die Rede von einer "angemessenen Anerkennungssumme". Eine konkrete Zahl wird nicht genannt: Angesichts der verschiedenen Formen sexuellen Missbrauchs werde davon abgesehen. Zudem sei es unmöglich, das Leid der Betroffenen durch eine Geldzahlung aufzuwiegen.

Bergmann regt in ihrem Bericht jedoch an, dass sich die Beträge an dem gerichtlich erzielbarem Schmerzensgeld zum Zeitpunkt des Missbrauchs orientieren sollen. Dies könnten theoretisch bis zu 50.000 Euro je Fall sein. Insbesondere diese Regelung stößt bei einem Vertreter der Opfer auf großes Lob: "Frau Bergmann fragt, wie wäre der Anspruch, wenn es die Verjährung nicht gäbe? Sie beschreitet damit einen Weg, der für alle Seiten gangbar ist", sagte Matthias Katsch, Sprecher der Opferinitiative "Eckiger Tisch", zu sueddeutsche.de. Er appelliere insbesondere an die Vertreter der katholischen Kirche, sich mit diesen Vorschlägen ernsthaft auseinanderzusetzen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Bergmann die Bedeutung der finanziellen Entschädigung herausstellt. Bei der Vorstellung ihres Zwischenberichts im vergangenen Jahr hatte sie ein Opfer zitiert, um den Gedanken dahinter zu verdeutlichen: "Eine Entschädigung zu bekommen, würde für mich bedeuten, dass endlich anerkannt wird, was mir zugestoßen ist und dass mich keine Schuld daran trifft."

In ihrem aktuellen Bericht empfiehlt Bergmann außerdem, dass der Bund einen Fonds einrichten soll für die Therapiekosten der Opfer, die in Familien missbraucht wurden. Eine unabhängige Schiedsstelle ("Clearingsstelle") soll die schriftlichen Anträge der Betroffenen prüfen und entscheiden, ob gezahlt wird. Diese Stelle soll von Experten wie Psychotherapeuten, Fachärzten und Sozialrichtern, aber auch Betroffenen besetzt sein, so Bergmann (Eine Zusammenfassung des Empfehlungskatalogs finden Sie hier).

Katsch von der Opfervereinigung Eckiger Tisch zeigte sich "hochzufrieden" mit dem Forderungskatalog. Er lobte die Missbrauchsbeauftragte dafür, dass diese versuche, "die Interessen der Betroffenen wiederzugeben". Neben den Schilderungen der Opfer sind in den Abschlussbericht auch Erkenntnisse aus einem Forschungsprojekt des Deutschen Jugendinstituts e. V. (DJI) zu sexuellem Missbrauch in Institutionen, eine Online-Befragung unter Psychotherapeuten sowie eine Auswertung von Expertisen von Beratungsstellung eingeflossen. Beschlossen ist damit aber noch nichts. Die Empfehlungen gehen an den runden Tisch "Sexueller Kindesmissbrauch".

Vorschlag der Bischofskonferenz - "eine Unverschämtheit"

Dieses Gremium, dem die Bundesmininsterinnen für Familie (Kristina Schröder, CDU), Justiz (Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, FDP) und Bildung (Annette Schavan, CDU) angehören, soll zusammen mit Experten und Verbänden über Aufklärung, Opferentschädigung und rechtspolitische Konsequenzen beraten. Zu diesen Vertretern gehört auch die katholische Kirche, die Bergmanns Bericht zufolge für etwa 45 Prozent aller Missbräuche in Institutionen verantwortlich ist. Sie dürfte wohl kaum Interesse daran haben, dass sich Bergmann mit ihren Forderungen durchsetzt. Das Gremium soll bis Ende 2011 arbeiten.

Die katholische Kirche war bereits im März diesen Jahres an den runden Tisch mit einem Entschädigungsvorschlag herangetreten: Demnach soll jedem minderjährigen Opfer sexuellen Missbrauchs bis zu 5000 Euro Entschädigung gezahlt werden. In besonders schweren Fällen seien auch zusätzliche Leistungen möglich, etwa die Übernahme der Kosten für eine Psychotherapie. Darüber hinaus soll es einen Präventionsfonds geben, der mit 500.000 Euro ausgestattet wird, dieses Angebot hatte die Bischofskonferenz dem runden Tisch der Bundesregierung vor zwei Monaten vorgelegt. Opfervertreter hatten die genannte Summe von 5000 Euro als "Unverschämtheit" bezeichnet. Sie hatten einen pauschalen Betrag von etwa 82.000 Euro verlangt.

Ihr Engagement zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs wird die SPD-Politikerin indes nicht mehr lange fortsetzen: Die Arbeit der Missbrauchsbeauftragten läuft im Oktober dieses Jahres aus. Betroffene, die sich bei Bergmann unter dem Schutz der Anonymität melden konnten, hatten sich immer wieder dafür ausgesprochen, dass die Bundesregierung weiter eine unabhängige Anlaufstelle einrichtet. Auf der Pressekonferenz in Berlin sprach sich auch Bergmann selbst dafür aus: "Das Thema muss bleiben, es muss weitergehen - auch unabhängig von meiner Person", sagte sie.

Den vollständigen Bericht finden Sie hier im Pdf-Format zu Download.